Reportage aus Islamischer Uni in Neu-Delhi Indiens Parlament - fast ohne Muslime

Stand: 04.06.2014 01:57 Uhr

15 Prozent der Inder sind muslimisch. Doch im neuen Parlament, das heute zum ersten Mal zusammentritt, sitzen nach dem Wahlsieg der Hindu-Partei BJP kaum noch Muslime. Studenten der Islamischen Uni Neu Delhis können sich darüber regelrecht in Rage reden - sind aber durchaus nicht einer Meinung.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Namra hat es geschafft. Die 22-jährige studiert englische Literatur an der "Jamia Millia Islamia", doch sie will unbedingt in die sozialwissenschaftliche Fakultät wechseln. Wer an der renommierten Nationalen Islamischen Universität in Neu-Delhi einen Abschluss machen will, der muss sich anstrengen. Die Konkurrenz ist hart. Es gibt viel mehr Bewerber als Studienplätze. Derzeit laufen die Aufnahmeprüfungen für das neue akademische Jahr.

Ein Riesenthema in den indischen Medien

Vom neuen indischen Parlament erwartet Namra vor allem vor allem in zwei Bereichen Höchstleistungen: "Die Abgeordneten müssen als erstes mit der Korruption Schluss machen. Und dann müssen sie sich um uns Muslime kümmern."

Nur 22 der 543 Abgeordneten im Unterhaus sind Muslime - so wenig wie noch nie. Das entspricht einer Quote von etwa vier Prozent, obwohl inzwischen 15 Prozent der Bevölkerung muslimisch sind. Für die indischen Medien ist das ein Riesenthema. Namra hat wie viele andere auch Angst davor, dass die überwältigende Hindu-Mehrheit im Parlament versuchen wird, Minderheitenrechte einzuschränken.

"Es gibt eine alltägliche Diskriminierung"

Studentin Namra
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Studentin Namra hält eine Quote für Muslime für wichtig ...

Die junge Frau trägt Jeans, eine bunte Bluse und ein schwarz-weißes Kopftuch. "Wir brauchen unbedingt weiterhin reservierte Plätze für Muslime an unseren Universitäten", sagt sie. Auch in der Arbeitswelt wäre so eine Quote ihrer Meinung nach wichtig. "Muslime werden im Bildungsbereich und bei der Jobsuche diskriminiert. Sobald du dein muslimisches Viertel mit einem Kopftuch verlässt, geht es los. Es gibt eine alltägliche Diskriminierung aus religiösen Gründen."

Der neue Premierminister Narendra Modi und seine religiös-konservative Partei BJP stehen im Verdacht, nur die Interessen der Hindus zu vertreten und Muslime bewusst zu unterdrücken. Doch Mohammed Zubair winkt ab. Er will sich auf so eine "spalterische Diskussion von gestern" nicht einlassen. Der 24-Jährige studiert Naturwissenschaften und erwartet vom neuen Parlament und vom neuen Regierungschef vor allem eins - eine große, indische Bildungsoffensive für alle.

"Das Bildungsniveau an unseren Universitäten muss besser werden", fordert Mohammed. "In anderen Ländern hat man mit einem Uni-Abschluss gute Jobchancen. Hier bei uns nicht, weil die Standards an den Unis so schlecht sind. Sie lehren jedes Jahr das gleiche, Innovation findet nicht statt. Dabei muss sich gerade die Bildung ständig erneuern. Es spielt für mich keine Rolle, wie viele unserer Abgeordneten Muslime sind. Es geht um Bildung für alle, nicht um Bildung für Muslime und Nicht-Muslime."

Der junge Mann mit dem langen Bart und dem grauen Gebetskäppchen redet sich richtig in Rage. Er hat Angst vor der Arbeitslosigkeit. Jedes Jahr strömen rund zehn Millionen junger Inder auf den Arbeitsmarkt, der viel zu wenig Chancen bietet.

"Wir brauchen bessere Unis für alle"

Student Mohammed Zubair
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... Namras Kommilitone Mohammed sieht die Hauptprobleme in ganz anderen Bereichen.

"Wir sollten mit den ganzen Quoten für Muslime, niedrige Kasten und andere Minderheiten Schluss machen", sagt Mohammed. "Wir brauchen bessere Schulen und Unis für alle, in denen die Leistung belohnt wird. Wegen der Quote bekommen viele talentierte Inder keinen Studienplatz. Und andere bekommen einen Platz geschenkt und lehnen sich dann zurück. Parlament und Regierung sollten lieber Arbeitsplätze schaffen und die Korruption bekämpfen. Auch in der Arbeitswelt funktioniert die Jobvergabe über Korruption. Und talentierte, hart arbeitende Studenten bleiben auf der Strecke."

Indien ist in Bewegung. Rund die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 25 Jahre. Über die Hälfte des Milliardenvolkes lebt in Armut. Doch die Abgeordneten im Parlament waren im Durchschnitt noch nie älter und noch nie reicher als dieses Mal. Das gilt für Muslime und Nicht-Muslime. 

Dieser Beitrag lief am 03. Juni 2014 um 19:03 Uhr auf NDR Info.

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