Lal Bihari Mritak und seine Mitstreiter

Kampf gegen Behörden Die lebenden Toten aus Indien

Stand: 29.11.2019 03:14 Uhr

Weil sie an sein Erbe wollten, ließen Verwandte Lal Bihari für tot erklären. Jahrelang kämpfte der Inder dafür, wieder lebendig zu werden. Tausenden Landsleuten geht es wie ihm.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Lal Bihari Mritak ist am 30. Juli 1976 gestorben - offiziell. Denn er lebt und seine Augen blitzen, als er seine Sterbeurkunde aus dem Dokumentenordner zieht. Mritak ist die Bezeichnung für einen Verstorbenen. Die Verwandten hatten den heute 62-Jährigen während seiner Abwesenheit für tot erklärt und sich seinen Besitz unter den Nagel gerissen.

"Mein Vater ist gestorben, als ich noch sehr jung war. Ich musste schon als Kind bei einem Weber in Varanasi arbeiten. Als ich nach Jahren zurück nach Hause kam, gehörte mein Land plötzlich meinen Cousins. Ich dachte, mir wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Wie soll man sich auch fühlen, wenn man für tot erklärt wurde, während man eigentlich noch am Leben ist? Die Leute haben mich als Leiche beschimpft, als Geist und als Teufel. Das war nicht leicht. Aber je mehr sich die Leute über mich lustig gemacht haben, desto entschlossener wurde ich, um mein Leben zu kämpfen."

Lal Bihari Mritak
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18 Jahre lang kämpfte Lal Bihari gegen die Behörden in Indien.

Kreative Versuche

18 Jahre lang versuchte Lal Bihari bei den Behörden seines Heimatbezirks Azamgarh im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh zu erreichen, dass der amtliche Totenschein ungültig gemacht wird - vergeblich. "Ich habe alles Mögliche versucht, damit ich in offiziellen Unterlagen wieder als lebender Mensch auftauche. Ich wollte, dass mich die Polizei verhaftet, denn dann hätte ich ja einen schriftlichen Beweis meiner Existenz", berichtet er.

Doch als Toter war Lal Bihari geradezu vogelfrei. Er konnte machen, was er wollte. Die Polizei und andere Behörden ignorierten ihn. Offiziell war er für sie gestorben, so sein Anwalt, Krishna Kanier Pal.

"Er hat seinen Neffen entführt, aber die Polizei hat nichts unternommen, weil die Leute sagten, er mache das nur für einen Haftbefehl und werde dem Jungen sowieso nichts tun. Dann wollte er bei den Wahlen gegen Premierminister Rajiv Gandhi antreten, aber seine Kandidatur wurde abgelehnt, weil er ja tot war. Und dann hat er im Parlament Unruhe gestiftet und Papiere von der Zuschauertribüne runter geworfen. Er wurde zwar aus dem Saal geführt, aber weil er ja offiziell tot war, wurde keine Anzeige gegen ihn erstattet."

Lal Bihari kämpft für Entschädigung

Die Machtstrukturen in der indischen Bürokratie seinen für das Schicksal seines Mandanten verantwortlich, sagt sein Anwalt. Inzwischen sei der zwar wieder offiziell am Leben, nach dem Gesetz stehe ihm aber wegen Behördenfehlern eine Entschädigung zu.

"Wenn in Indien ein Finanzbeamter durch die Dörfer geht und die Leute sagen ihm, der oder der sei gestorben, dann reicht es, dass dieser Beamte dies an die Behörden weitergibt und sie stellen den Totenschein aus. Und wenn das erst mal in den Unterlagen des Finanzamtes steht, kriegt man das nicht mehr weg."

Lal Bihari hat dadurch keine finanziellen Hilfen des Staates in Anspruch nehmen können und sein Geschäft ist pleite gegangen. Er hat sich über viele Jahre als Tagelöhner über Wasser gehalten, um seine Familie ernähren zu können. Heute stehen sie gut da, aber sie haben seit 1976 unter der Situation gelitten. Biharis 30-jähriger Sohn Vijay kann heute darüber lachen. Aber als Kind sei es schwer gewesen, sagt er. Alle hätten ihn wegen seines lebenden toten Vaters gehänselt.

"Meine Klassenkameraden und sogar die Lehrer haben immer gesagt, hier kommt der Sohn eines Geistes und haben über mich gelacht. Aber mir war eher zum Heulen zumute. Und wenn ich heute meine Geburtsurkunde irgendwo vorlegen muss, werde ich nach meinem Vater gefragt, denn da steht, ich sei der Sohn eines Toten. Dann erzähle ich immer die ganze Geschichte."

Auch die 77-jährige Bhawani wurde für tot erklärt
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Auch die 77-jährige Bhawani wurde für tot erklärt. Ihre Tochter hilft ihr finanziell.

Die Story ist kein Einzelfall

Schon bald soll ein Film über das abenteuerliche Schicksal von Lal Bihari Mritak in die Kinos kommen. Der berühmte indische Filmemacher Satish Kaushik hat sich des Themas angenommen. Diese Geschichte müsse unter die Leute, sagte Kaushik einem indischen Online-Magazin. "Jeder sollte davon erfahren, wie dieser Mann um sein Leben gekämpft hat." Dabei ist die Story kein Einzelfall. Für Schicksalsgenossen hat Lal Bihari Mritak einen Verein gegründet. Fast täglich kämen Männer und Frauen aus der Umgebung oder von weit her, denen ähnliches passiert sei.

"1980 habe ich den Club der Toten gegründet und seitdem kämpfe ich für diese Leute, die meist sehr arm sind und keine Mittel haben, das Land, das ihnen weggenommen wurde, zurückzufordern. Die Behörden bleiben oft stur und schicken die Leute auf den langen und aussichtlosen Weg durch die Gerichtsinstanzen. Ich kann ihnen mit meiner Erfahrung helfen und Dank meiner Popularität, die ich inzwischen habe, können wir auch was erreichen."

Vor dem Haus warten gleich mehrere Untote, denen es ähnlich gegangen ist wie Lal Bihari Mritak. Etwa die 77 Jahre alte Frau Bhawani. Der Bruder ihres verstorbenen Mannes hatte sie für tot erklären lassen, damit das Haus seines Bruders im Besitz seiner Familie bleibt. Die Witwe wurde dadurch obdachlos.

"Mein Schwager hat mir alles weggenommen. Ich bekomme nicht mal etwas von dem, was auf meinem Grund und Boden angepflanzt wird. Wenn mir meine Tochter nicht helfen würde, hätte ich nichts zu essen. Denn in meinem Alter kann ich nicht mehr auf dem Feld arbeiten."

In ganz Indien, so schätzt Anwalt Krishna Kanier Pal, gibt es Tausende lebende Tote.

Indien: Interview mit einem Untoten
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
29.11.2019 05:43 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. November 2019 um 07:52 Uhr.

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