Indonesische Studenten beten, während Polizisten vor dem Parlamentsgelände in Jakarta Wache stehen, 01. Oktober 2019. | Bildquelle: ADI WEDA/EPA-EFE/REX

Proteste in Indonesien Ärger über "Kein Sex vor Ehe"-Plan

Stand: 02.10.2019 11:30 Uhr

Einst war Indonesien für seinen toleranten und weltoffenen Islam berühmt. Heute drängen konservative Kräfte auf ein Gesetz, das Sex vor der Ehe strafbar machen soll. Nicht nur die Jugend im Land ist entsetzt.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

Feuerwerksraketen-gleich steigen Tränengasgranaten auf, ihr Funkenschweif erhellt den Abendhimmel - beißende, graue Reizstoffwolken ziehen durch Jakarta.

Sprechchöre, Protestgesänge, Steine prasseln auf die Schilde der Polizisten, Barrikaden brennen. Seit über eine Woche schon protestieren in ganz Indonesien die Studenten, immer wieder kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Zwei Demonstranten starben, über 300 Menschen wurden verletzt.

Sex außerhalb der Ehe soll künftig strafbar sein

Die Wut gilt einer Strafrechtsreform, die einerseits die Rechte der Anti-Korruptionsbehörde massiv beschneiden soll. Korruption ist ein großes Problem in dem 260-Millionen-Einwohner-Inselstaat, und Kritiker befürchten, dass künftig der Willkür, Bestechung und Erpressung durch Polizisten und andere Amtsträger Tür und Tor geöffnet werde.

Die zweite geplante Gesetzesänderung ist ein Zugeständnis an die konservativen Muslime im Land: Sex außerhalb der Ehe soll künftig strafbar sein. Andreas Harsono von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch spricht von einem Desaster:

"Nicht nur für Minderheiten wie Schwule, Lesben oder Transgender. Sondern für alle Indonesier. Es wird das Land von oben nach unten kehren. Es wird die Wirtschaft beschädigen, es wird den Tourismus berühren. Es wird Leute dazu bringen, ihre Nachbarn auszuspionieren, es öffnet dem Denunziantentum Tür und Tor. Es wird ein Desaster für Indonesien sein."

Verbot von außerehelichem Sex gilt nicht nur für Indonesier

Denn das geplante Verbot von außerehelichem Sex gilt natürlich nicht nur für Indonesier. Welches internationale Unternehmen also wird künftig noch Mitarbeiter mit unverheirateten Lebenspartnern nach Jakarta schicken? Welches junge Paar noch Urlaub auf Bali machen wollen, wenn es befürchten muss, von Tugendwächtern angezeigt zu werden?

Präsident Joko Widodo hat jetzt jedenfalls die Abstimmung im mit Stacheldraht gesicherten Parlament über die umstrittene Reform erst einmal verschoben. Weniger wegen der massiven Proteste - glaubt Menschenrechtsaktivist Harsono - sondern wegen der möglichen wirtschaftlichen Folgen.

"Präsident Jokowi hat dieses Gesetz urspürnglich unterstützt. Aber nach Reisewarnungen aus Australien, nach Warnungen des Gourvernours von Bali und einigen anderen Touristenhochburgen, hat Jokowi begriffen, dass dies ein Problem werden könnte - wirtschaftlich.“

Streit um den wahren Glauben

Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Regierungspläne offenbaren den wachsenden Einfluss konservativer Muslime in einem Land, das lange für seinen toleranten und weltoffenen Islam berühmt war. Zwar hat Joko Widodo sich bei den Wahlen In diesem Jahr gegen die islamistischen Hardliner durchsetzen können - doch als Vizepräsident einen konservativen islamischen Rechtsgelehrten gewählt, um die Religiösen zu besänftigen.

"Einheit in Vielfalt"  lautet das Motto des Landes mit den weltweit meisten Muslimen, doch der Streit um den vermeintlich wahren Glauben nimmt mehr und mehr Fahrt auf. Und Yoko Widodo - einst als Reformer und Obama Südastasiens gefeiert - muss mehr und mehr Zugeständnisse  machen.

Kein Sex ohne Ehe - Brennende Barrikaden in Jakarta
Holger Senzel, ARD Singapur
02.10.2019 06:29 Uhr

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Über dieses Thema berichtete SWR3 am 02. Oktober 2019 um 07:38 Uhr.

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