Ein Mann verbrennt in Neu-Delhi eine Puppe bei Straßenprotesten gegen ein neues Einbürgerungsgesetz.  | Bildquelle: AFP

Proteste in Indien "Ein Wunder, dass ich noch lebe"

Stand: 27.02.2020 13:39 Uhr

Mehr als 30 Menschen kamen bei den jüngsten Straßenschlachten in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi ums Leben. Eskaliert die Gewalt zwischen Hindus und Muslimen?

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Ausgebrannte Moscheen, zerstörte und geplünderte Geschäfte und Wohnhäuser, mehr als 30 Tote und rund 200 Verletzte: Das ist die vorläufige Bilanz der schweren Ausschreitungen in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi.

Sunil Kumar Gautam, der Direktor des für die Region zuständigen Krankenhauses berichtet: "Viele haben verschiedene Arten von Verletzungen. Schussverletzungen, Messerstiche, Kopfverletzungen. Manche haben sich schwere Verletzungen zugezogen, weil sie aus großer Höhe irgendwo herunter gesprungen sind, um den Angreifern zu entkommen."

Auslöser für die Straßenschlachten waren die Proteste gegen das neue Staatsbürgerschaftsgesetz. Doch Hintergrund der Gewalt sind massive Spannungen zwischen der Hindu-Mehrheit in Indien und der muslimischen Minderheit.

Polizei verkündete Ausgangssperre

Mit Schlagstöcken und Eisenstangen bewaffnete Mobs griffen die gegen das Staatsbürgerschaftsgesetz protestierenden Muslime an. Zuvor hatte ein führender Politiker der hindu-nationalistischen Regierungspartei BJP die Polizei aufgefordert die Straßenblockaden der Demonstranten aufzulösen, sonst würde das Volk das tun.

20 oder 25 Leute hätten auf ihn eingeschlagen, berichtet Mohammad Zubair, ein junger Muslim. Er trug am ganzen Körper Wunden und blaue Flecken davon. Der Rest habe zugeschaut. Niemand habe ihm geholfen. Er habe Angst gehabt, der Mob werde ihn totschlagen. "Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe", sagt Zubair.

Durch den am schwersten betroffenen Stadtteil im Nordosten der indischen Hauptstadt, wo mehrheitlich Muslime leben, fuhr die Polizei durch die Straßen und verkündete eine Ausgangssperre. Die Lage sei nun unter Kontrolle, bekräftigte Polizeisprecher Ved Prakash Surya: "Wir haben jetzt ausreichend Polizeikräfte auf den Straßen. Unsere Leute sind überall, die Lage ist unter Kontrolle. Wir marschieren regelmäßig durch den Stadtteil."

Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen in Neu-Delhi. | Bildquelle: AFP
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In Neu-Delhi kam es zu Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen.

Kritik an Einsatzkräften

Muslimische Anwohner hatten beklagt, dass die Polizei während der Ausschreitungen untätig geblieben sei oder sogar auf Seiten der Hindu-Schlägertrupps gestanden habe. Ein Augenzeuge berichtet sogar, dass die Polizei mitgemacht habe.

Drei Tage dauerten die Ausschreitungen. Besonders schlimm war es am Dienstag, während des Staatsbesuchs von US-Präsident Trump. Premierminister Modi rief über Twitter zu Frieden und Harmonie auf.

Muslime fühlen sich diskriminiert

Die Muslime in Indien, nicht nur in Delhi, protestieren seit Anfang des Jahres gegen das neue Staatsbürgerschaftsgesetz, das die Einbürgerung von Flüchtlingen erleichtert, aber ausdrücklich nicht für Muslime gelten soll. Kritiker sehen darin einen Bruch der säkularen Verfassung, weil erstmals die Staatsbürgerschaft auf der Grundlage der Religionszugehörigkeit gewährt werden soll.

Doch die Muslime in Indien, die trotz ihrer Zahl von mehr als 170 Millionen eine Minderheit sind, fühlen sich seit langem von der Politik der Regierung diskriminiert und ausgegrenzt. Das müsse sich ändern, fordert Jeevan Ali Khan, ein Arzt aus Delhi: "Das hätte nicht passieren dürfen. Die Proteste gegen das Staatsbürgerschaftsgesetz waren doch friedlich. Niemandem wurde etwas getan." Der Geschäftsmann Ismail Ansari ergänzt: "Es gibt eine Atmosphäre der Angst unter den Muslimen. Nicht nur hier in Delhi, sondern in ganz Indien. Dagegen muss die Regierung etwas unternehmen."

Ausschreitungen in Delhi - eine Bilanz
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
27.02.2020 12:09 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. Februar 2020 um 23:00 Uhr.

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