Rot-Kreuz-Mitarbeiter im Libanon
Interview

Welttag der humanitären Hilfe "Das Rote Kreuz ist der einzige Schutz"

Stand: 19.08.2014 12:01 Uhr

Weil immer mehr Splittergruppen an Konflikten beteiligt sind, wird humanitäre Arbeit gefährlicher, sagt Christian Hörl vom Roten Kreuz. Besonders betreffe das die einheimischen Helfer. Im Gespräch mit tagesschau.de zum Welttag der humanitären Hilfe betont er: "Sie sind die wahren Helden."

tagesschau.de: Konflikte werden weltweit immer unübersichtlicher, wie man an den aktuellen Krisen in der Ukraine, im Irak oder in Syrien sehen kann. Was bedeutet das für die humanitäre Arbeit?

Christian Hörl: Unsere Arbeit ist sehr viel schwieriger geworden. Früher waren es meist zwei Staaten, die sich bekämpft haben, oder in einem Bürgerkrieg klare Konfliktparteien, beispielsweise Regierung und Opposition. In den vergangenen zehn bis 20 Jahren hat die sogenannte Asymmetrie der Kriegsführung deutlich zugenommen. Es gibt immer mehr Beteiligte in einem Konflikt, die augenscheinlich für eine Sache kämpfen, aber doch alle ihre eigenen Interessen haben.

In Syrien beispielsweise gibt es viele tausend Splittergruppen, verschiedene Stämme, Abspaltungen der Opposition und der islamistischen Gruppen. Unsere Neutralität und Unparteilichkeit ist bei diesen Gruppen oft nicht bekannt oder anerkannt. Da wird es für die freiwilligen und hauptamtlichen Mitarbeiter vor Ort, in diesem Fall vom syrischen Roten Halbmond, immer schwieriger allen Akteuren zu erklären, wer wir sind, was wir tun und dass wir nur der betroffenen Zivilbevölkerung helfen wollen und sonst niemandem.

Es gibt sehr viel Misstrauen, auch wenn es um Hilfsleistungen geht, wie man am aktuellen Beispiel des russischen Hilfskonvois in der Ukraine sehen kann. Da fragen sich die Kriegsparteien oft, was da gebracht wird und ob wir damit nicht vielleicht dem Gegner helfen.

Hörl
Zur Person

Christian Hörl ist stellvertretender Leiter der Abteilung Internationale Zusammenarbeit beim Deutschen Roten Kreuz. Er koordiniert alle internationalen Einsätze der Organisation, auch durch Projektaufenthalte vor Ort. Das Deutsche Rote Kreuz ist Teil der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung, der nationale Organisationen in 189 Ländern angehören.

"Mitarbeiter vor Ort müssen mehr Risiken eingehen"

tagesschau.de: Welche Auswirkungen hat das für ihre Mitarbeiter vor Ort?

Hörl: Es ist für humanitäre Organisationen extrem schwierig geworden, die Ansprechpartner zu identifizieren, mit denen wir in einen vertrauensvollen Dialog treten können und mit denen wir dann den sicheren Zugang zu bestimmten Gebieten oder Bevölkerungsgruppen aushandeln können.

Dadurch ist das Leben unserer Mitarbeiter vor Ort auch viel mehr in Gefahr als früher. Die Hauptlast der Arbeit und das Hauptrisiko tragen die einheimischen Mitarbeiter unserer Partnerorganisationen vor Ort. Sie sind die wahren Helden, denn sie können nicht - wie wir internationale Mitarbeiter - sagen, in dieses Land fahre ich nicht, das ist mir zu gefährlich. Sondern sie leben ja dort, es ist ihr zu Hause.

Und sie müssen wegen der unsichereren Gemengelange immer mehr Risiken eingehen, um diese Arbeit noch vernünftig zu machen. Allein in Syrien haben wir in den vergangenen drei Jahren 37 freiwillige Helfer des Roten Halbmondes verloren. Bei den aktuellen Angriffen im Gazastreifen sind zwei Helfer des palästinensischen Roten Halbmondes getötet und viele verletzt worden.

"Opferzahlen und Brutalität deutlich gestiegen"

tagesschau.de: Woran liegt es, dass die Risiken gestiegen sind?

Hörl: Die Opferzahlen unter den Helfern und die Brutalität der Angriffe ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Es gibt bei diesen Splittergruppen nicht mehr so klare Kommandostrukturen. In Afghanistan beispielsweise hat sich über viele Jahrzehnte hinweg ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen den Taliban und dem Roten Kreuz herausgebildet. Da gab es die klare Ansage, dass sie uns unsere Arbeit machen lassen. In Syrien hingegen mangelt es an einer klaren Struktur bei den nicht-staatlichen Kämpfern.

Außerdem beobachten wir, dass es bei den Konflikten der jüngeren Zeit immer häufiger Verstöße gegen die Regeln des humanitären Völkerrechts gibt. Der Tod von Zivilisten wird immer häufiger in Kauf genommen oder Zivilisten werden als lebende Schutzschilde verwendet. Und das trifft dann genauso auch die Helfer.

Erschießungen, Entführungen, Enthauptungen

tagesschau.de: Werden humanitäre Mitarbeiter auch gezielt angegriffen?

Hörl: Auch das haben wir in den vergangenen Jahren immer wieder erlebt, auch wenn es nicht sehr häufig ist. Im Sommer dieses Jahres ist ein Mitarbeiter des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) in Libyen gezielt erschossen worden, vor zwei Jahren wurde ein IKRK-Mitarbeiter in Pakistan nach einer Entführung enthauptet, auch im Südsudan gab es gezielte Tötungen von humanitären Helfern.

Davon sind in der Regel westliche humanitäre Helfer betroffen, weil Terrormilizen entweder den Westen schockieren wollen oder bei Geiselnahmen hohe Lösegelder erhoffen. Derzeit sind in Syrien noch einige Mitarbeiter in den Händen von Entführern. Das Rote Kreuz zahlt aber grundsätzlich kein Lösegeld. Entführungen kommen zwar in einer gewissen Regelmäßigkeit vor, meist werden die Mitarbeiter aber durch Verhandlungen relativ bald wieder freigelassen.

Hilfgüter für Pakistan

Mitarbeiter des roten Halbmondes mit Hilfsgütern für Pakistan

Aus Prinzip keine schusssicheren Westen

tagesschau.de: Wie stellt sich das Rote Kreuz auf die verschärfte Sicherheitslage ein?

Hörl: Wir investieren viel Zeit und Geld in Sicherheitstrainings unserer Mitarbeiter. Wir schicken nur sehr erfahrene Mitarbeiter in Krisenregionen und analysieren die Sicherheitslage vor Ort genau: Also, wo gibt es Kampfhandlungen? In welche Gebiete können wir nicht fahren?

Aber wir rüsten nicht auf. Unsere Mitarbeiter kommen nicht mit gepanzerten Fahrzeugen oder schusssicheren Westen, wir haben keine bewaffneten Sicherheitskräfte dabei. Wir setzen allein auf das Rote Kreuz oder den Roten Halbmond als Schutzzeichen.

tagesschau.de: Was spricht gegen schusssichere Westen, um die eigenen Mitarbeiter zu schützen?

Hörl: Wir wollen jeden Anschein vermeiden, Teil der kriegerischen Auseinandersetzung zu sein, und auch durch unser Auftreten unsere Neutralität und den rein humanitären Auftrag vermitteln. Wenn wir gepanzert kommen würden, würde uns viel mehr Misstrauen entgegengebracht.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de

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KOMMENTARE

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osabedor1 19.08.2014 • 16:37 Uhr

15:16 von tick tack tick tack

solange das leid der "passiv" kriegsbeteiligten nur auf deren schultern und auf denen von hilfsorganisationen lastet, müssen sich die "eigenen" kämpfer "nur" gegen den "feind" wehren. wie aber in den vsa während des vietnamkrieges gut zu beobachten war (und da war es "nur" das leiden und sterben der soldaten) wird bei steigendem druck der jeweiligen bevölkerung auf die verantwortliche regierung, deren bereitschaft den konflikt anders als mit waffengewalt zu lösen durchaus erhöht. auch ist es durchaus vorstellbar, daß das ein aktuell noch nicht direkt betroffener bevölkerungsteil bei der aussicht auf leiden ohne adäquate hilfe erwarten zu können auch zum kriegsgegner wird und die unterstützung der kriegstreiber unter das notwendige maß sinkt.