Demonstrierende Studenten Indien | REUTERS

Proteste in Indien Aufruhr nach Vergewaltigung

Stand: 06.10.2020 08:55 Uhr

Nach dem gewaltsamen Tod einer jungen Frau aus der untersten Kaste ist Indien in Aufruhr: Die Polizei will den Fall offenbar klein reden. Ein Landrat soll versucht haben, die Familie des Opfers einzuschüchtern.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu Delhi

Die Polizei ringt führende Politiker der Opposition in Indien auf den Boden. Sie hatten mit anderen Demonstrierenden versucht, zu der Familie des Opfers zu gelangen, um ihr Beileid zu bekunden. Oder vielleicht auch, um mit dem Elend der Familie aus der untersten Kaste Wahlkampf zu machen.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Die Polizei aber hatte nach eigener Aussage den Ort für mehrere Tage abgeriegelt, um das Versammlungsverbot, das derzeit wegen der Corona-Pandemie in Indien gilt, zu gewährleisten. Vielleicht aber auch, damit der Landrat der Region die arme Familie einschüchtern kann.

Auf einem Handy-Video, das ein User scheinbar versteckt aufnahm und das in den sozialen Netzwerken die Runde macht, sitzt der Landrat mit seinen Gefolgsleuten auf einem Hof und spricht mit dem Vater des Opfers: "Du solltest jetzt deine Glaubwürdigkeit besser nicht verlieren. Ich sage dir jetzt mal was: Die Hälfte der Journalisten sind schon jetzt weg, die andere Hälfte wird ziemlich bald hier abziehen. Wir aber bleiben immer hier. Es liegt an dir, ob du deine Aussage ändern willst oder nicht."

Polizei leugnet offenbar Vergewaltigungsvorwürfe

Der Vater, wie die anderen Familienmitglieder auch, hatten zu Protokoll gegeben, dass ihre Tochter vergewaltigt wurde. Erst einige Tage nach dem Übergriff hatte sie bei der Polizei aussagen können, zuvor war sie dazu nicht in der Lage. Zu schwer waren ihre Verletzungen, an denen sie zwei Wochen später dann auch verstorben ist. Die Polizisten aus der Region leugnen heute, dass das Mädchen vergewaltigt wurde, dies hätten sie nicht feststellen können.

Eine Vergewaltigung, bei der das Opfer stirbt, bedeutet für die Täter die Todesstrafe in Indien. Die Familie des Opfers beschuldigt mehrere Männer der Tat, alle stammten aus der gleichen hohen Kaste. Vor allem in Nordindien hätten die hohen Kasten bis heute das Sagen, erzählt der politische Beobachter Ram Dutt Tripathi im Interview am Telefon:

Sie dominieren bis heute die ländlichen Gegenden, sowohl wirtschaftlich als auch das soziale Gefüge. Sie haben die Macht und das Geld dafür.

Alte Hierarchien sichern Machtgefüge

Das Machtgefüge ist gefestigt, durch alte Hierarchien. Die unteren Kasten - so sieht es der Hinduismus vor - machen die Drecksarbeit. Sie müssen Toiletten säubern, Müll wegräumen oder Tierkadaver bearbeiten. Nur wer aus der höchsten Kaste stammt, darf Priester werden oder kann auf traditionelle Geschäftsverbindungen setzen.

Um die Macht auch in der indischen Demokratie weiterhin zu gewährleisten, würde geschachert, sagt Tripathi: "Die wichtigsten Posten gehen an die Leute, die aus der gleichen Kaste sind, wie der Ministerpräsident. Und das ist die sogenannte Thakur-Kaste."

Ermittlungen nach Druck durch Medien und Opposition

Die mutmaßlichen Täter stammen alle aus der Thakur-Kaste. Auch die höheren Stellen in der Polizei im Bundesstaat Uttar Pradesh seien mit Menschen besetzt, die aus dieser Kaste stammten. "Das Opfer wurde zwei Mal vergewaltigt", twittert der Ministerpräsident von Neu-Delhi, "zuerst von Bestien, dann vom System".

Weil Medien und Opposition so viel Druck gemacht haben, übernimmt nun die Bundespolizeibehörde den Fall.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 06. Oktober 2020 um 11:50 Uhr.