Ein Mann trägt ein Blech aus den Trümmern seines von Zyklon "Amphan" beschädigten Hauses, Westbengalen/Indien | Bildquelle: REUTERS

Indien nach Zyklon "Amphan" Verwüstung trifft auf Virusangst

Stand: 06.06.2020 11:44 Uhr

Vielen in den Regionen Indiens, über die im Mai der Zyklon "Amphan" hinwegfegte, ist kaum etwas geblieben. Der Wiederaufbau ist schwierig und wird begleitet von der Sorge vor der Corona-Pandemie.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Zerfetzte Stromkabel, vom Wirbelsturm gepeitscht, blitzen im Regen und knistern in Pfützen. Stundenlang, während der Zyklon "Amphan" über der Stadt Kolkata gewütet hat.

Aparna Gayen hat lange um auf ihren Ehemann gewartet, der nicht von der Arbeit nach Hause gekommen ist:

"Es wurde immer später. Wie mir seine Kollegen erzählt haben, sei er auf dem Weg nach Hause gewesen. Aber die Straße war überschwemmt, er ist hingefallen und dann war da wohl dieses Stromkabel neben ihm. Dann ist es passiert. Wir haben eine Tochter, die ist erst zehn Jahre alt. Mein Mann war der einzige, der Geld verdient hat in unserer Familie. Ich habe keine Ahnung, wie es jetzt für uns weitergehen soll."

Unter Quarantäne in zerstörten Vierteln

Vom Tod ihres Mannes erzählt Aparna Gayen am Telefon. Sie darf nun nicht einmal mehr ihre Wohnung verlassen. Denn in ihrem Viertel gab es zu viele Menschen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben.

Die Behörden in Indien bezeichnen solche Gegenden als Hotspots. Davon gibt es in den großen Städten des Landes immer mehr. Die Menschen in diesen Hotspots dürfen für mehrere Tage ihre Wohnungen nicht verlassen. Dabei leben viele Einwohner nun in Häusern, die der tropische Wirbelsturm - mit Geschwindigkeiten von mehr als 140 Stundenkilometern und Regengüssen mit mehr als 40 Litern pro Quadratmeter - zerstört hat.

So wie bei Raju Biswas, einem Busfahrer aus Kolkata:

"Es hatte so heftig geregnet und die Windböen waren extrem. Meine Mutter wollte gerade Tee zubereiten, mein jüngerer Bruder lag auf seinem Bett. Plötzlich ist die Wand eingebrochen und hat die beiden unter sich begraben. Dann kann ich mich an nichts mehr erinnern."

Raju Biswas Arm ist gebrochen. Sein Herz aber hat eine viel tiefere Wunde: Seine Mutter und sein Bruder sind gestorben.

Tausende leben in Auffanglagern

"Alles um uns herum ist zerstört", das soll die Regierungschefin von Westbengalen gesagt haben. Während des Zyklons saß Mamata Banerjee in einer Kommandozentrale in Kolkata. Zwei Tage nach dem Zyklon hat sich diese Aussage für sie bestätigt. Aus einem Flugzeug heraus ist die Regierungschefin über ihren Bundesstaat Westbengalen geflogen: über überflutete Felder, zerbrochene Dämme, zerstörte Häuser. Tausende Menschen leben nun in Auffanglagern.

Parbati Halder ist in einer Grundschule untergebracht, mit 150 weiteren Menschen. Sie schlafen auf Matratzen in den Klassenzimmern, soziale Distanz sei kaum machbar. Aber das ist auch gerade ihre geringste Sorge: "Seit mehr als zwei Wochen trage ich nun jeden Tag nur diesen Wickelrock. Der Zyklon hat mir alles genommen, was ich besessen habe. So einen Sturm habe ich noch nie gesehen, es ist nichts mehr da. Unsere Hühner, unsere Kühe - alle ertrunken. Wir sind am Ende."

Ein Mann sitzt auf den Trümmern seines von Zyklon "Amphan" zerstörten Hauses, Satkhira/Bangladesch. | Bildquelle: AFP
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Auch in Bangladesch richtete der Sturm verheerende Schäden an.

Folgen des Zyklons werden noch Monate anhalten

Wegen der Corona-Krise können Journalisten nicht selbst nach Westbengalen reisen. Ein lokaler Journalist hilft und schickt Bilder und die Tonaufnahmen der Menschen nach Neu-Delhi. Zusammen mit Anshuman Das ist er in die Dörfer der Sunderbans gefahren - über zerstörte Straßen, durch überflutete Feldwege.

Anshuman Das leitet hier für die Welthungerhilfe den Wiederaufbau. Die Sunderbans gehören zum UNSECO-Weltnaturerbe. Die Mangrovenwälder, die vom Zyklon zerstört wurden, sind für die Umgebung extrem wichtig.  Sie halten normalerweise viele Fluten auf, von denen die Menschen in den Sunderbans oft betroffen sind.

In 27 Dörfern reparieren die Mitarbeiter der Welthungerhilfe Wasserpumpen, damit die Menschen wieder ausreichend Trinkwasser zur Verfügung haben. Sie bauen Hütten wieder mit auf und versorgen die Menschen in den Auffanglagern mit Essen.

Fläche von mehr als 50.000 Fußballfeldern überflutet

Aber das ist nur der Anfang, sagt Anshuman Das. Die Menschen in den Sunderbans würden noch viele Monate mit den Folgen des Zyklons zu kämpfen haben: "Mehr als 50.000 Hektar Land sind mit Salzwasser aus dem Meer überspült worden." Das sind weitaus mehr als 50.000 Fußballfelder. "Das macht es für die Bauern extrem schwer, in naher Zukunft hier etwas anzubauen", sagte Anshuman Das weiter, "wir werden sie unterstützen: mit Saatgut von Früchten und Gemüse, das in salzigen Böden wachsen kann. Das wird wohl unsere Hauptaufgabe sein, nach zwei Monaten der Soforthilfe."

Im Moment aber ist erst einmal wichtig, dass die Menschen bald wieder ein eigenes Dach über dem Kopf haben. Sogar die indische Armee hilft dabei: Dämme müssen neu aufgebaut werden, auch einfache Zäune, um die Menschen vor den Tigern in der Region zu schützen. Vor zehn Jahren hat ein bengalischer Tiger den Ehemann von Arati Sardar getötet. Die Witwe sitzt nun völlig verzweifelt in der kleinen Grundschule und kann sich kaum vorstellen, wie ihr Leben in Zukunft aussehen soll:

"Am Morgen nach dem Zyklon bin ich in unser Dorf gegangen. Ich habe versucht, unser Haus zu finden. Es ist nichts mehr davon übrig. Ich muss jetzt ganz allein damit fertig werden, was der Zyklon hier angerichtet hat. Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll."

Zurück in die Heimat - trotz Ausgangssperre

Tausende Wanderarbeiter sind während der wochenlangen Ausgangssperre tagelang über die Highways von Indien gelaufen, um zurück zu ihren Dörfern zu gelangen. Auch nach Westbengalen. In den Städten haben sie nichts mehr verdienen können, mussten ihre kleinen Zimmer aufgeben. Sie wollten zurück zu ihren Familien, in ihre kleinen Häuser oder Hütten. Aber ihre Heimat hat Zyklon "Amphan", der heftigste Wirbelsturm seit mehr als zwei Jahrzehnten, einfach hinweggerafft.  

Wanderarbeiter und Menschen, die aufgrund der Folgen des Wirbelsturms Amphan in Kalkutta gestrandet sind, in einer Schlange für Lebensmittel, Indien. | Bildquelle: AFP
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Tausende Wanderarbeiter versuchten nach dem Zyklon in ihre Heimat auf dem Land zurückzugelangen.

Unglück im Unglück – Nach Zyklon: Obdachlos in Corona-Krise
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
06.06.2020 10:53 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Mai 2020 um 12:45 Uhr.

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