Ein Mitarbeiter des indischen Gesundheitssystems zieht eine Spritze mit dem Corona-Impfstoff bei einem Testlauf vor der Impfkampagne auf. | AP

Kampf gegen Corona in Indien Impfung für 1,4 Milliarden Menschen

Stand: 16.01.2021 03:59 Uhr

Bis zum Sommer sollen 300 Millionen Inder gegen Corona geimpft werden - eine logistische Herausforderung. Ein Testlauf in Neu-Delhi macht den Behörden Mut. Dennoch sind vor dem Start Fragen offen.

Von Oliver Feldforth, ARD-Studio Neu-Delhi

Mohan Lal hat es zurzeit nicht leicht. Seit Jahren verdient er sein Geld mit seinem grün und gelb lackierten Tuk Tuk, als Taxifahrer auf drei Rädern. Fünf Kilometer Fahrt kosten nicht mehr als umgerechnet einen Euro, davon muss er noch den Sprit bezahlen - und es soll trotzdem für seine ganze Familie reichen. In Pandemiezeiten fahren weniger Inder mit der Rikscha, viele Wochen hatte ein umfassender Lockdown das ganze Land lahmgelegt. Der 45-Jährige konnte kein Geld verdienen - und eine staatliche Unterstützung wie in Deutschland gab es nicht. Jetzt ist fast alles in Indien wieder geöffnet, aber das Geschäft läuft schleppend.

Oliver Feldforth

Am Samstag startet Indien mit der weltweit größten Impfkampagne. 1,4 Milliarden Menschen hoffen auf Schutz des Corona-Impfstoffs. "Ich bin froh, dass es mit dem Impfen jetzt losgeht", sagt Mohan Lal. "Aber auch die Armen sollten geimpft werden, niemand darf ausgeschlossen werden. Alle müssen davon profitieren."

So soll es auch sein, lässt die indische Regierung wissen: Die Impfung sei kostenlos. Bis alle drankommen, kann es jedoch dauern. Im kommenden halben Jahr sollen bis zu 300 Millionen Inderinnen und Inder geimpft werden - eine logistische Herausforderung in dem großen Land.

Regierung setzt auf AstraZeneca und "Covaxin"

Indiens Regierung setzt offenbar zunächst vor allem auf den Impfstoff von AstraZeneca, der bereits in Großbritannien verwendet wird. Der Impfstoff benötigt im Gegensatz zum BioNTech-Pfizer-Vakzin nur Kühlschrank-Temperaturen. 50 Millionen Dosen davon, in Indien produziert, stehen angeblich schon bereit.

Zwar hat auch eine indische Entwicklung, Covaxin, eine Notfallzulassung. Doch es gibt skeptische Stimmen bezüglich der Wirksamkeit. "Die dritte Testphase bei Covaxin ist noch nicht abgeschlossen", sagt Ravi Kant, Arzt bei der Organisation "Doctors for you". Die bisherigen Ergebnisse seien aber ermutigend, es sehe so aus, als ob der Impfstoff sicher und wirksam sei.

Mitarbeiter des Gesundheitswesens entladen in Hyderabad einen Lastwagen, der einen Impfstoff gegen das Coronavirus geladen hat. | dpa

Mitarbeiter des Gesundheitswesens entladen in Hyderabad einen Lastwagen, der einen Impfstoff gegen das Coronavirus geladen hat. Bild: dpa

In Indien sollen zuerst die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen geimpft werden - und andere, "die an der Front stehen", sagt Doktor Randeep Guleria, ärztlicher Direktor am größten Krankenhaus Neu-Delhis, AIIMS. Dann seien die Älteren an der Reihe und die Vorerkrankten. Allein sie alle ausfindig zu machen und ihre Impfung zu organisieren, wird in der Elf-Millionen-Metropole eine wirkliche Herausforderung. Aber Indien hat eine große Erfahrung mit Immunisierungsprogrammen und kann darauf jetzt aufbauen.

Erste Covid-Center konnten schließen

In einer groß angelegten Generalprobe haben die indischen Gesundheitsbehörden getestet, wie sie diese gigantische Aufgabe bewerkstelligen können. Und alle waren zufrieden: Kein Gedränge, alles sei sehr diszipliniert verlaufen, berichteten sie. "Es muss sehr viel bedacht werden in diesem großen Land", sagte der indische Gesundheitsminister Harsh Vardhan. Die Sicherheit, der Transport und die Lagerung seien für den Anfang gesichert.

Indien hat mit mehr als zehn Millionen Fällen nach den USA die zweithöchste Zahl an bestätigten Infizierten. Bis jetzt sind nach Regierungsangaben mehr als 150.000 Menschen in Indien im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben. In der Hauptstadt sind alle Geschäfte und Restaurants, sogar die Nachtclubs wieder geöffnet. Dennoch geht die Zahl der Infizierten, zumindest in den Metropolen, zurück: Die Positivrate sinkt bei leicht steigenden Testzahlen. Allerdings ist noch unsicher, wie stark sich das Virus auf dem Land ausgebreitet hat.

Die Organisation "Doctors for you" betreibt Covid-Center, in denen positiv Getestete isoliert und versorgt werden. Etliche dieser Stationen konnten jetzt mangels Nachfrage geschlossen werden. Auch die Krankenhäuser seien nicht mehr überlastet, berichtet Kant.

Eine Ärztin untersucht eine Impf-Patientin bei einem Testlauf für die Corona-Impfkampagne in Neu-Delhi. | RAJAT GUPTA/EPA-EFE/Shutterstock

Während einer simulierten Impfkampagne, mit der sich Neu-Delhi auf die Corona-Impfungen vorbereitet hat, lief alles zur Zufriedenheit der Behörden. Bild: RAJAT GUPTA/EPA-EFE/Shutterstock

Hilft Tuberkulose-Pflichtimpfung bei der Corona-Abwehr?

Die Gründe für diesen Rückgang der Infektionszahlen sind nicht ganz klar. Aber Antikörperstudien legen nahe, dass schon mindestens 20 Prozent der Bevölkerung Delhis die Infektion überstanden haben. Die indische Bevölkerung sei sehr viel jünger als die deutsche und so könnte sie mit der Pandemie sehr viel besser zurechtkommen, meint Kant. Auch eine Pflichtimpfung gegen Tuberkulose könnte die Infektionsanfälligkeit der Inderinnen und Inder reduzieren - Studien dazu laufen noch.

Mohan Lal, der Taxifahrer, hofft zwar, dass seine Familie und er schon bald geimpft werden. Aber er weiß auch, dass das nicht sehr wahrscheinlich ist. Hauptsache ist für ihn, dass sie überhaupt irgendwann den Impfschutz bekommen. Dann würden die Schule auch sicher offen bleiben, sagt er. Denn wie solle die indische Nation wachsen, wenn die Kinder nicht zur Schule gehen könnten?

Über dieses Thema berichtete am 16. Januar 2021 Deutschlandfunk um 12:38 Uhr in der Sendung "Informationen am Mittag" und tagesschau24 um 13:00 Uhr.