BJP-Wahlkämpfer in Indien
Interview

Parlamentswahl in Indien Modi soll Indien aus der Krise führen

Stand: 16.05.2014 08:44 Uhr

Der sich abzeichnende Sieg von Oppositionsführer Modi schürt vor allem bei Muslimen Ängste. Auch im Westen ist er umstritten. Warum der Hindu-Nationalist in Indien so populär ist, erklärt Korrespondent Webermann im tagesschau.de-Interview.

tagesschau.de: In den Umfragen liegt der Hindu-Nationalist Narendra Modi klar vorne. Warum ist Modi so populär in Indien?

Webermann: Modi hat aus seiner Regierungszeit im Bundesstaat Gujarat große Erfolge vorzuweisen. Zumindest hat er den dortigen Wirtschaftsaufschwung als seinen Erfolg verkauft. Er wirbt etwa damit, dass er die Infrastruktur fit gemacht hat. In Gujarat gibt es eine dauerhafte Stromversorgung, das ist für Indien sehr ungewöhnlich.

Nicht mal in der Hauptstadt Neu-Delhi ist das Netz stabil. Und er lockt Konzerne an. Er steht für eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik. Deshalb setzen die Inder große Hoffnungen in ihn. Schaut man jedoch genauer hin, sieht man, dass besonders die Armen in Gujarat nicht von dem Aufschwung profitiert haben.

Jürgen Webermann, NDR | NDR/Christian Spielmann
Jürgen Webermann

berichtete als Reporter immer wieder aus Südasien. Seit 2013 ist er ARD-Korrespondent in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi.

Kontakt via Twitter @webermannj

tagesschau.de: In Gujarat - wo er seit zwölf Jahren regiert - ist er aber auch mitverantwortlich für die Diskriminierung von Muslimen. Droht dem Land mit einem Premierminister Modi eine innere Spaltung - immerhin leben mehr als 100 Millionen Muslime in Indien?

Webermann: Das befürchten hier viele Menschen. Modi weiß, dass er seine Gujarat-Politik nicht eins zu eins auf das ganze Land übertragen kann. Dafür ist Indien zu groß, dafür leben hier zu viele verschiedene Völker. Als Premier müsste er viel moderater auftreten als bisher. Das hat er teilweise schon im Wahlkampf berücksichtigt.

Dennoch halte ich die Sorgen der Muslime für berechtigt. Es gibt viele subtile Formen der Diskriminierung von Muslimen. Modi geht zum Beispiel damit hausieren, dass er Privilegien von Minderheiten streichen will. Spannend wird sein, welchen Einfluss die Jugendorganisation seiner Partei - hier dominieren stark rechtsgerichtete Hindus - auf eine Regierung um Modi ausüben kann.

Modi schneiden - das kann sich niemand leisten

tagesschau.de: Wegen seiner Verstrickung in ein Massaker an mindestens 1000 Muslimen in Gujarat 2002 hatte er Einreiseverbote in die EU und die USA. Welche Konsequenzen hätte seine Wahl für die Außenwirkung von Indien?

Webermann: Ich glaube nicht, dass es große Konsequenzen hätte. Das liegt auch daran, dass die westlichen Staaten mittlerweile wieder auf Modi zugegangen sind. Auch Deutschland. So hat der deutsche Botschafter wieder den Kontakt zu Modi gesucht. Die Einreiseverbote sind teilweise schon wieder aufgehoben. Indien ist wirtschaftlich viel zu wichtig, als dass man es sich leisten könnte, Modi an der Einreise zu hindern. Ich erwarte, dass er eine moderate Außenpolitik fahren wird, auch um Investoren aus dem Ausland zu werben.

"Gandhi fehlt es an Charisma und Wille"

tagesschau.de: Liegt die Stärke von Modi nicht auch daran, dass sein Hauptkonkurrent, der Kongress-Kandidat Rahul Gandhi, ein so uncharismatischer und farbloser Gegner ist?

BJP-Wahlkämpfer in Indien

Oppositionsführer Modi ist extrem populär - sein Gegner Gadhi gilt als farblos.

Webermann: Ja, das spielt auch eine Rolle. Der Name Gandhi zieht hier in Indien zwar immer noch, Rahul Gandhi hat es aber an Charisma und Willen gefehlt, sich im Wahlkampf zu behaupten. Denn schon vorher war klar, dass es schwer werden würde. Das liegt an dem großen Frust der Bevölkerung über die Politik der amtierenden Kongress-Regierung. Es gab in den vergangenen Jahren viele große Korruptionsskandale. Dazu kam eine hausgemachte Wirtschaftskrise, die Rupie hat massiv an Wert verloren. Das ist der Hauptgrund, weshalb die meisten Menschen Modi gewählt haben.

tagesschau.de: Die Gandhis waren über Jahre die prägende Familie für die indische Politik. Nun droht das Aus für den Gandhi-Clan. Ist das eine Zeitenwende für Indien?

Webermann: Es ist sicherlich etwas Neues, dass ein Gandhi so schlecht abschneidet. Allerdings haben auch andere Familienmitglieder schon Wahlniederlagen eingesteckt. So wurde etwa Indira Gandhi, die Großmutter von Rahul, in den 1970er-Jahren abgewählt. Schon oft haben die Menschen gesagt, die Kongress-Partei stehe vor dem Nichts. Ich würde sie aber definitiv nicht abschreiben. Denn noch gibt es Gandhis. Zum Beispiel Rahuls charismatische Schwester Priyanka. Derzeit aber fehlt es an zugkräftigen Köpfen.

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"Ein Kandidat wie die Grünen"

tagesschau.de: Neben Modi und Gandhi gibt es noch einen dritten prägenden Mann im Wahlkampf: Arvind Kejriwal von der neugegründeten "Partei des kleinen Mannes". Wofür steht er?

Webermann: Kejriwal tritt als gewöhnlicher kleiner Mann auf, obwohl er hochgebildet ist. Er kommt aus der Anti-Korruptions-Bewegung. Das ist Wasser auf die Mühlen vieler Inder, denn Korruption ist das Hauptproblem im Land. Viele Wohlfahrtssysteme sind quasi auf Korruption ausgelegt. Dagegen kämpft Kejriwal und hatte damit bei den Regionalwahlen in Neu-Delhi großen Erfolg. Viele Inder sagen: Kejriwal ist gut, aber er hat nicht das Zeug zum Premierminister. Deswegen wählen wir lieber Modi, um den Wechsel zu erreichen.

tagesschau.de: Welche Rolle könnte Kejriwal spielen?

Webermann: Man könnte ihn vielleicht mit den Grünen in den 1980er-Jahren vergleichen. Kejriwal wird einer sein, der den Mächtigen auf die Finger schaut. Er weiß, wie man Korruptionsskandale aufdeckt, sie öffentlich macht und wie man daraus einen politischen Skandal entwickelt. Insofern wird seine Rolle eine sehr wichtige sein.

Die Rückkehr des Wirtschaftsbooms?

tagesschau.de: Ist es denn denkbar, dass Modi und Kejriwal gemeinsame Sache machen? Immerhin habe sie ein gemeinsames Thema: den Kampf gegen Korruption.

Webermann: Nein, das glaube ich nicht, weil Kejriwal inhaltlich der Kongress-Partei näher steht. Außerdem lehnt er die Vermischung von Religion und Staat ab.

tagesschau.de: Trauen Sie Indien unter Modis Führung die Rückkehr zum einstigen Boom zu?

Webermann: Ja, durchaus. Es gibt viele Ökonomen die sagen, dass Investoren Schlange stehen. Auffällig war zum Beispiel, wie positiv die Börsen auf die ersten Prognosen in dieser Woche reagiert haben, die Modi vorne sahen. An der Börse kommt er schon mal gut an. Wenn er es schafft, einen Teil seiner Gujarat-Politik im ganzen Land umzusetzen, dann stehen die Chancen gut.

Das Interview führte Florian Pretz, tagesschau.de