Interview

Interview zum Atomprogramm "Iran könnte atomwaffentaugliches Uran herstellen"

Stand: 09.02.2010 18:22 Uhr

Der Iran hat begonnen, Uran auf 20 Prozent anzureichern. Wofür es verwendet werden soll und was das bedeutet, erläutert der Physiker Liebert im tagesschau.de-Interview. Für ihn steht fest, dass das Land binnen Wochen oder Monaten atomwaffentaugliches Material herstellen könnte.

tageschau.de: Der Iran hat wie bereits angekündigt damit begonnen, Uran auf über 20 Prozent anzureichern. Monatlich sollen drei bis fünf Kilogramm produziert werden. Wofür benötigt das Land dieses stärker angereicherte Uran?

Wolfgang Liebert: Als Brennstoff für einen Forschungsreaktor in Teheran. Dieser wurde Ende der 60er Jahre von den USA geliefert, inklusive hochangereichertem - also atomwaffentauglichem - Brennstoff. Seit der Islamischen Revolution kam dann kein Brennstoff mehr ins Land. Allerdings erklärte sich Argentinien Ende der 80er Jahre bereit, den Reaktor umzurüsten. Nun kann er auch mit niedriger angereichertem Brennstoff von etwas unter 20 Prozent betrieben werden.

Und 1993 lieferte Argentinien dann auch etwa 116 Kilogramm entsprechendes, noch schwach angereichertes Uran. Und dieses Material müsste jetzt aufgebraucht sein oder zumindest in Kürze zur Neige gehen.

Iran Atomprogramm Interview anreicherung Natans "Wolfgang Liebert" 090210

Wolfgang Liebert ist promovierter Physiker und leitet die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit (IANUS) der Technischen Universität Darmstadt. Er beschäftigt sich unter anderem mit nuklearer Abrüstung, präventiver Rüstungskontrolle und Anreicherungstechnologien.

tageschau.de: Und was macht der Iran genau mit diesem Reaktor?

Liebert: Man benutzt ihn ganz allgemein zu Forschungszwecken. Das heißt, dass die zivile Nutzung der Atomkraft im Allgemeinen untersucht wird. Ein Beispiel ist die Energiegewinnung. Der Reaktor wird aber auch insbesondere zur Produktion von Isotopen genutzt, die in der Medizin eingesetzt werden.

tageschau.de: Woher stammt der Rohstoff für die Anreicherung?

Liebert: Der Iran betreibt selbst Uranminen. Diese haben zwar kein großes Potenzial, reichen aber in jedem Fall aus, um ein kleineres Atomprogramm - wie das zurzeit laufende - zu betreiben. Und man darf auch nicht vergessen, dass das Land bereits viele Tonnen Uranhexaflorid, das bei der Uran-Anreicherung eingesetzt wird, hergestellt hat. Und davon wurde ja bereits ein Teil in der kleineren Anlage in Natans verwendet. So wurden etwa 1500 Kilogramm schwach angereichertes Uran mit einer Konzentration von etwa dreieinhalb Prozent hergestellt. Und das könnte gut als Ausgangsbasis für die Anreicherung auf etwa 20 Prozent dienen. Damit ließe sich der Reaktor wieder für etwa zehn bis 20 Jahre betreiben.

Technik für atomwaffentaugliches Uran vorhanden

tageschau.de: Wenn der Iran schon eine große Ausgangsmenge besitzt, könnte diese auch so weit angereichert werden, dass daraus Atomwaffen gebaut werden könnten?

Liebert: Um das Uran gut für Waffenprogramme zu verwenden, müsste es bis mindestens 80 Prozent, eher aber auf über 90 Prozent angereichert werden. Dies ist im Prinzip auch möglich mit der Technologie, die der Iran beherrscht. Denn das Land verwendet so genannte Gas-Ultra-Zentrifugen.

Und das Beunruhigende an dieser Technik ist: Wer diese beherrscht, kann theoretisch auch schnell und ohne weitere technische Hürden zu so hohen Anreicherungsgraden kommen. Wenn der Iran atomwaffentaugliches Uran herstellen will, kann er dies aber nicht unter den Augen der IAEA machen. Allerdings könnte er statt in Natans auf eine zusätzliche kleinere Anlage wie zum Beispiel derjenigen nahe Ghom ausweichen.

Die Alternative wäre, die Inspekteure der IAEA einfach nach Hause zu schicken, das heißt den Nichtverbreitungsvertrag mit drei Monaten Frist zu kündigen. Dann könnte das Land sich auch in der bestehenden Anlage in Natans das Material für Atomwaffen produzieren.

Berichte über nukleares Waffenprogramm

tageschau.de: In der vergangenen Woche gab es weltweite Berichte, wonach der Iran an einer Form von Atomsprengstoff arbeitet, der auch mit weniger angereichertem Material bestückt werden könnte. Worum handelt es sich da genau?

Liebert: Die einfachste Form einer Uranbombe besteht darin, dass man wie in einem Kanonenrohr zwei unterkritische Uranmassen mit konventionellem Sprengstoff aufeinander schießt. Hinzu käme ein Neutronen-Initiator, sodass die Kettenreaktion für die nukleare Explosion starten kann. Die 'bessere' Methode ist die, die Komprimierung des Urans durch eine konzentrische Form der konventionellen Sprengung hinzubekommen. Dieser so genannte Implosionstyp ist allerdings weit schwieriger zu realisieren.

Die nun aufgetauchten Papiere legen nahe, dass der Iran vielleicht eine Zwischenform dieser beiden Methoden erforscht hat. Diese könnte die Vorteile des Implosionstyps nutzen, ohne die komplizierte elektrische Vorrichtung für die Zündung. Es ist die zentrale Frage, ob der Iran, parallel zu seinen Fortschritten bei der Anreicherung, tatsächlich ein eigenes Waffenprogramm aufgelegt hat.

"Die Hauptarbeit beim Uran ist schon gemacht"

tageschau.de: Die Berichte stützen sich auf interne Papiere der IAEA. Diese wagt aber keine Prognose, wie lange es dauern könnte, bis das Land die nötige Menge Uran und die Technik besitzt, um Atomwaffen zu produzieren. Welchen Zeitraum halten Sie für denkbar?

Liebert: Die Hauptarbeit beim Uran ist schon gemacht. Die bereits angereicherten 1500 Kilogramm ließen sich relativ schnell zu einer atomwaffentauglichen Konzentration bringen - da sprechen wir von Wochen oder Monaten. Allerdings stets vorausgesetzt, dass der Iran das unbeobachtet tun kann. Entscheidend wäre dann, dass auch gleichzeitig ein Programm zur Entwicklung nuklearer Waffensysteme erfolgreich ist. Ich denke dies wäre maßgeblich für den Zeitraum.

tageschau.de: Der Iran beteuert stets, sich an die Auflagen der IAEA zu halten. Halten sie dies für realistisch?

Liebert: Diese Frage ist sehr schwierig zu beantworten. Denn die Inspekteure sind zwar im Land und erfahren auch immer noch sehr viel. So können sie zum Beispiel immer wieder Zahlen vorlegen, wieviel Uran angereichert wird oder was an Technik da ist. Aber eine geheime Anlage kann die IAEA eigentlich nicht aufdecken. Sie kann nur mit dem arbeiten, was deklariert und bekannt ist. Dies beschränkt ihre Arbeit. Für weitere Informationen ist man eher auf Geheimdienste angewiesen, und diese können ja auch interessengeleitet arbeiten. Eine andere Option sind unabhängige Gruppen im Iran. So wurde die Anreicherungsanlage in Natans erst dadurch bekannt, dass eine Oppositionsgruppe im Land den Hinweis gegeben hatte.

tageschau.de: Kann es auch sein, dass der Iran schlichtweg blufft?

Liebert: Der Iran ist in der Lage, Uran anzureichern, auch zu atomwaffentauglichen Konzentrationen, dies ist Fakt. Der Bluff könnte aber darin bestehen, sich lediglich die Option offen zu halten, ein Waffenprogramm zu schaffen. Schließlich kann man auch damit Politik machen. Die zweite Möglichkeit wäre, dass der Iran auf dem zivilen Pfad bleibt. Die dritte Möglichkeit könnte auch sein, dass es schon längst kein ausschließlich ziviles Programm mehr ist und auch an Waffensystemen geforscht wird. Alle drei Möglichkeiten stehen dem Iran zur Verfügung, durch die technischen Möglichkeiten die er hat. Wie diese politisch eingesetzt werden, das ist für mich schwierig zu beantworten.

Das Interview führte Stefan Keilmann, tagesschau.de

Stichwort: Urananreicherung

Angereichertes Uran kann unter anderem zur Energiegewinnung, in der Medizin oder in Nuklearwaffen eingesetzt werden. Entscheidend ist der Grad der Anreicherung. Natur-Uran enthält nur zu 0,7 Prozent spaltbares Material (Uran 235). In vier unterschiedlichen und technisch sehr aufwendigen Verfahren kann der Uran-235-Anteil erhöht werden.

Für die Verwendung in gängigen Kernreaktoren muss Uran zwischen drei und fünf Prozent Uran 235 enthalten, damit es der Energiegewinnung dienen kann. Für den Einsatz in medizinischen Reaktoren - etwa für die Krebstherapie - wird ein Anreicherungsgrad von 20 Prozent benötigt. Militärische Kernwaffen müssen Uran mit einem Anreicherungsgrad von mindestens 80 Prozent enthalten.