Die brennenden Türme des World Trade Centers in New York (Archivbild)
Interview

Interview mit Ex-New-York-Korrespondent Baars "Der 11. September hat uns die Grenzen aufgezeigt"

Stand: 09.09.2011 11:23 Uhr

ARD-Korrespondent Gerald Baars war am 11. September 2001 Studioleiter in New York, wochenlang berichtete er über die Folgen der Anschläge und die Entscheidung zum "Krieg gegen den Terror". Im Gespräch mit tagesschau.de erinnert sich Baars an die Tage nach den Anschlägen - und spricht über die Grenzen des Journalismus.

tagesschau.de: Wie haben Sie die Anschläge am 11. September erlebt?

Gerald Baars: Ich war zu Dreharbeiten in Kanada und wollte eigentlich am Dienstagmorgen zurückfliegen. Ich war schon fast auf dem Weg zum Flughafen und machte im Hotelzimmer noch einmal den Fernseher an, als ich die ersten Bilder aus New York sah. Ich schickte daraufhin sofort meinen Kameramann in New York, Joseph McCarthy, zur Unglücksstelle - damals sah es ja zunächst noch nach einem Unglück aus. Er stand dann unter dem Südturm und drehte, als dieser einstürzte. Sein Assistent war zu diesem Zeitpunkt noch einmal zum Wagen zurückgegangen und war fest davon überzeugt, dass McCarthy unter den Trümmern liegt.

Gerald Baars
Zur Person

Gerald Baars, Jahrgang 1953, war von 2000 bis 2006 Leiter des ARD-Studios in New York. Er ist Autor zahlreicher Fernseh-Dokumentationen über die Anschläge vom 11. September 2001. Heute leitet Baars das WDR-Studio Dortmund.

Als ich die Nachricht erhielt, war ich völlig fassungslos. Ich versuchte ständig, mit dem Studio Kontakt zu halten. Weil der Luftraum kurz nach den Anschlägen gesperrt wurde, habe ich mich entschieden, mit dem Auto zurückzufahren - das waren 5000 Kilometer. Es war schwierig mitzubekommen, wie es im Studio weiterlief, weil das gesamte Telefonnetz in New York City zusammengebrochen war. Denn der Knoten für das Festnetz lag direkt unter dem World Trade Center. Und die Handyleitungen waren natürlich alle völlig überlastet.

Später erfuhr ich, dass mein Kameramann durch eine glückliche Fügung überlebt hatte. Das instinktive Einschreiten eines Polizisten, der die Scheiben des gegenüberliegenden World Finance Centers eingeschossen hatte, damit die Menschen sich in das Gebäude flüchten konnten, hatte ihn gerettet. Ich selbst bin nach 50 Stunden ohne Schlaf in New York angekommen.

Stichwort: Das World Trade Center

Das einstige Wahrzeichen New Yorks wurde 1973 an der Südspitze Manhattans fertiggestellt. Bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 waren die Zwillingstürme mit 415 und 417 Metern die höchsten Gebäude der Stadt. Jeder Turm hatte 110 Stockwerke, die durch jeweils 99 Aufzüge zu erreichen waren. Insgesamt hatte das World Trade Center eine Nutzfläche von rund 800.000 Quadratmetern. Etwa 50.000 Menschen arbeiteten hier, dazu kamen täglich rund 80.000 Besucher.

Die beiden Türme des World Trade Centers waren unter den ersten Wolkenkratzern, die im "Röhre-in-Röhre"-System gebaut wurden: Die innere Röhre wurde durch den Kern mit den Aufzugsschächten aus Beton gebildet, während die stählerne Fassade die äußere Röhre darstellt. Durch die Verbindung beider Röhren mit zirka 80 Zentimetern starken Stahlträgern wurde die Stabilität des Gebäudes erreicht. Bei der Planung wurde die Möglichkeit eines Absturzes einer Boeing 707 berücksichtigt. Dieser Flugzeugtyp ist rund 20 Prozent kleiner als eine Boeing 767, von der die beiden Türme schließlich getroffen wurden.

Bereits vor dem 11. September 2001 war das World Trade Center Ziel eines Anschlags: 1993 verübten radikale Islamisten einen Bombenanschlag auf das Gebäude, dabei starben sechs Menschen, mehr als 1000 wurden verletzt.

tagesschau.de: Wie haben Sie Amerika in den ersten Stunden nach dem Anschlag erlebt?

Baars: Auf dem Weg zurück nach New York konnte ich beobachten, wie das Land zusammenrückte. Zum Beispiel leuchten normalerweise an Baustellen Schilder mit dem Hinweis "Slow" auf, kurz nach den Anschlägen stand da aber "United We Stand!". Die Menschen hatten überall Flaggen aus den Fenstern gehängt. Es war ein ganz seltsames Gefühl.

Die brennenden Türme des World Trade Centers in New York (Archivbild)

11. September 2001: die brennenden Türme des World Trade Centers in New York

Flucht New York

Tausende fliehen in Panik, als der erste Turm einstürzt

Wie ein Roboter durchgearbeitet

tagesschau.de: Wie ging es nach Ihrer Ankunft in New York weiter?

Baars: Als ich ankam, hatte das verbliebene Studioteam vor Ort ebenfalls nicht geschlafen, sondern inzwischen verstärkt durch die Kollegin Christiane Meier und ProduktionskollegInnen aus Washington rund um die Uhr gearbeitet. Mein Hörfunkkollege Thomas Nehls ist trotz extremer Belastungen in der Hörfunkberichterstattung ebenfalls wiederholt eingesprungen. Hinzu kamen KollegInnen, die zufällig in New York im Urlaub waren.

Alle haben damals Übermenschliches geleistet. Denn es gab noch keine Verstärkung aus Deutschland, die Flughäfen waren ja alle gesperrt. Die Kollegen, die mich unterstützen sollten, kamen erst nach sechs Tagen in New York an. So bin ich dann auch aus dem Auto, habe sofort angefangen zu arbeiten und musste feststellen: Es ist möglich, sieben Tage überhaupt nicht zu schlafen. Ich habe wie ein Roboter durchgearbeitet - und bin so nicht zum Nachdenken gekommen.

Die Dimension des Ereignisses habe ich erst erfasst, als die Verstärkung eintraf und ich Zeit hatte, mit den Überlebenden zu sprechen. Fast jeder New Yorker hatte eine Verbindung zu den Opfern, es war also für alle Menschen in der Stadt ein tiefer Schock, auch für mich. Ich habe bis zu den Anschlägen als deutscher Korrespondent in New York gelebt - das waren damals schon knapp zwei Jahre gewesen. Nach den Anschlägen fühlte ich mich als deutscher New Yorker.

Nachbarn, die ich bislang nur vom Sehen kannte, fingen an, mit mir zu diskutieren: "Warum hassen sie uns?" Es gab sehr intensive Gespräche. Damals sind viele Freundschaften entstanden, allein dadurch, dass die Menschen zusammenrückten. Diese Solidarität äußerte sich zum Beispiel auch darin, dass die Supermärkte Fremde anschreiben ließen - es gab ja für einige Tage kein Bargeld mehr in der Stadt, weil die Kreditkarten nicht funktionierten. Das ist in einer anonymen Millionenstadt wie New York ganz und gar nicht selbstverständlich.

Einfach mitgeheult

tagesschau.de: Gibt es für Sie ein besonders einschneidendes Ereignis?

Baars: Meine eigenen Emotionen kamen erst vier Wochen nach den Anschlägen zum Ausbruch, bei einem Gespräch mit dem Chef des Investmentbüros Cantor Fitzgerald. Von seinen Mitarbeitern kamen am 11. September mehr als 600 ums Leben. Der Chef selbst hatte an dem Tag seine Tochter zur Einschulung gebracht, kam deshalb später zur Arbeit, und stand vor den Türmen, als diese einstürzten und seine Mitarbeiter - darunter auch sein eigener Bruder - starben.

Als dieser Mann mir seine Geschichte erzählte und dabei in Tränen ausbrach, da habe ich mitgeheult. Das ist dann kein Ereignis mehr auf dem Bildschirm, sondern man ist wirklich berührt.

Trauernde beim Gedenken an die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001

In New York trauerten die Angehörigen um die Opfer, deren Namen verlesen wurden. (2010)

Weinende Menschen am Ground Zero

Angehörige gedenken der Terroropfer des 11. September (2004)

tagesschau.de: Sie sind auch heute noch regelmäßig in New York. Wie sieht die Stadt jetzt aus, haben die Menschen den 11. September verwunden?

Baars: Die offensichtlichen Narben sieht man natürlich nicht mehr. Ground Zero ist heute eine Großbaustelle. Und bei vielen Menschen ist natürlich der Alltag wieder eingekehrt - New York ist eine hektische Stadt, in der es ums Geldverdienen geht.

Aber es gibt immer wieder Momente, in denen die New Yorker sehr sensibel reagieren. Jeder Unglücksfall - zum Beispiel der große Stromausfall vor einigen Jahren - führt sofort zur Unruhe. Es gibt eine höhere Sensibilität seit den Anschlägen. Denn die New Yorker wissen seitdem, dass sie angreifbar und verletzlich sind. Daraus resultiert eine gewisse Nachdenklichkeit. Auffällig wurde das zum Beispiel, als George W. Bush den Krieg gegen den Irak propagierte. Die New Yorker waren damals wesentlich kritischer als ihre Landsleute, viele stellten sich die Frage: "Wohin soll das führen, was kann das am Ende für Folgen haben?" Eben weil die Menschen in der Stadt von den Anschlägen unmittelbar betroffen waren.

Das ist, wenn inzwischen natürlich abgeschwächt, auch heute noch so. Als in diesem Jahr zum Beispiel Osama bin Laden getötet wurde, war die einzige Reaktion meiner Freunde in New York die Frage, warum das so lange gedauert hat. In Jubel brachen sie nicht aus, wie in anderen Teilen Amerikas.

tagesschau.de: Hätten Sie damals damit gerechnet, dass die USA mit einer solch großangelegten Kampagne wie dem "Krieg gegen den Terrorismus" auf die Anschläge reagieren?

Baars: Dass die USA damals ankündigten, die Drahtzieher der Anschläge zu verfolgen und zur Strecke zu bringen, hat mich nicht überrascht. Der Krieg gegen Afghanistan, um dort Al Kaida auszuschalten, hat ja einmütige Zustimmung gefunden. Ich habe noch nie erlebt, dass der UN-Sicherheitsrat nach nur 24 Stunden einstimmig eine Resolution verabschiedet und damit einen Krieg legitimiert hat. Was später geschah, nämlich ohne wirkliche Beweise und ohne ein Mandat der Vereinten Nationen einen Krieg gegen den Irak anzufangen, ist natürlich ein ganz anderes Thema.

Journalisten haben Fehler gemacht

tagesschau.de: Es gibt heute, zehn Jahre nach den Anschlägen, viele Kritiker der Berichterstattung. Ein Vorwurf: Viele Journalisten hätten sich von der Bush-Regierung instrumentalisieren lassen. Wie sehen Sie das?

Baars: Die Kritik ist in Teilen berechtigt - wir müssen uns heute fragen, ob wir alles richtig gemacht haben. Die Kollegen zum Beispiel, die damals in Washington waren und in Pressekonferenzen und Hintergrundgesprächen von der US-Regierung informiert wurden, haben den Krieg gegen den Terrorismus anders wahrgenommen und weitervermittelt, als ein Korrespondent in New York, der über die Debatten und die Konflikte aus Sicht der Vereinten Nationen berichtete. Das führte dann manchmal zu der Situation, dass der Korrespondent in Washington - nicht selbst, sondern in seiner Funktion als Berichterstatter - die Kriegsbegründung von George W. Bush referierte, während ich in New York berichtete, was der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan dazu sagte - nämlich, dass der Krieg gegen den Irak völkerrechtswidrig sei.

Ich glaube, dass ich versucht habe deutlich zu machen, dass zum Beispiel die Argumente für den Irak-Krieg nicht überzeugend waren. Etwa nach der Diashow, die der damalige US-Außenminister Colin Powell dem Sicherheitsrat präsentierte, um die angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak zu beweisen.

Die Medien haben manchmal Informationen zu schnell übernommen, die von der amerikanischen Regierung lanciert worden waren - vor allem in den USA selbst. Die "New York Times" hat sich später dafür förmlich entschuldigt. Natürlich sind deutsche Korrespondenten in den USA auch durch das geprägt, was sie in den amerikanischen Medien hören und lesen, und so haben wir deren Falschinformationen teilweise zu schnell übernommen.

Grenzen der Berichterstattung

tagesschau.de: "Zu schnell übernommen", sagen Sie. Was für Lehren können Journalisten aus den Fehlern ziehen?

Baars: Technisch sind wir heute in der Lage, sehr schnell zu berichten. Genau das stellt aber Korrespondenten vor eine schwere Aufgabe. Denn es ist schlicht und einfach unmöglich, nach nur wenigen Minuten eine einigermaßen fundierte Einschätzung zu geben. Es ist hilfreich, wenn man wenigstens noch eine halbe Stunde Zeit hat, um Informationen zu sammeln und sich ein Bild zu machen.

Ich habe aus dem 11. September gelernt, mich, wenn ich denn schon sofort berichten muss, nur auf das zu beschränken, was ich mit eigenen Augen gesehen habe oder hundertprozentig weiß. Und wenn ich andere Quellen verwende, ganz deutlich zu machen, was möglicherweise für Interessen dahinterstehen. Vor allem aber habe ich gelernt, um mehr Zeit zu kämpfen, damit ich Informationen sammeln kann, bevor ich eine Einschätzung abgebe. Qualität muss vor Schnelligkeit gehen.

Ein wichtiger Grund für die Beschleunigung des Nachrichtengeschäfts sind zweifellos die technischen Möglichkeiten. Aber der 11. September hat die Schwierigkeiten und die Grenzen einer solchen Berichterstattung deutlich gemacht.

Die Fragen stellte Jan Oltmanns, tagesschau.de