Helfer bringen Verstorbene in ein Krematorium | dpa

Pandemie in Indien Studie schätzt Millionen mehr Tote

Stand: 20.07.2021 17:44 Uhr

Laut einer US-Studie liegt die Zahl der Corona-Toten in Indien um ein Vielfaches höher als bisher angenommen. Forscher des Center for Global Development schätzen, dass die Übersterblichkeit seit Pandemiebeginn bis zu 4,7 Millionen betragen könnte.

In Indien könnte während der Corona-Pandemie nach Berechnungen von Experten eine vielfach höhere Zahl von Menschen gestorben sein als offiziell angegeben. Der US-amerikanische Thinktank Center for Global Development schätzt auf Basis mehrerer Quellen eine Übersterblichkeit von 3,4 bis 4,9 Millionen zusätzlicher Toter seit Pandemiebeginn in dem schwer getroffenen Land im Vergleich zu Todeszahlen vor der Pandemie. Die Forscher betonten allerdings, dass sie keine Schlüsse über die Todesursachen ziehen.

"Die wahre Zahl der Toten liegt bei mehreren Millionen, nicht bei hunderttausenden", erklärten die Forscher. Damit sei die Corona-Pandemie in Indien "die schlimmste menschliche Tragödie seit der Unabhängigkeit". Die Wissenschaftler werteten für ihre Studie Daten zur Übersterblichkeit aus, sie verglichen dabei Zahlen aus Vor-Corona-Zeiten mit denen der Pandemie.

Offiziell 414.000 Corona-Todesfälle in Indien

Dafür rechneten die Autoren veröffentlichte Todeszahlen aus sieben Bundesstaaten hoch, wo etwa die Hälfte der Bevölkerung lebt. Dazu werteten sie Antikörperuntersuchungen in Indien mit internationalen Schätzungen zu altersspezifischen Todesraten von Infizierten aus und nutzten regelmäßige Befragungen von rund 177.000 Haushalten, bei denen auch gefragt wird, ob jemand kürzlich gestorben ist.

Indien hat offiziell 414.000 Corona-Todesfälle vermeldet, das sind weltweit die drittmeisten nach den USA und Brasilien. Experten haben die Zahlen aus Neu Delhi aber seit Beginn der Pandemie angezweifelt. Dabei gingen sie großteils aber nicht von bewusster Falschinformation aus, sondern machten das völlig überforderte Gesundheitssystem des Landes verantwortlich.

Experten warnen vor dritter Welle

Die Situation in Indien hatte sich im April und Mai unter anderem im Zusammenhang mit der dort erstmals entdeckten Delta-Variante des Coronavirus dramatisch zugespitzt. An einigen Tagen wurden 400.000 Neuinfektionen gemeldet. Krankenhäuser waren teils so überlastet, dass Menschen auf Parkplätzen davor starben, der medizinische Sauerstoff ausging und Angehörige selbst bei Krematorien warten mussten.

Inzwischen hat sich die Lage wieder entspannt. Es werden täglich zwischen 30.000 und 40.000 neue Corona-Fälle gemeldet. Angesichts einer niedrigen Impfrate und einer zurückkehrenden Normalität warnen Experten jedoch vor einer dritten Welle.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Juni 2021 um 18:30 Uhr.