Tausende Inder stehen dicht an dicht auf einer Demonstration in Mumbai. | Bildquelle: STR/EPA-EFE/Shutterstock

Wanderarbeiter in Indien Massenproteste gegen Ausgangssperren

Stand: 15.04.2020 11:21 Uhr

Drei weitere Wochen sollen die strikten Ausgangssperren in Indien andauern. Hunderttausende Wanderarbeiter sind mittellos gestrandet. Die Angst vor Hunger treibt viele von ihnen zum Protest auf die Straßen.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Die Nachrichtensender in Indien schalten live nach Mumbai. Tausende Menschen haben sich hier vor einem Bahnhof versammelt, dicht an dicht. Aber seit mehr als drei Wochen fahren keine Züge mehr im Land. Es sind vor allem Wanderarbeiter und Menschen aus den Slums, die protestieren, weil sie nicht wissen, wie sie ohne Geld an Essen kommen sollen.

"Wir bekommen gar nichts von der Regierung", sagt Shabahz wütend in eine Kamera. "Die Regierung hatte uns versprochen, dass sie uns unterstützen würde, auch mit Geld. Aber sie hat bislang nichts geliefert."

Wanderarbeiter gestrandet

Schon zu Beginn der Ausgangssperre vor drei Wochen waren in den Großstädten Hunderttausende Menschen auf die Straße gegangen. Wanderarbeiter etwa, die zurück in ihre Dörfer wollten, weil sie die Miete in den Städten nicht mehr zahlen können. Von heute auf morgen konnten sie nicht mehr auf Baustellen arbeiten, keine Kleinigkeiten mehr in den Straßen verkaufen, nicht mehr in Haushalten helfen. Weil das gesamte Land fast komplett unter Hausarrest steht.

Polizisten treiben Demonstranten mit Stöcken auseinander. | Bildquelle: dpa
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Polizisten treiben Demonstranten mit Stöcken auseinander.

Die Regierung hatte Hilfspakete in der Höhe von umgerechnet 20 Milliarden Euro versprochen. Anscheinend kommen die Hilfen nicht bei allen an, erzählt auch die Hausangestellte Shabna. "Wir haben nichts mehr zu tun. Ich habe kleine Kinder und die bekommen nun nichts mehr zu essen. Was sollen wir machen?"

In Mumbai befindet sich auch der größte Slum von Südasien. Das Gebiet ist gerade einmal so groß wie der Tiergarten in Berlin, aber hier leben mindestens 700.000 Menschen dicht an dicht. Hunderte Menschen teilen sich hier ein öffentliches Klo. Oft gibt es nicht genügend Wasser, die Menschen müssen sich welches kaufen. Aber es ist zu wertvoll, um sich damit ständig die Hände zu waschen.

Arbeiter schlafen in leeren Schulen

Überall in den Städten sind schon seit mehreren Wochen die Schulen geschlossen, viele Kinder haben hier bislang täglich ihr Mittagessen bekommen. Nun finden hier Armenspeisungen statt, einige Wanderarbeiter schlafen in den Klassenzimmern. Viele aber wollen einfach nur nach Hause, zu ihren Familien auf die Dörfer.

Hausarrest bedeutet hier für viele, in aufgeheizten, winzigen Zimmern ausharren zu müssen. Die Hitze in den Städten von Indien steigt derzeit von Tag zu Tag, in Delhi und Mumbai liegen die Temperaturen jetzt schon bei weit über 30 Grad.

Die aufgeheizte Stimmung bei den Demonstranten in Mumbai habe die Polizei aber gut unter Kontrolle bringen können, sagt der stellvertretende Polizeipräsident der Stadt, Pranaya Ashok: "Die Arbeitsmigranten waren unglücklich darüber, dass die Ausgangssperre verlängert wurde. Wir haben versucht, sie davon zu überzeugen, wieder zu gehen. Dann wurden einige aggressiv und wir mussten milde Härte walten lassen, um sie auseinanderzutreiben." Auf den Videos ist zu sehen, wie Polizisten mit langen Stöcken um sich schlagen und auf Demonstranten einprügeln.

Jetzt, wo die Straßen im ganzen Land wie leergefegt sind, gerieten plötzlich die Menschen ins Blickfeld, die sonst verborgen seien. Das sagte die Bestseller-Autorin Arundhati Roy in einem Interview mit einer großen Tageszeitung. "Die Tagelöhner, auf deren Rücken die Wirtschaft funktioniert, haben ihre Jobs verloren. Sie werden behandelt wie Abwasser, das aus einer Fabrik abgelassen wird."

Drei Wochen danach ist drei Wochen davor – 1,3 Milliarden Inder weiterhin unter Quarantäne
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
15.04.2020 06:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. April 2020 um 06:22 Uhr.

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