Soldaten in der Altstadt von Srinagar | Bildquelle: ARD/ Silke Diettrich

Wahlen in Kaschmir Stimmabgabe unter Gewehrläufen

Stand: 18.04.2019 09:59 Uhr

Die Parlamentswahlen in Indien gehen in die zweite Phase. Heute wird unter anderem in Kaschmir gewählt. Viele Bewohner der Konfliktprovinz haben das Vertrauen in die Demokratie aber schon lange verloren.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi, zzt. Srinagar

Landeanflug auf Srinagar, der Sommerhauptstadt von Kaschmir. Passend zur Musik aus den Lautsprechern die Sicht aus dem Flugzeugfenster: Schneebedeckte Berge, weiße Blüten an Aprikosenbäumen, Tannenwälder - eine wundervolle Welt!

Beim harten Aufsetzen des Fliegers allerdings bricht das Bild: Kasernen auf dem Militärflugplatz, Panzer und Stacheldraht. In Kaschmir herrscht kein Krieg, aber auf zehn Einwohner kommt ein Soldat. Es ist das höchst militarisierte Friedensgebiet auf der ganzen Welt. Seit Jahrzehnten wollen die Menschen in Kaschmir ihre Unabhängigkeit. Indien und Pakistan aber wollen die Region nicht aufgeben, schon drei Kriege haben sie deswegen geführt.

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Wahlen in Kaschmir

Sicherheitskräfte und Hunde in der Altstadt von Srinagar

Die Straßen in Srinagar sind am Wahltag menschenleer. | Bildquelle: ARD/ Silke Diettrich

Fast 700.000 indische Soldaten vor Ort

Vor wenigen Wochen standen die beiden Nuklearmächte wieder kurz vor einem Krieg. Auslöser war ein Anschlag in Kaschmir. "Wir hatten große Angst", sagt die Studentin Rahila, die mit ihrer Freundin Zahida auf dem Campus der Kaschmir Universität auf dem Rasen sitzt. "Wir sind hier doch mittendrin und bekommen am meisten davon ab." Zahida ergänzt: "Es war ein Albtraum. Überall waren Flugzeuge und Hubschrauber. Es war psychisch für uns alle sehr anstrengend."

Dabei sind die beiden schon einiges gewohnt. Sie haben ihre Heimatstadt Srinagar noch nie ohne Soldaten gesehen. Indien hat fast 700.000 Sicherheitskräfte in Kaschmir stationiert. Beschützt fühlen sich die Doktorandinnen von ihnen nicht: "Das sind unsere Feinde", sagen sie. "Wir versuchen immer, uns von denen fern zu halten. Mal umarmen sie uns - und dann töten sie uns. Wir trauen denen hier nicht über den Weg."

Kein Teil von Indiens Demokratie

Seit ihrer Geburt leben sie im Ausnahmezustand. Weder sie noch ihre Familien haben jemals an Wahlen teilgenommen. Nicht aus Angst vor Anschlägen, obwohl es die hier auch schon vor Wahllokalen gegeben hat. Sie haben einfach das Gefühl, kein Teil von Indien zu sein. Schon gar nicht von Indiens Demokratie, die hier auch ständig außer Kraft gesetzt werde, wie Khurram Parvez sagt.

Der Aktivist dokumentiert seit Jahren, wie die Menschenrechte in Kaschmir mit Füßen getreten werden. "Leute werden hier zuerst verhaftet, und dann kommt vielleicht später ein Haftbefehl", sagt Parvez. "Sie können Menschen festhalten, ohne dass Verhandlungen stattfinden." Es gebe ein drakonisches Gesetz, das dem Schutz der Öffentlichkeit dienen soll. "Ohne etwas in der Hand zu haben, können sie dich mit diesem Gesetz einfach in Gewahrsam nehmen."

Soldat in Kaschmir | Bildquelle: ARD/ Silke Diettrich
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Etwa 700.000 indische Soldaten sind in Kaschmir stationiert.

Geringe Wahlbeteiligung erwartet

Auch der Attentäter, der vor wenigen Wochen die Soldaten mit in den Tod gerissen hat, soll mehrfach unter diesem Gesetz in Haft gewesen sein. Seine Eltern sagen, er sei dort auch gefoltert worden. Der 22-Jährige aus einem kleinen Dorf in Kaschmir löste beinahe den Krieg zwischen zwei Nuklearmächten aus.

Damit brachte er den Konflikt in Kaschmir, unter dem die Menschen hier schon seit Jahrzehnten leiden, wieder zurück in die Weltöffentlichkeit. Besonders, so sagt die Studentin Rahila, treffe es die Kinder: "Die können dir hier alle Arten von Geschossen nennen, die die Soldaten benutzen. Sie wissen, wie Tränengas funktioniert oder wie gefährlich Schrotkugeln sind. Wissen Kinder aus eurem Land, welche Waffe wie genutzt wird?"

Es ist unwahrscheinlich, dass bei diesen Erfahrungen die Kinder hier zu potenziellen Wählern werden. Schon bei den letzten Parlamentswahlen haben in der Stadt Srinagar nicht einmal zwölf Prozent der Einwohner abgestimmt.

Wahlen in der Terrorprovinz Kaschmir
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
18.04.2019 11:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. April 2019 um 06:25 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".

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