Delhi Indien Coronatestzentrum | Bildquelle: AP

Corona in Indien "Als wären das Lepra-Kranke"

Stand: 29.06.2020 03:59 Uhr

In Indien gibt es mehr als eine halbe Million Corona-Fälle - und die Zahlen steigen weiter. Not-Lazarette werden eingerichtet, doch es fehlt an Personal. Und wer arm ist, muss warten.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Südasien

Vor den zahlreichen Corona-Test-Zentren in Delhi bilden sich lange Warteschlangen. Seit die Zahl der Infektionen sprunghaft in die Höhe geschnellt ist, hat die Regierung der indischen Hauptstadt die Testkapazitäten nach eigenen Angaben verdreifacht.

Corona-Pandemie in Indien
tagesschau 12:00 Uhr, 29.06.2020, Peter Gerhardt, ARD Neu-Delhi

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An zahlreichen Stellen wurden sogenannte Drive-Thru-Testlabore eingerichtet. Container, an denen medizinisches Personal in voller Schutzmontur mit Wattestäbchen Speichelproben der Fahrzeuginsassen einsammelt. Die Testergebnisse kann man später online abrufen.

Arvind Kejrival, der Regierungschef der indischen Hauptstadt, zog eine erste Bilanz: "In den vergangenen Tagen haben wir bis zu 20.000 Tests täglich gemacht, das heißt, wir haben die Zahl verdreifacht. Dadurch geht natürlich auch die Zahl der positiv getesteten Fälle hoch. Wir haben jetzt rund 74.000 Infektionen mit dem Coronavirus in Delhi." Das sei eine hohe Zahl, aber man habe die Situation unter Kontrolle. Es gebe keinen Grund zur Sorge, sagt Kejrival.

Eisenbahnwaggons als Not-Lazarette

Seit die meisten Krankenhäuser in Delhi an die Grenzen ihrer Kapazität gekommen sind, wurden in behelfsmäßigen Not-Lazaretten und in ausrangierten Eisenbahnwaggons, sowie in Hotels und Konferenzsälen Krankenbetten für Covid-19-Patienten eingerichtet. Dafür werden zusätzliche Ärzte und Pflegekräfte benötigt. Das sei im Moment das größte Problem, so der Gesundheitsminister von Delhi, Manish Sisodia:

"Personal ist ein großes Problem, wir brauchen ausgebildete Pflegekräfte. Kein Gesundheitssystem ist für so eine riesige Pandemie ausgelegt. So etwas hat es seit 100 Jahren nicht gegeben."

Wie das indische Fernsehen berichtete, sind seit Beginn der Corona-Pandemie schon mehr als 300 Ärzte durch den Kontakt mit dem Virus gestorben. Vor allem in den staatlichen Krankenhäusern, wo die Inder mit weniger Geld kostenlos behandelt werden, machen sich Versorgungsengpässe bereits seit einiger Zeit bemerkbar.

Delhi Indien Tests | Bildquelle: AP
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Kampf gegen die Pandemie in der 26-Millionen-Metropole Delhi. Eine Mitarbeiterin der Gesundheitsbehörde fragt nach Symptomen.

Wer reich ist, bekommt sofort einen Termin

Für die Armen gebe es kaum Hilfe, klagte Pradeep Kumar, der seine schwangere Frau in die Klinik gebracht hat, nachdem sie positiv auf Corona getestet wurde:

"Die Badezimmer sind so schmutzig. Und zwei Tage nachdem meine Frau aufgenommen wurde, hat noch nicht mal ein Arzt nach ihr geschaut. Im Krankenzimmer liegen noch sechs andere Frauen und das Krankenhauspersonal verhält sich, als wären das Lepra-Kranke."

Manoj Kumar, ein Fitness-Trainer aus Delhi, der positiv getestet wurde, stand wie viele andere stundenlang in der Warteschlange vor dem Krankenhaus und klagte darüber, dass Patienten, die mit einem teuren Auto vorfahren, sofort reingelassen werden.

"Die Reichen bekommen sofort einen Krankenhaustermin. Ich habe gesehen, wie die Wächter an der Tür Geld nehmen und manche Leute sofort reinlassen. Die anderen müssen stundenlang warten. Und manche haben nicht mal genug Geld, sich was zu essen zu kaufen."

Es wird gelockert - trotz steigender Zahlen

Obwohl die Zahl der Infektionen weiter steigt und landesweit bereits die Marke von einer halben Million Corona-Fälle überschritten ist, wurde der einst vollständige Lockdown in Indien weiter gelockert. Inzwischen dürfen Friseure, Schönheitssalons und auch Fitness-Center den Betrieb wieder aufnehmen.

In einigen Städten und Regionen wurden die Maßnahmen jedoch bereits wieder verschärft. In der südindischen Millionenstadt Chennai beispielsweise wurde erneut ein Lockdown angeordnet, nachdem die Infektionen dort sprunghaft angestiegen waren.

In Delhi fehlt medizinisches Personal
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
28.06.2020 18:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Juni 2020 um 05:48 Uhr.

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