Menschen in Neu-Delhi haben Kerzen für das tote Mädchen angezündet und fordern auf Plakaten Gerechtigkeit. | EPA

Indien Proteste nach mutmaßlichem Mord an Achtjähriger

Stand: 09.08.2021 04:30 Uhr

In Indien soll ein Mädchen, Angehörige der diskriminierten Dalit, in einem Krematorium vergewaltigt und getötet worden sein. Als die Polizei eintraf, war das Kind eingeäschert. Aktivisten fordern Konsequenzen.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Sunita sitzt auf dem Boden in ihrem Zuhause, einem fensterlosen Zimmer in einem engen alten Haus, in Old Nangal, einem ärmlichen Stadtviertel im Westen Delhis. Neben ihr sitzt Mohanlal, ihr Mann. Hinter ihr türmen sich Textilabfälle in großen Plastiktüten, die Familie lebt vom Sammeln und vom Betteln. Sunita kann es noch immer nicht begreifen. Ihre Tochter ist tot.

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

"Sie ging los, um Trinkwasser zu holen", sagt sie. "Drüben im Krematorium steht so eine Maschine. Wir Arbeiter gehen alle dorthin, um unser Wasser dort zu holen."

Mädchen leblos aufgefunden

Es ist eine furchtbare Geschichte, die Sunita erzählt. Der Name ihrer Tochter, die offenbar Opfer einer Gewalttat wurde, darf in Indien nicht genannt werden, das ist Gesetz. Deshalb wird sie Gudiya genannt, ein Kosename. Einige Zeit, nachdem Gudiya weggegangen war, erzählt die Mutter, sei der Hindupriester zu ihr gekommen, der am nahegelegenen Krematorium die Einäscherungen begleitet, wie das bei Hindus üblich ist. Ihre Tochter habe einen tödlichen Stromschlag bekommen, habe er gesagt.

Die Mutter ging dann zusammen mit dem Priester die paar hundert Meter zum Krematorium. Dort habe sie ihre Tochter liegen sehen - leblos, mit offensichtlich schweren Verletzungen. "Ich wollte erst den Polizeinotruf wählen und dann zur Polizeiwache gehen, aber der Priester wollte es mir ausreden", sagt sie. "Er sagte, du bist doch nur eine Lumpensammlerin und Bettlerin. Wie willst du denn vor Gericht gehen?"

Die Polizei wurde dann doch gerufen, doch bevor sie kam, hatte der Priester die Leiche der Achtjährigen angezündet - mit Hilfe von drei Männern, die Mittäter gewesen sein sollen. Was passiert ist, ist nun schwer zu untersuchen.

"Gerechtigkeit für Gudiya" steht auf einem selbstgemalten Plakat, mit dem mehrere Menschen nach dem Tod einer Achtjährigen protestieren.

"Gerechtigkeit für Gudiya" steht auf einem selbstgemalten Plakat, mit dem mehrere Menschen nach dem Tod des Mädchens protestieren.

Kind aus Dalit-Familie

Sie hätten sie dem Arzt zeigen sollen, sie ordentlich untersuchen sollen, sagt ihr Vater Mohanlal. "Aber sie haben uns abgebügelt und gesagt, wir sollen die Klappe halten." Der Priester habe zugegeben, die Achtjährige vergewaltigt zu haben, aber erst, als er zusammengeschlagen worden sei.

Zusammengeschlagen von der Polizei? Oder von aufgebrachten Anwohnern? Das sagt der Vater nicht. Ohnehin will er lieber nicht viel sprechen, der mutmaßliche Täter, der Hindupriester, ist sehr angesehen. Vater Mohanlal und seine Familie aber sind Dalit und gehören damit zu einer Gruppe von Menschen, die am meisten diskriminiert werden. Auf dem Papier haben sie zwar alle Rechte und Möglichkeiten, doch in der Realität haben sie keine Chance - und leben in Löchern wie hier in Old Nangal.

Proteste und Vorwürfe gegen Polizei und Politik

Doch nicht alle wollen sich das gefallen lassen. Eine Gruppe junger Männer zieht durch das Armenviertel, sie rufen: "Wir sind bei euch. Hängt die Vergewaltiger!“ Sie fordern Gerechtigkeit. Es ist kein spontaner Protest, eine Dalit-Organisation namens Bhim Sena steht dahinter. Ihr Leiter Nawab Satpal Tanwar wirft Polizei und Politik vor, den Fall herunterzuspielen - weil ein Hindupriester Täter sei und Gudiya, ein Dalit-Mädchen, das Opfer.

"Wir haben diesen Vorfall schon seit einigen Tagen beobachtet", sagt Tanwar. "Politiker spielen damit ihre Spielchen. Deshalb komme ich mit meinen Leuten hierher. Was hat die Polizei für ein Problem? Warum tun die Behörden nichts? Wäre sie keine Dalit-Tochter, sondern ein Mädchen aus einer anderen Kaste, wäre es ganz anders."

Gegen den Priester und drei mutmaßliche Mittäter wird nun wegen Mordes und Vergewaltigung ermittelt. Sie sind in Haft.

Ein Dalit-Aktivist versichert der Mutter eines toten Mädchens, dass seine Organisation sich für Gerechtigkeit einsetzen werde. | Peter Hornung/ARD-Studio Neu-Delhi

Ein Dalit-Aktivist versichert der Mutter des toten Mädchens, dass seine Organisation sich für Gerechtigkeit einsetzen werde. Bild: Peter Hornung/ARD-Studio Neu-Delhi

Gesetze verschärft

Sexuelle Gewalt gerade gegen Mädchen und Frauen ist in Indien nicht selten. Nach einer tödlichen Gruppenvergewaltigung in einem Bus in Delhi im Jahr 2012, über die weltweit berichtet wurde, wurden die Gesetze deutlich verschärft. Es droht die Todesstrafe.

Dennoch: In Old Nangal haben sie Angst, dass wieder alles unter den Teppich gekehrt wird. Sunita, der Mutter, bleiben nur die Erinnerungen an Gudiya, ihr einziges Kind:

Sie hat immer so gerne getrommelt, gesungen und getanzt. Und sie hat sehr klug geredet und uns alles sehr gut erklärt. Und wenn jemand frech zu ihr war, war sie sehr selbstbewusst und hat gesagt: Wie kannst du es wagen, das zu mir zu sagen? Ich bin ein Mädchen! Meine Tochter war sehr liebenswürdig, frag die Nachbarn. Sie konnte einen weinenden Menschen zum Lachen bringen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. August 2021 um 05:21 Uhr.