Ein Arbeiter reinigt ein Kanalrohr in Bhopal, Indien. (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance / dpa

Indien Dalits wehren sich gegen Ausbeutung

Stand: 30.09.2018 12:22 Uhr

Sie kriechen durch Fäkalien, reinigen Filter mit bloßen Händen und schrubben Klärtanks: Dalits in Indien. Nach einer Reihe von Todesfällen formiert sich Protest. Die Gesetze haben sie auf ihrer Seite.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Sie machen die Drecksarbeit, die man keinem Menschen zumuten kann und auch in Indien eigentlich per Gesetz auch keinem Menschen übertragen darf.

Kanalarbeiter in Delhi steigen in die Abwasserkanäle hinab, kriechen durch die mit Fäkalien verstopften Rohre oder sorgen mit bloßen Händen dafür, dass Filter von Kläranlagen in Industriebetrieben wieder frei sind. Das alles ohne Schutzkleidung und ohne Pumpen.

Wer aus solchen Abwasserkanälen wieder hochsteigt, den möchte keiner berühren. Deshalb machen diese Arbeit nur Dalits: Menschen, die in Indien der untersten Kaste zugeordnet werden.

Es kommt laut Medienberichten regelmäßig zu Todesfällen. Meist infolge des giftigen Gasgemisches, das sich aus den Fäkalien und Chemikalien in den Abwasserkanälen bildet.

Wut auf die Regierung

Jetzt haben die Kanalarbeiter und ihre Angehörigen sprichwörtlich die Nase voll. Bei Protesten in Delhi forderten sie ein entschlossenes Handeln der Regierung gegen solche menschenunwürdige Arbeit: "Wir protestieren gegen die vielen Todesfälle in den Abwasserkanälen und den Tanks der Kläranlagen", sagt etwa Wilson. "Das passiert ständig und wir haben die Regierung schon so oft aufgefordert, etwas dagegen zu unternehmen. Aber der Premierminister äußert sich nicht."

Zwölf Euro für eine Tankreinigung

Doch für die Menschen der untersten Kaste, die man früher "Unberührbare" nannte, gibt es nur wenige Beschäftigungsmöglichkeiten. Deshalb nehmen sie jede Arbeit an - auch solche.

Ravi Kumar Valmiki bekommt für jeden Abwassertank, den er reinigt, 1000 Rupien. Das sind umgerechnet knapp zwölf Euro.

Er erzählt: "Die diskriminieren uns Dalits und nennen uns unberührbar. Deshalb können wir kaum etwas anderes machen. Ein Laden eröffnen beispielsweise. Ich muss also solche Jobs annehmen, um meine Familie zu ernähren."

"Wovon sollen wir leben?"

Die Familien der Kanalarbeiter, die während der Arbeit ums Leben gekommen sind, stehen in der Regel mittellos da. "Wovon sollen wir jetzt leben?", fragt Babli, die Witwe eines Kanalarbeiters. "Ohne das Geld, das mein Mann verdient hat, können meine Kinder keine Ausbildung bekommen. So etwas darf doch nicht sein. Die Regierung sollte dafür sorgen, dass wir besser bezahlt werden, vor allem im Interesse unserer Kinder."

Gesetzeslage ist klar

Mohammed Hayul ist der Vater eines Mannes, der bei der Reinigung eines Klärtanks ums Leben kam. Der Arbeitgeber seines Sohnes habe ihn gezwungen, in die giftige Brühe hinabzusteigen, sagt er. "Wir verlangen von der Regierung, solche Arbeitgeber zu bestrafen. Die sollten solche Firmen einfach dicht machen. Das wäre gerecht."

Dabei gibt es solche Gesetze und die Androhung von Strafen schon lange - doch die Gesetze werden oft nicht eingehalten.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 30. September 2018 um 19:20 Uhr.

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