Israelis haben sich zu Beginn des höchsten Feiertags Jom Kippur vor einer Synagoge zum Gebet versammelt. | Bildquelle: AP

Corona-Krise in Israel Angst vor der Jom-Kippur-Infektionswelle

Stand: 28.09.2020 15:32 Uhr

Am höchsten jüdischen Feiertag waren gläubige Israelis in diesem Jahr angehalten, draußen zu beten. Epidemiologen warnen vor einer zweiten Ansteckungswelle "mit dem Segen der Regierung".

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Der Rabin-Platz in Tel Aviv ist ein eher weltlicher Ort, bekannt für die Demonstrationen der israelischen Friedensbewegung. Am Sonntagabend aber wurde dort gebetet: Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag, beginnt bereits am Vorabend. Vorne standen die Männer, dahinter die Frauen - fast alle in weiß gekleidet, mit Masken und Abstand zueinander. Zumindest diese Gläubigen hielten sich also an die Empfehlung der israelischen Regierung.

"Als Premierminister bete ich jedes Jahr an Jom Kippur in der Synagoge", sagte Benjamin Netanyahu in einer Videobotschaft an die Israelis. "Aber diesmal möchte ich Sie darum bitten, worum Sie bereits die Rabbiner gebeten haben: Gehen Sie dieses Jahr nicht in die Synagogen. Bleiben Sie draußen und schützen Sie damit Ihr Leben."

Geschlossene Synagogen am heiligen Tag? "Undenkbar"

Jom Kippur, der Tag der Sühne, ist in Israel auch ohne das Coronavirus ein außergewöhnlicher Tag. Viele Juden fasten. Auf Fernseh- und Radiosendern herrscht Funkstille. Autos fahren nur in absoluten Ausnahmefällen. In Tel Aviv fahren die Menschen mit ihren Fahrrädern auf den autofreien Straßen. Am Rabin-Platz trug etwa die Hälfte der Menschen zeitweise keine Masken. Und das, obwohl sich pro Kopf in Israel so viele Menschen mit dem Coronavirus infizieren wie in kaum einem anderen Land.

Leere Straßen an Jom Kippur: Die Israelis nutzen das Fahrverbot am höchsten jüdischen Feiertag. | Bildquelle: AP
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Leere Straßen an Jom Kippur: Die Israelis nutzen das Fahrverbot am höchsten jüdischen Feiertag.

Vor Monaten hatte die Regierung eine rote Linie definiert: 800 schwer an Covid-19 Erkrankte könne das Gesundheitssystem aushalten. Mehr nicht. Diese rote Linie wird schon bald überschritten werden. Das Virus soll auch in Synagogen häufig übertragen worden sein. Deshalb beschloss die Regierung, sie zu schließen - nicht jedoch an Jom Kippur.

Für diese Ausnahme hatte sich auch Arieh Deri eingesetzt: Der Koalitionspartner von Netanyahu, Innenminister und Vertreter einer ultra-orthodoxen Partei. "Wir sind ein jüdischer Staat. Dass die Synagogen an dem heiligen Tag Jom Kippur geschlossen werden, ist undenkbar", meint er. "Es hat auch eine symbolische Komponente. Aber ja: Ich bete draußen. Und auch die Rabbiner sind bemüht, so gut es geht draußen zu beten."

"Was für eine Botschaft senden wir damit aus?"

Die neu nachgewiesenen Infektionen bei ultra-orthodoxen Israelis stiegen zuletzt extrem an. Zwar riefen viele Rabbiner in der Tat dazu auf, draußen zu beten. Teile der ultra-orthodoxen Gesellschaft halten sich jedoch aus Prinzip nicht an Vorgaben des Staates. Hagai Levine macht all das große Sorgen. Er ist Epidemiologe und Professor an den Hadassah-Krankenhäusern in Jerusalem.

"Theoretisch könnte es in dieser Zeit in Israel zur größten Menschenansammlung der Welt kommen. In Synagogen oder auch draußen. Und das mit dem Segen der Regierung", befürchtet er. "Was für eine Botschaft senden wir damit aus? 'Nach Jom Kippur wird es ernst, aber vorher könnt Ihr euch alle noch mal treffen'? Das ist die völlig falsche Botschaft." Die Menschen müssten wissen, dass die Lage bereits sehr schlecht sei.

Vor etwa zehn Tagen feierten die Israelis das jüdische Neujahrsfest. Viele hielten sich an die Regeln, manche nicht. Aktuell steigen die Infektionszahlen rasant. Levine befürchtet, dass sich das nun wiederholt: dass in etwa zehn Tagen die Infektionen von Jom Kippur dokumentiert werden. Der Epidemiologe gehört einen wissenschaftlichen Gremium an, das die Regierung berät. Aber, sagt er, die Regierung habe nicht auf seine Gruppe gehört.

Jom Kippur in Israel: Superspreading am höchsten Feiertag?
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
28.09.2020 14:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. September 2020 um 05:45 Uhr.

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