Patienten warten vor einem Krankenhaus in Neu-Delhi | Bildquelle: AFP

Indien in der Corona-Krise Kranke auf dem Bürgersteig

Stand: 29.04.2020 08:56 Uhr

Seit Wochen harren Patienten vor dem größten Krankenhaus Neu-Delhis aus: Sie warten auf Krebsbehandlungen oder Transfusionen. Trotz Kapazitäten werden sie in der Corona-Krise nicht behandelt.

Von Silke Dietrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Die Sonne brennt auf das weiße Zeltdach. Drinnen: Pritschen aus Stahl, Matratze an Matratze. Mit einem Stück Pappe fechelt Sunita Das vor ihrem Gesicht durch die heiße Luft. Sie hat Brustkrebs.

Seit fünf Wochen liegt sie im Süden von Neu-Delhi auf dem Bürgersteig vor dem größten staatlichen Krankenhaus in Indien. Die Behandlungen hier sind kostenlos, deswegen hatte sich Sunita Das mit ihrem Ehemann mehrere Tage in den Zug gesetzt, um sich operieren zu lassen.

Sorge um die Kinder zuhause

Doch die Nachuntersuchungen konnten nicht mehr stattfinden, das Coronavirus hat sich auch in Indien ausgebreitet, über Nacht ist eine Ausgangssperre im ganzen Land ausgerufen worden. Sunita Das aber treibt Tag und Nacht ein ganz anderer Gedanke um: "Ich will nach Hause zu meinen drei Kindern, bevor ich hier sterbe. Sie sind ganz allein. Mein Schwiegervater ist doch viel zu alt, um sich um sie zu kümmern."

Sunitas Ehemann sitzt im Schneidersitz neben ihr auf der Pritsche. Er greift unter die Matratze und holt Medikamente darunter hervor. Einen Kühlschrank dafür gibt es hier nicht. Seit Wochen kann er kein Geld mehr verdienen.

Corona-Krise in Indien

Seit fünf Wochen herrscht in Indien eine komplette Ausgangssperre. Keine Busse, keine Züge: Ein komplettes Bewegungsverbot für alle, die nicht in systemrelevanten Berufen arbeiten. Um 20 Uhr am 24. März hat der indische Premierminister den Lockdown verkündet, um Mitternacht ist er in Kraft getreten. Mehr als 1,3 Milliarden Inderinnen und Inder hatten gerade einmal vier Stunden Zeit, bevor sie für Wochen kaum noch aus ihrer Wohnung treten zu dürfen.

Essen von Hilfsorganisationen

Zumindest hungern müssen sie nicht, zwei Mal am Tag bringen Mitarbeiter von Hilfsorganisationen warme Mahlzeiten in Aluminiumschalen vorbei. "Immerhin", sagt Vilas.

Aber psychisch kann er seine derzeitige Lage kaum aushalten: "Wir sprechen jeden Tag mit unseren Kindern am Telefon, aber dann fangen sie immer an zu weinen. Dann weint auch meine Frau und dann will sie ihre Medikamente nicht mehr nehmen."

Rund 15 Menschen leben in dem kleinen Zelt. Einander völlig fremd, vereint nur dadurch, dass sie krank sind, kein Geld mehr verdienen können und in Neu-Delhi gestrandet sind. Sie sind seit Wochen hier.

Kliniken nicht überfüllt

Geplante Operationen und Untersuchungen mussten die Ärzte im Krankenhaus absagen. Dabei sind die Kliniken nicht überfüllt mit Patienten, die an Covid-19 erkrankt sind. Offiziell gibt es erst rund 30.000 Menschen in Indien, die sich mit dem Corona-Virus infiziert haben. Weniger als 1000 sollen daran verstorben sein.

Aber Indien bereitet sich auf das Schlimmste vor: Im gesamten Land gibt es laut Erhebungen weniger als 100.000 Intensivbetten, in den staatlichen Kliniken wie in Neu-Delhi sind sie so gut wie ausgelastet.

Zu wenige Blutspenden

"Ausgangssperre hin oder her, mein Sohn braucht Blut", sagt Mohammad Shahid. Er steht vor der größten Klinik von Indien am Straßenrand und ist wütend. Sein Sohn Abdullah ist sechs Jahre alt und leidet unter einer seltenen Blutkrankheit. Seit Tagen werde der Termin für die anstehende Transfusion verschoben", sagt der Vater. Es gebe zu wenige Blutspenden derzeit, laute die Begründung.

Shahid hat nicht die gleiche Blutgruppe wie sein Sohn, seine Frau ist hochschwanger und zu schwach:

"Es ist doch ein Notfall. Wenn wir sein Blut nicht austauschen, ist er in Gefahr. Mein Sohn kann jeden Moment sterben. Seit Tagen laufe ich hier herum und versuche alles, damit mein Junge neues Blut bekommt."

Vertrösten auf nach der Ausgangssperre

Nach der Ausgangssperre werde man versuchen, eine Balance zu erstellen, sagt der Direktor des Krankenhauses, um sowohl den Corona-Patienten als auch den anderen Kranken gerecht werden zu können. Bis zum 3. Mai gilt die Ausgangssperre noch in Indien, in vielen Teilen des Landes, so scheint es derzeit, wird sie wohl darüber hinaus noch weitere Wochen bestehen bleiben.

„Er könnte jeden Moment sterben“ – Misere vor dem größten staatlichen Krankenhaus
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
29.04.2020 07:41 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 29. April 2020 um 06:09 Uhr.

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