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Interview

Akhanli im Interview "Plötzlich bist du Terrorist"

Stand: 21.08.2017 04:49 Uhr

Der Schriftsteller Akhanli ist von seiner Verhaftung in Spanien vollkommen überrascht worden. Der gebürtige Türke hatte bereits traumatische Erfahrungen mit Sicherheitskräften gemacht - und fühlte sich nun daran erinnert. Im Interview mit den tagesthemen schildert er seine Gefühle.

Jan-Peter Bartels

tagesthemen: Wie geht es Ihnen?

Dogan Akhanli: Ich habe meinen Schock überwunden, weil ich jetzt auf spanischem Boden frei herumlaufen kann. Aber ich war sehr schockiert, als sie mich gestern früh festgenommen haben - gerade in Granada, in der Stadt von Federico García Lorca! Dort festgenommen zu werden ist keine sehr poetische, sondern eine schreckliche Erfahrung.

tagesthemen: Sie waren im Urlaub, haben nichts Böses gedacht - und dann das ...

Akhanli: Das ist wirklich erschreckend, weil ich dachte, dass ich in Europa sicher bin. Ich dachte, die türkische Willkür und Arroganz kann Europa nicht erreichen. Aber wahrscheinlich stimmt das nicht ganz. Das internationale Recht, welches an sich ja gut ist, missbrauchen sie einfach. Das hat mit Rechtsstaat nichts zu tun.

Ich finde es schade, weil die spanische Demokratie eine Erfahrung hat mit Franco und dem Faschismus und solchen Tricks, wie sie jetzt gerade von der Türkei versucht worden sind - die Spanier müssen es wissen, dachte ich. Aber da habe ich mich wohl geirrt.

tagesthemen: Was bedeutet das für Sie?

Akhanli: Mein Sicherheitsgefühl ist gestern um acht Uhr im Hotel gebrochen worden. Ich hatte mein Trauma mit der Polizei eigentlich überwunden. Als es an der Tür klopfte, war das einzige, was ich nicht gedacht habe, dass dort die Polizei steht. In der Türkei denkt man so etwas ja schonmal, wenn zu einer komischen Zeit geklopft wird. Aber in Spanien hat mich das überrascht, als Beamte vor der Tür standen.

Und sie waren auch selbst überrascht, weil sie einen Terroristen gesucht haben und dann stand ein zierlicher alter Mann vor ihnen. Das Bild passte nicht, da erschreckten sich die Polizisten auch. Einer wollte erst einmal meinen Ausweis sehen.

tagesthemen: Wie ist das abgelaufen?

Akhanli: Die Polizisten waren bewaffnet - aber man muss sagen, dass sie im Rahmen geblieben sind. Sie sind nicht in das Zimmer eingedrungen, vielleicht auch nicht, weil ich in der Unterhose die Tür aufgemacht habe und meine Frau noch im Bett lag.

Sie haben wohl irgendwie erkannt, dass in der Situation keine Bedrohung von unserer Seite kommen konnte. Deshalb haben sie vor der Tür gewartet, bis ich meinen Ausweis gezeigt hatte. Und als die dann wussten, dass ich derjenige bin, den sie suchen - obwohl ich nicht wie ein Terrorist aussehe -, haben sie mich mit Handschellen auf die Polizeiwache gebracht und in eine Zelle gesperrt.

tagesthemen: Wie wurden Sie behandelt?

Akhanli: Ich wurde sehr nett behandelt, muss ich sagen - sehr korrekt. Aber das war schon eine Erfahrung. Denn wenn man einmal ein Festgenommener ist, ändert sich der Blick der Menschen. Man ist schuldig. In den Gesichtern der Beamten sieht man, dass sie nicht einen Menschen anschauen, sondern dich als Täter sehen. Man ist das, was auf dem Papier steht: ein Terrorist oder Mörder. Das ist eine sehr unangenehme Erfahrung, gerade wenn man unschuldig ist und nichts getan hat.

tagesthemen: Was erwarten Sie von Bundesregierung?

Akhanli: Ich hätte nie eine so schnelle Reaktion der deutschen Politik erwartet. Durch die Berichterstattung der deutschen Medien hat die - ich würde behaupten - höchste Ebene der Politik reagiert, und das auch ziemlich schnell und gut. Ich bin auch etwas stolz und froh, dass ich deutscher Bürger bin und diese Unterstützung habe. Das ist im Moment die einzige Sicherheit für mich, dass ich Deutscher bin. Es gibt keine andere Sicherheit, aber es ist vielleicht die einzige und beste.

tagesthemen: Fürchten Sie, dass man Sie an die Türkei ausliefert?

Akhanli: Bei der Politik kann man das ja nie wissen. Normalerweise darf ein europäisches Land jemanden nicht an ein Land ausliefern, in dem eigentlich kein rechtsstaatlicher Prozess zu erwarten ist. Ich bin kein Anwalt, aber als Schriftsteller würde ich behaupten: Das darf doch nicht wahr sein, dass man jemanden an ein Land, in dem immer noch Ausnahmezustand herrscht und in dem der Rechtsstaat mit Füßen getreten wird, ausliefert. Denn ein faires Verfahren kann man in so einem Land nicht erwarten.

Das ist wie im Fall von Denis Yücel. Er ist Journalist, es gibt keine offizielle Anklage - er ist einfach eine Geisel, weil Erdogan sauer ist, dass er kritisch berichtet. Deshalb finde ich es schade, dass die Spanier diese willkürliche Aufforderung der Türkei so ernst nehmen.

tagesthemen: Wer bezahlt das alles?

Akhanli: Ich muss alle Kosten selbst tragen und denke jetzt auch darüber nach, wie ich das bezahlen kann. Immerhin finde ich es toll, dass ich frei bin und nicht in Untersuchungshaft sitze. Mein spanischer Anwalt wollte mich damit beruhigen, dass die spanische Untersuchungshaft sehr viel besser sei als die türkische - und das glaube ich auch. Aber ich habe die Nase voll von den ganzen Untersuchungshaften und Gefängnissen.

tagesthemen: Haben Sie Angst?

Akhanli: Ja, ich habe ein Stück weit Angst, das muss ich zugeben. Normalerweise dürfen die Spanier mich nicht ausliefern. Irgendeinen Grund, den man nicht voraussehen kann, könnten sie aber finden. Das wäre ein Skandal.

Ich möchte sehr gerne nach Deutschland fahren und meine Ruhe haben. Ich glaube, hier auf spanischem Boden, wenn ich auch frei bin, kann ich nicht diese Freiheit genießen. Denn es ist ja keine richtige Freiheit, solange ich einen Auslieferungsprozess am Hals habe. Und das ist für mich eine sehr bedrohliche Situation. Mit dieser Bedrohung zu leben, ist kein tolles Gefühl.

Die Fragen stellte Jan-Peter Bartels, HR.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 20. August 2017 um 22:45 Uhr.