Gastarbeiter vor der indischen Botschaft in Saudi-Arabien

Indien will hungernde Gastarbeiter heimholen Wie die Sklaven

Stand: 04.08.2016 01:11 Uhr

Viel Arbeit, wenig Lohn: Die Lebensverhältnisse indischer Gastarbeiter in Saudi-Arabien grenzen an Sklaverei. Der niedrige Ölpreis verschärft nun die Lage. Viele Inder wollen darum nur noch eins - endlich heim. Doch so einfach ist das nicht.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Handyvideos von indischen Gastarbeitern in Saudi-Arabien sind durch die sozialen Medien und Nachrichtenkanäle gelaufen. Eine Frau berichtet mit Tränen erstickter Stimme: "Sie quälen mich, körperlich und seelisch. Sie geben mir nicht ausreichend zu Essen. Sie schließen mich zu Hause ein. Bitte lassen sie mich zurück nach Indien, ich habe große Angst. Ich bitte Sie, befreien Sie mich!"

Einem Fahrer laufen nach und nach auch die Tränen über die Wangen, als er sich mit dem Handy filmt: "Mein Chef lässt mich nicht weg, vor fünf Monaten habe ich schon darum gebeten, wieder nach Hause gehen zu können. Ich bekomme keine Überstunden ausbezahlt und kein Geld, um etwas zu essen zu kaufen. Bitte helfen Sie mir, zurück nach Indien zu kommen!"

Tausende Gastarbeiter haben ihren Job verloren

Über drei Millionen Inder arbeiten in Saudi-Arabien, vor allem in der Baubranche oder als Haushaltshilfen. Durch den niedrigen Ölpreis mussten allerdings viele saudische Firmen schließen. Dadurch haben mehrere Tausend Inder ihre Jobs in Saudi-Arabien verloren.

Und die würden jetzt hungern, sagte die indische Außenministerin Sushma Swaraj. Auf Twitter rief sie mit pathetischen Worten dazu auf, ihre Landsleute in Saudi-Arabien zu unterstützen: "Nichts ist mächtiger als der gemeinschaftliche Wille der indischen Nation!“, schrieb sie.

15.000 Kilo Nahrung hat die indische Regierung über ihre Vertretungen am Wochenende in Saudi-Arabien verteilen lassen. "Wir haben noch Rationen für die nächsten sieben bis zehn Tage", sagt die Außenministerin, "aber das ist keine dauerhafte Lösung".

Der Armut entflohen - nur um in Armut zu landen

Viele indische Gastarbeiter in Saudi Arabien sind verzweifelt. Sie sind ausgewandert, um Geld für die Familie in der Heimat zu verdienen. Die haben zuhause auch zu wenig zu essen, wenn der Lohn ausbleibt. Zurück können sich nicht, weil sie sich das Ticket nicht leisten können. Und auch, weil sie kein Ausreisevisum erhalten. Sie benötigen dazu eine Unterschrift ihres saudischen Arbeitgebers, die jedoch zögern, weil sie die billigen Arbeitskräfte lieber im Land halten wollen.

Der stellvertretende Minister für Auswärtige Angelegenheiten ist jetzt nach Saudi-Arabien gereist, um sich für seine Landsleute einzusetzen. Seine Chefin Swaraj verspricht: "Er wird jeden Inder, der dort keinen Job mehr hat, zurückbringen. Das versichere ich euch allen.“

Bloß wie? Mit dem Flugzeug? Mit dem Schiff?

Noch weiß jedoch niemand, wie das logistisch klappen soll. Mit dem Flugzeug, mit einem Schiff? Die indische Regierung will mit Saudi-Arabien verhandeln, dass die Landsleute gerecht behandelt und saudische Arbeitgeber, die die Löhne nicht zahlen, bestraft werden.

Anfang nächsten Jahres stehen im bevölkerungsreichsten Bundesstaat Indiens Wahlen an. Spätestens dann wird sich die indische Außenministerin an ihren Versprechungen messen lassen müssen: "Wir werden mit den offiziellen Stellen in Saudi-Arabien verhandeln, damit unsere Arbeiter auch noch die ausstehenden Löhne bekommen, selbst wenn sie schon wieder in ihrer Heimat sind."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 03. August 2016 um 09:00 Uhr.

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