Mumbai, Indien: Arbeitsmigranten essen Lebensmittel, die von einer NGO unter einer Brücke über Eisenbahnschienen verteilt wurden. | Bildquelle: AFP

Ausgangssperre in Indien "Wir werden eher verhungern"

Stand: 02.04.2020 11:52 Uhr

Hilfsorganisationen schlagen Alarm: In Indien seien mehr Menschen an den Folgen der Ausgangssperre gestorben als durch das Virus selbst. Das wiederum breitet sich aber jetzt auch in den Slums aus.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Auf Videos sind unzählige Menschen zu sehen, die durch enge Gassen laufen, in einem Slum im Zentrum der Hauptstadt Neu-Delhi. Die Nachrichtenagentur Reuters hat hier Filmaufnahmen gemacht und mit den Anwohnern gesprochen. Die Großmutter Bharpai steht vor ihrer Wohnungstür und schaut abfällig auf ihre Nachbarinnen und Nachbarn.

"Die Polizei sagt uns, dass wir drinnen bleiben sollen", erzählt sie. Sie versuche das mit ihren Kindern und Enkelkindern, aber die anderen im Slum hielten sich nicht daran. "Ich sage ihnen, sie sollen sich schützen und zu Hause bleiben, aber was kann ich tun? Sie hören nicht auf mich."

Vorräte aufgebraucht

Die kleinen Hütten im Slum stehen dicht an dicht. Bharpais vier Enkelkinder sitzen drinnen auf dem Fußboden. Die Wohnung ist ein kleiner Raum, die Hälfte ist von einem großen Bett belegt. Die Kinder haben Hefte auf ihrem Schoß, Bharpai diktiert einen Text, seit Wochen sind die Schulen in Neu-Delhi geschlossen. Also gibt es auch keine Schulmahlzeiten mehr.

Hilfsorganisationen sagen, mehr als 100 Millionen Kinder in Indien seien davon betroffen. "Was soll ich machen?" fragt Bharpai. Sie habe noch Vorräte für drei Tage gehabt, aber die seien jetzt aufgebraucht. "Erst hieß es, wir werden an dem Corona-Virus sterben, aber ich denke, wir werden eher verhungern. Wie und wo soll ich denn gerade Geld verdienen?"

Erster Corona-Fall in Indiens größtem Slum

Im größten Slum Indiens, in Dharavi in Mumbai, leben rund eine Million Menschen. Gestern ist dort der erste Einwohner positiv getestet worden. Er und acht seiner Familienangehörigen sind nun in einem Krankenhaus in Quarantäne.

In den indischen Slums haben viele Einwohner zu Hause weder eine Toilette noch fließendes Wasser. Mehrfach am Tag die Hände mit Seife zu waschen und großen Abstand zu den Nachbarn zu halten, ist kaum zu schaffen.

Viele Fälle von Polizeigewalt

In Indien gilt seit mehr als eine Woche eine komplette Ausgangssperre. Um die durchzusetzen, zögern Polizisten auch nicht, den Schlagstock einzusetzen. Indiens Nationale Kampagne gegen Folter hat mehr als 170 solcher Fälle dokumentiert, mindestens ein Mensch sei von Polizisten zu Tode geprügelt worden. Außerdem hätten Polizisten auf Menschenmengen geschossen, Männer gezwungen, wie Frösche zu springen oder sich gegenseitig Ohrfeigen zu verteilen.

In der nordindischen Stadt Chandigarh sind Stadien quasi zu vorübergehenden Gefängnissen umfunktioniert worden. Medien berichten, dass so genannte Regelbrecher dort untergebracht werden, die dann über Hygiene und die aktuell herrschenden Regeln aufgeklärt würden. Mehr als 600 Menschen seien schon zeitweise in den Sportstätten untergebracht worden.

indische Polizeibeamte | Bildquelle: FAROOQ KHAN/EPA-EFE/Shutterstock
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Indische Polizeibeamte.

Arme können Ausgangssperre kaum einhalten

Die Regierung hatte gedroht, dass die Menschen in Indien Haftstrafen von bis zu zwei Jahren erhalten könnten, wenn sie sich nicht an die Ausgangssperre halten. Aber gerade die armen Menschen müssen raus, um sich zum Beispiel etwas zu Essen zu organisieren. Auch wenn nun an vielen Orten neue Suppenküchen entstehen, staatlich organisiert oder von Privatleuten, kommen die noch nicht bei allen Menschen an.

"Alle sind hier total beunruhigt“, erzählt Zahid Ali. Viele hätten kranke Kinder, die sie nicht ins Krankenhaus bringen könnten, weil der Weg zu weit sei und keine Rikschas mehr fahren dürften. Wenn sie zu Hause blieben, hätten sie dort kein Essen mehr. "Das ist alles hoffnungslos hier, es wäre besser, einfach alle umzubringen."

Die indische Regierung hatte angekündigt, umgerechnet mehr als 20 Milliarden Euro für die Armen bereit zu stellen. Diese Hilfen haben viele Menschen aber noch nicht erreicht.

Mehr Opfer durch Ausgangssperre als von Corona betroffen?
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
02.04.2020 10:04 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 02. April 2020 um 11:50 Uhr.

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