Corona-Test in Indien | Bildquelle: dpa

Coronavirus in Indien Rasanter Anstieg der Infektionen

Stand: 31.08.2020 02:30 Uhr

Der Subkontinent entwickelt sich immer mehr zum Corona-Hotspot. Indiens Regierung will dennoch weitere Lockerungen zulassen - trotz Infektionszahlen auf Rekordniveau.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Indien hat am Sonntag die bislang höchste Zahl an Neuinfektionen weltweit registriert. Innerhalb von 24 Stunden wurden fast 79.000 neue Corona-Fälle gemeldet, die Zahl der Infektionsfälle in Indien steigt damit auf mehr als 3,5 Millionen. Nach den USA und Brasilien ist Indien weltweit am schlimmsten von der Pandemie betroffen.

Dr. Manjoy Kumar, Kardiologe am Max-Hospital in Delhi, einer der teuren Privatkliniken der indischen Hauptstadt, macht die Ausbreitung des Coronavirus auf dem Land für die steigenden Infektionszahlen verantwortlich. "Das ist der größte Anstieg an einem Tag weltweit. Und der Grund dafür ist, die Pandemie breitet sich bei uns auf dem Land aus. Besonders betroffen sind sieben Bundesstaaten, die zusammen fast 75 Prozent aller Coronafälle des Landes verzeichnen", sagt er.

Corona-Test in Indien | Bildquelle: dpa
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Corona-Test in Indien.

Fast 64.000 Tote

Experten gehen aber davon aus, dass die Dunkelziffer bei den Infektionsfällen in Indien viel höher ist, da in dem Land mit der zweitgrößten Bevölkerung weltweit verhältnismäßig wenig getestet wird. Dabei wird inzwischen mehr getestet als zu Beginn der Pandemie.

Die Bevölkerung sei nachlässiger geworden und halte sich weniger an die Schutzmaßnahmen, klagt Dr. Rajiv Parekh von der Medanta-Klinik in Delhi: "Die Leute dachten wohl, als die Zahlen etwas herunter gingen, das sei es gewesen, jetzt könne man wieder so leben wie vorher: ohne Maske, ohne Desinfektionsmittel und ohne Abstand zu halten", sagt er. "Das hätten wir nicht zulassen dürfen."

Nach offiziellen Angaben sind in Indien bislang fast 64.000 Menschen im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung gestorben. Fast 1000 allein am gestrigen Sonntag.

Gefährliches gesellschaftliches Stigma

Aayush Mittal, Arzt an einem Covid-19-Center, wo positiv Getestete von der Bevölkerung isoliert und behandelt werden, klagt über die fehlende Kooperationsbereitschaft in der Bevölkerung. Viele hätten Angst, gesellschaftlich geächtet zu werden, wenn sie als Covid-19-Patient registriert worden seien.

"In Indien wird Covid-19 als gesellschaftliches Tabu betrachtet", sagt er. "Wenn eine Person in einem Haushalt positiv getestet wurde, dann sind die anderen sechs Mitglieder der Familie es wahrscheinlich auch. Aber wenn sie merken, dass Covid-19-Patienten auch nach ihrer Genesung wie Unberührbare geächtet werden, dann gehen die doch nicht zum Test. Aber wenn sie das Virus in sich tragen, stecken sie andere damit an."

Modi mahnt zur Disziplin

Ungeachtet der rasant steigenden Infektionszahlen beginnt in Indien am 1. September die nächste Phase der Lockerung des strikten Corona-Lockdowns. Die sogenannte Unlock-4-Phase sieht vor, dass der öffentliche Personennahverkehr wieder vollständig aufgenommen wird, beispielsweise die U-Bahn in Delhi, allerdings mit strikten Abstandsregeln. Auch Hotels und Restaurants dürfen wieder vollständig öffnen, ebenso die Einkaufszentren und Sportanlagen.

Premierminister Narandra Modi mahnte in seiner gestrigen Video-Ansprache an die Bevölkerung zu Disziplin bei der Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. August 2020 um 12:00 Uhr.

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