Barack Obama
Interview

Interview mit US-Sicherheitsexpertin "Hinter den Kulissen macht Obama weit mehr Druck"

Stand: 10.05.2011 01:18 Uhr

Mit Blick auf die nationale Sicherheit würde US-Präsident Obama auch ein weiteres Mal eine Anti-Terror-Aktion wie die in Pakistan befehlen, sagt die US-Sicherheitsexpertin Bensahel. Ziel sei es jetzt, an Informationen über Al Kaida zu kommen. Das Gespräch führte ARD-Korrespondent Klaus Scherer.

Klaus Scherer

tagesschau.de: Frau Bensahel, welche Optionen bleiben dem US-Präsidenten, nun mit dem schillernden Alliierten Pakistan umzugehen?   

Nora Bensahel: Ich gehe davon aus, dass Präsident Barack Obama Pakistan hinter den Kulissen noch weit mehr Druck macht, als wir öffentlich mitbekommen, um an zuverlässige Informationen im Kampf gegen den Terror zu gelangen. Nicht nur, was die Möglichkeit angeht, die drei dort festgehaltenen Ehefrauen Bin Ladens selbst zu befragen. Das meiste wird dann sicher im Stillen ausgetauscht. Zu großer innenpolitischer Druck auf Pakistans Regierung wäre auch nicht im Sinne Washingtons.

Nora Bensahel vom Center for New American Security
Zur Person

Die Politikwissenschaftlerin Nora Bensahel unterrichtet Sicherheitspolitik an der Georgetown Universität in Washington. Sie arbeitete zuvor für die konservative RAND-Cooperation und ist heute beim "Center for New American Security" tätig. Ihr Schwerpunkt sind Widerstandbewegungen, internationale Koalitionen und Stabilität.

tagesschau.de: Muss Obama nicht den Eindruck vermeiden, dass die USA Pakistan bevormunden?

Bensahel: Der Präsident ist nicht so sehr besorgt, dass manche dort ihr Gesicht wahren. Es geht ihm in erster Linie um zuverlässige Quellen. Nicht nur, was Informationen über Al Kaida angeht, sondern auch über den Zustand des Atomwaffenarsenals. Dafür sind enge Beziehungen zum pakistanischen Geheimdienst und zum Militär nötig. Dass Obama manches öffentlich einfordert, stellt sicher, dass es die notwendige Aufmerksamkeit erhält.

tagesschau.de: Glauben Sie, die USA würden erneut eigenverantwortlich vorgehen, ohne Pakistan einzubinden? Etwa, wenn die Vereinigten Staaten bei der Analyse ihrer Datenbeute aus Bin Ladens Haus auf Hinweise zum Verbleib weiterer Al-Kaida-Mitglieder stoßen?

Bensahel: Wenn es Erkenntnisse sind, die ein sofortiges Vorgehen erfordern, ist es eher wahrscheinlich, dass die USA zunächst ohne Konsultation Pakistans handeln - aus denselben Gründen wie zuvor. Was alles andere angeht, das später einmal zu greifbaren Ergebnissen führen könnte, ist es wahrscheinlicher, dass die pakistanische Seite nun einbezogen wird. Letztlich aber werden die Vereinigten Staaten tun, was sie mit Blick auf ihre nationale Sicherheit für angebracht halten.  

"Pakistans Regierung steht unter erheblichem Druck"

tagesschau.de: Gehen Sie von einem Machtkampf in Pakistan aus, zwischen der Regierung und Kräften, die Al Kaida oder die Taliban unterstützen?

Bensahel: Sicherlich gibt es gegenwärtig Spannungen innerhalb der Regierung um die Frage, wie sie auf das Vorgehen Obamas reagieren soll. Die pakistanische Öffentlichkeit ist ja vor allem deshalb enttäuscht, weil es den USA gelungen ist, in den pakistanischen Luftraum einzudringen und eine 40-minütige Operation durchzuführen, ohne dass pakistanische Stellen darüber informiert waren und ohne dass es Pakistan gelungen ist, darauf zu reagieren.

Daraus könnte man ja folgern, dass Obama sich so auch die Kontrolle über die pakistanischen Nuklearwaffen sichern könnte. Oder dass es Indien gelingen könnte, unbemerkt in den pakistanischen Luftraum einzudringen. Das heißt, die Regierung steht unter erheblichem Druck.

Yousouf Raza Gilani, Regierungschef Pakistans

Pakistans Regierungschef Gilani hat den Vorwurf der USA einer Komplizenschaft mit Bin Laden zurückgewiesen.

tagesschau.de: Lassen Sie uns über die amerikanische Innenpolitik sprechen. Es gibt Forderungen des republikanischen Senators Richard Lugar, nun die Truppen rasch aus Afghanistan abzuziehen. Der Krieg koste das klamme Amerika 100 Milliarden Dollar pro Jahr. Wird der Druck wachsen?

Bensahel: Ich denke, die Rufe der Öffentlichkeit nach einem schnelleren Abzug werden lauter werden. Die meisten Amerikaner sehen die Terroranschläge des 11. September 2001 als den zentralen Grund für den Militäreinsatz in Afghanistan. Da Bin Laden nun tot ist, existiert folglich die Bedrohung für sie nicht mehr. Es ging natürlich immer auch darum zu verhindern, dass das Land wieder eine Operationsbasis für Terroristen werden würde. Es ist allerdings ausgesprochen schwierig für die Administration, dies einer amerikanischen Öffentlichkeit zu vermitteln, die den Krieg in Afghanistan schon lange nicht mehr unterstützt.  

"Den Kampf der Ideologien gibt es so nicht mehr"

tagesschau.de: Welche Veränderungen sehen Sie für die amerikanische Außenpolitik gegenüber der arabischen Welt?

Bensahel: Es gibt dort derzeit viele Demonstrationen für politische Reformen, die zeigen, wie viel Bedeutung Bin Ladens Ideologie schon vor seinem Tod verloren hatte. Al Kaida scheint nicht mehr die Resonanz zu finden, zum Beispiel beim Anwerben neuer Anhänger. Bin Laden hat immer verbreitet, dass die Vereinigten Staaten und andere Regierungen bekämpft werden müssten, weil sie Diktatoren in der arabischen Welt unterstützen, die ihre Völker unterdrücken. Und er hat stets argumentiert, dass Gewalt der einzige Weg dafür sei.

Die vergangenen Monate haben aber allen gezeigt, dass es auch andere Wege gibt. Das heißt nicht, dass die Terror-Bedrohung vorbei ist, aber es zeigt, dass es den Kampf der Ideologien, der nach den Anschlägen zu dominieren schien, so nicht mehr gibt.