Meherunnisa vor der Tür des Clubs The Social | Bildquelle: J. Webermann / ARD

Rollentausch in Indien Die Rausschmeißerin von Delhi

Stand: 08.03.2017 06:00 Uhr

Meherunnisa ist eine kleine Berühmtheit in ihrem Viertel: Ausgerechnet im patriarchalisch geprägten Indien arbeitet die 30-Jährige als Türsteherin - und schmeißt auch mal jemanden raus. Eine Frau, die mit Traditionen bricht.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Das Hauz Khas Village in Neu-Delhi ist das Szeneviertel der indischen Hauptstadt. Kneipen, Bars auf Dachterrassen, kleine Galerien und Shops von Modedesignern locken vor allem junge, wohlhabende Menschen an. Eine der bekanntesten Adressen: der Club "The Social". Der Eingang dieser Bar ist der Arbeitsplatz von Meherunnisa Shaukat Ali. Meherunnisa ist Türsteherin. Sie schaut genau, wer hier rein kommt - und wer nicht.

"Es gibt oft Probleme. Gäste werden wütend", erzählt Meherunnisa. "Sie meinen, dass wir zu grob mit ihnen umgehen. Dann fragen sie, warum wir ihre Sachen anfassen und dass wir das lassen sollen. Spätestens dann muss ich den Manager rufen."

Manche Männer bekommen Angst

Meherunnisa sagt, dass sie die Gäste des Clubs beschützen will. In schwarzer Jacke, schwarzer Hose und mit schwarzen Handschuhen steht sie abends vor dem "Social", für viele Inder ist das immer noch ein sehr ungewöhnliches Bild: "Die Männer haben mich früher immer angestarrt. Das hat mich genervt. Als ich ihnen sagte, dass ich Türsteherin sei, bekamen sie aber Angst. Sie dachten, ich würde ihnen eine mitgeben."

Eigentlich wollte die 30-Jährige Polizistin werden. Aber als sie vor einigen Jahren stolz eine Uniform nach Hause brachte und ihrem Vater von ihrem Wunsch erzählte, riss er ihr die Kleidungsstücke weg und verbrannte sie.

Meherunnisa stammt aus einer armen, sehr konservativen Welt. Ihr Zuhause ist eine winzige Einzimmerwohnung, in der sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester lebt. Ihr Vater, Shaukat Ali, kam einst als Gastarbeiter in die Stadt. "In meiner Kultur ist es Frauen nicht erlaubt, vor die Tür zu treten, nicht einmal auf den Balkon", erzählt er. "Eine Ausbildung bekommen sie nicht. So habe ich auch gedacht. Als meine Frau die Mädchen in die Schule schickte, fragte ich, warum das nötig sei."

Meherunnisa beim Krafttraining im Fitnessstudio | Bildquelle: J. Webermann / ARD
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Meherunnisa beim Krafttraining: Stark sein für die Sicherheit der Gäste

Dass sie als Türsteherin arbeitet, hat Meherunnisa ihrem Vater lange verheimlicht. Inzwischen hat sich Shaukat Ali damit arrangiert. Vielleicht auch, weil er selbst keine richtige Arbeit mehr hat. Meherunnisa hält die Familie mit ihrem Job über Wasser.

Auch im Gym die einzige Frau

Und im Kraftraum hält sich die junge Türsteherin fit. Hier trainieren eigentlich nur Männer. Aber auch das macht Meherunnisa nichts aus. "Ich muss fit sein, um die Sicherheit anderer Menschen garantieren zu können. Wenn es Krach gibt, muss ich Leute aus dem Club schmeißen. Und dafür muss ich stark sein."

Meherunnisa ist inzwischen im Hauz Khas Village eine kleine Berühmtheit. Sie hat sogar schon Bollywood-Schauspieler als Bodyguard begleitet. Frauenzeitschriften haben über sie berichtet. Aber wäre es nach der Tradition gegangen, wäre Meherunnisa längst verheiratet. Sie würde einem Mann sowie dessen Familie gehören.

Meherunnisa ist heilfroh, dass sie mit dieser Tradition gebrochen hat.

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J. Webermann, ARD Neu-Delhi
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Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio Kultur am 08. März 2017 um 05:43 Uhr

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