Zwei Männer in Schutzanzügen stehen vor ihren Tuktuks | REUTERS

Inder kämpfen gegen Corona-Krise "Ich musste etwas tun"

Stand: 07.05.2021 17:34 Uhr

Wo die Regierung nicht mehr für sie sorgen kann, helfen sich die Menschen in Indien selbst: So wie Shubham Chawla. Seine Mutter kocht gratis Mahlzeiten für Covid-Kranke, er organisiert die Lieferung.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Panik, Trauer und Hilflosigkeit auf der einen Seite: Weil es scheinbar an allem fehlt, um Corona-Patientinnen und -Patienten in Indien helfen zu können. Angehörige pflegen ihre Lieben daheim oder versuchen Tag und Nacht, ein Krankenhausbett zu bekommen.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Viele Menschen haben Angst, das Haus zu verlassen, denn das Virus scheint überall zu sein. Dennoch trauen sich einige Menschen an die Front, denn sie wollen helfen. Sie bieten kostenlose Fahrten zu Krankenhäusern an, Essen für Infizierte oder organisieren Hilfe auf Instagram.

Selbstorganisierter Lieferdienst

Mom’s Kitchen, also Muttis Küche, so hat Shubham Chawla seinen Service benannt. Und der Name ist Programm: Seine Mutter kocht, Shubham organisiert die Zutaten und die Lieferdienste. Bis zu 600 Mahlzeiten am Tag schickt er frei Haus an Menschen, die sich mit Corona infiziert haben.

Er sagt: "Die Leute weinen am Telefon und bedanken sich so herzlich. Viele sagen: 'Bitte nimm unser Geld, wir brauchen jetzt einfach nur gutes hausgemachtes Essen. Wir sind zu schwach, um selber zu kochen.' Aber ich nehme kein Geld, ich erhalte Liebe und Gebete von ihnen. Das ist das beste Gefühl, das man haben kann."

Wir erreichen Shubham am Telefon. Der 26-Jährige ist eigentlich Marketing-Manager, nie im Leben hätte er zuvor daran gedacht, seine Dienste anzubieten, ohne Geld dafür zu nehmen. Bis er selbst Hilfe brauchte. Seine Schwester und sein Schwager hatten sich vor drei Wochen mit Corona infiziert. Als sich ihr Zustand verschlechterte, brauchte Shubham mehr als zwei Tage, um ein Krankenhausbett für die beiden zu finden.

"Das hat so einen starken Eindruck bei mir zurückgelassen. Diese verzweifelte Suche, die Situation im Krankenhaus, so viele hilfesuchende Menschen", erzählt er. "Zu Hause konnte ich dann erst einmal die ganze Nacht nicht schlafen. Ich wusste, ich muss was tun, ohne allerdings mich oder meine Mutter zu gefährden. Ich wollte unbedingt dazu beitragen, die Situation hier zu verändern."

Ein Post auf Instagram, dass seine Mutter zu Hause kocht für Menschen, die sich infiziert haben, bekam ein unglaubliches Feedback. Nun helfen auch noch Freunde und andere Verwandte mit, damit sie hinterherkommen. Natürlich kann man auch in Neu-Delhi Essen in Restaurants bestellen, aber bei indischen Familien geht nichts über Hausgemachtes. Das Essen wie daheim helfe auch der Seele, schneller gesund zu werden, sagt Shubham. Auf sämtlichen Kanälen in den sozialen Netzwerken bieten Inderinnen und Inder ihre Dienste an: Die mobile Crowd sucht nach Sauerstoffflaschen, Medikamenten oder Krankenhausbetten.

Krankenhäuser völlig überlastet

In den Kliniken kommen die Angestellten an den Rand ihrer Kräfte: "Es piepst die ganze Zeit! Jeden Tag", sagt Rohan Aggarwal in einem Interview mit dem indischen Online-Channel KiniTV. Der 26-Jährige hat sein Medizinstudium beendet und macht sein praktisches Jahr im "Holy Family Hospital", einem katholischen Krankenhaus in Neu-Delhi. Derzeit nimmt die Kliniken mehr Patientinnen und Patienten auf, als eigentlich möglich ist.

Zu viele Menschen suchen nach Hilfe. Sie liegen zum Teil auf den Fluren oder in Abstellkammern, mehr Personal aber wird nicht eingesetzt. Rohans Schicht dauert 27 Stunden. Er ist noch in der Ausbildung, aber muss nun mehr als 60 Patientinnen und Patienten betreuen.

Medizinstudierende fühlen sich wie Kanonenfutter

Mitstudierende von ihm haben in einigen Bundesstaaten schon protestiert, weil sie monatelang kein Geld bekommen haben, ihre Ausbildung derzeit völlig vernachlässigt wird und sich wie Kanonenfutter vorkommen, dem Virus völlig ausgesetzt. Die körperliche Belastung halte er noch aus, erzählt Rohan, aber seelisch sei er oft am Ende. "Den Job den wir gerade ausüben, das ist eigentlich die Arbeit, die Gott normalerweise übernimmt. Wir müssen nun entscheiden, wessen Leben wir retten und wen wir sterben lassen. Dafür sind wir nicht gemacht, wir sind doch nur Menschen", sagt Rohan.

Vor dem "Lok Nayak Krankenhaus" in Zentrum von Neu-Delhi hat Raj Kumar sein Tuktuk geparkt. Eine durchsichtige Plastikfolie trennt den Fahrer von der Rückbank, auf der er seine Passagiere transportiert. Normalerweise überall durch die Hauptstadt, nun vor allem von Krankenhaus zu Krankenhaus: "Neu-Delhi erstickt an Covid", sagt Raj Kumar in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. "Wenn die Leute keinen Krankenwagen bekommen, weil die alle belegt sind, dann komme ich ins Spiel."

Für diese Fahrten nimmt Raj Kumar kein Geld an. Er und rund zehn seiner Kollegen übernehmen die Krankentransporte, eine Hilfsorganisation übernimmt die Kosten, auch für die Ausrüstung: Desinfektionsmittel, Masken und bei Bedarf auch Sauerstoffflaschen. Seit Ende April sind die Neuinfektionen in Neu-Delhi stark angestiegen, im Schnitt sind es seitdem mehr als 20.000 an einem Tag.

Jede helfende Hand sei nun gefragt, sagt der Tuktuk-Fahrer Kumar: "Natürlich habe ich auch Angst vor dem Virus. Aber wenn deswegen nun jeder zu Hause bleiben würde, wer würde dann an der Front aushelfen? Wir müssen uns doch alle untereinander unterstützen."

Raj Kumar hilft, weil auch ihm geholfen wurde. Er hat wegen der Ausgangssperre seinen Job verloren, mit dem ambulanten Tuktuk-Service kann er also nicht nur anderen Menschen helfen, sondern endlich auch wieder seine Familie unterstützen.

 

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 07. Mai 2021 um 19:35 Uhr.