Zwei Beamte mit Gesichtsschutz im Gebiet Nizamuddin in Neu Delhi | Bildquelle: REUTERS

Religiöse Spannungen in Indien "Jeder Fremde wird weggeschickt"

Stand: 08.04.2020 09:14 Uhr

Alle Gotteshäuser in Indien sind geschlossen, es gilt eine Ausgangssperre. Trotzdem beschuldigen sich Anhänger verschiedener Religionen gegenseitig, für die Ausbreitung des Coronavirus im Land verantwortlich zu sein.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Am Ortseingang von Siroli, einem kleinen Dorf nördlich von Delhi, haben die Bauern eine Straßenblockade errichtet. Mit Schlagstöcken bewaffnete junge Männer sorgen dafür, dass nur Dorfbewohner durchkommen. Aus Angst vor dem Coronavirus werden Fremde nicht mehr hereingelassen. Vor allem keine Muslime, sagt Dorfvorsteher Mohan: "Dort drüben leben Muslime. Deshalb haben wir die Sperre hier gebaut, um zu verhindern, dass die zu uns kommen." In anderen Dörfern rund um die indische Hauptstadt sieht es ähnlich aus, wie auf Filmmaterial der Nachrichtenagentur AP zu sehen ist.

Antram, ein junger Mann aus Atarchata, bewacht zusammen mit seinen Freunden die provisorische Straßenblockade aus Baumstämmen. "Jeder Fremde, der aus der Stadt kommt, wird wieder weggeschickt. Die Jungs hier aus dem Dorf und auch unsere Onkel sorgen dafür, dass kein Fremder mehr reinkommt."

Ansteckungen durch muslimische Missionsbewegung?

Vor allem Muslime werden als Gefahr betrachtet, seit die muslimische Missionsbewegung Tablighi Jamaat in den Mittelpunkt der Diskussion um die Corona-Epidemie gerückt ist. Ein großer Teil der Corona-Fälle in Indien wird mit einer religiösen Massenveranstaltung der sunnitischen Glaubensgemeinschaft in Verbindung gebracht.

Anfang März waren tausende Anhänger aus ganz Indien und aus dem Ausland zu einem internationalen Treffen nach Delhi gekommen. Später waren dutzende Teilnehmer der Veranstaltung an Covid-19 erkrankt. Seitdem suchen die indischen Behörden fieberhaft nach den teilweise wieder abgereisten Besuchern der Gebetsversammlung und allen, die mit ihnen in Kontakt gekommen sind.

Der vorwiegend muslimische Stadtteil Nizamuddin, im Zentrum von Delhi, wurde von der Polizei abgeriegelt und die Moschee mit Desinfektionsmittel ausgesprüht. Satyender Jain, der Gesundheitsminister von Delhi, schätzt, dass 1500 bis 1700 Leute in der Moschee waren. Genaue Zahlen habe man nicht. "Aber wir haben 24 positive Corona-Fälle, allein von Teilnehmern dieser Veranstaltung."

"#coronajihad" in den sozialen Medien

Der Vorfall hat die anti-muslimischen Ressentiments in der indischen Bevölkerung verstärkt. In den sozialen Netzwerken wurde der Hashtag "#coronajihad" bereits hunderttausendfach geklickt.

Die hindu-nationalistische Bewegung RSS, eine Unterorganisation der Regierungspartei BJP von Premierminister Modi, macht die religiösen Führer der Tablighi Jamaat für die Ausbreitung des Coronavirus in Indien verantwortlich.

Arun Anand, der Chefideologe des RSS, spricht von einer radikalen Organisation, die alle Bemühungen der Regierung zunichtegemacht habe: "Wir hatten die Corona-Epidemie fast unter Kontrolle, als diese Leute ihre Versammlung abhielten, mit tausenden Teilnehmern. Und auf Videos kann man den Chef der Tablighi Jamaat sehen, wie er gegen das Versammlungsverbot agitiert hat." Dieses Verhalten werde von der ganzen Bevölkerung verurteilt.

Muslime befürchten zunehmende Spannungen

Die muslimischen Organisationen in Indien befürchten, dass sich die ohnehin angespannte Situation zwischen Hindus und Muslimen in Indien jetzt verschärfen könnte.

Die gesamte islamische Community habe das Treffen der Tablighi Jamaat verurteilt, so Kamal Farooki vom All Indian Muslim Personal Law Board, dem Rat für die Einhaltung der Scharia in Indien. Alle muslimischen Organisationen hätten Versammlungen in den Moscheen untersagt, so Farooki. "Diese Fatwa wurde mit einem Zitat unseres Propheten Mohammed belegt, der klar gesagt hat, bei Situationen dieser Art kann ein Muslim auf den Besuch der Moschee verzichten und zuhause beten."

Auch Hindus verletzen Ausgangssperre

Doch auch Hindus haben die landesweite Ausgangssperre schon verletzt, um ihre religiösen Feiertage zu zelebrieren.

Der Premierminister von Uttar Pradesh, Yogi Adityanath, einer der religiösen Hardliner der hindu-nationalistischen Regierungspartei BJP, leitete vergangene Woche eine Zeremonie für den Hindu-Gott Rama, eine sogenannte Puja, trotz des geltenden Versammlungsverbots.

Priester P.Gnana Reddy an Palmsonntag in einer leeren Kirche | Bildquelle: AFP
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Ein Priester am Palmsonntag in einer leeren Kirche

Online-Ostermessen für indische Christen

Landesweit sind alle Tempel, Moscheen und Kirchen geschlossen. Auch die Christen in Indien müssen an Ostern, einem ihrer wichtigsten Feste, auf den Kirchgang verzichten. Schon am Palmsonntag verfolgten die Gläubigen die Messe online auf ihren Mobiltelefonen.

Das sei traurig, aber unter diesen Umständen notwendig, so der Priester der St. Patricks Kirche in Chennai im Bundesstaat Tamil Nadu, einem der Corona-Hotspots in Indien. "Gerade die Osterwoche ist für uns Christen von großer Bedeutung. Wir feiern das Leiden und den Tod Jesu Christi und seine Auferstehung." Aber man unterstütze natürlich die Anordnungen der Regierung.

Die christliche Minderheit in Indien klagt immer wieder über Diskriminierungen und Angriffe von radikalen Hindus. Zeitungsberichten zufolge hat es gerade in den vergangenen Wochen mehrere Vorfälle gegeben.

Indien: Religiöse Gräben durch Corona
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
08.04.2020 08:10 Uhr

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