Wanderarbeiter mit Mundschutzen winken aus einem Zug nach Gorakhpur im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. | Bildquelle: AFP

Pandemie in Indien Keine App, keine Zugfahrt, kein Job

Stand: 15.05.2020 21:11 Uhr

100 Millionen Inder haben sich freiwillig eine Corona-App heruntergeladen. Das reicht der Regierung nicht: Wer "Aarogya Setu" nicht nutzt, kann bald nicht mehr reisen - oder verliert seine Arbeit.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Im Netz, in Zeitungen, im Radio: Im ganzen Land schaltet die indische Regierung Werbung für ihre App "Aarogya Setu", was übersetzt bedeutet: Brücke zur Gesundheit. Auch Bollywood-Schauspieler preisen die App an, als persönlichen Bodyguard.

Die positiven Kampagnen kommen bei einigen Menschen in der Bevölkerung richtig gut an - wie bei Umesh Ram zum Beispiel. Er liefert in der Hauptstadt Neu-Delhi Essen aus. "Für mich und meine Kollegen ist es wirklich notwendig, die App zu nutzen, für unsere eigene Sicherheit", sagt er. "Wir müssen doch wissen, ob unsere Kunden das Virus haben oder nicht. Es wäre gut, wenn fast alle diese App nutzen würden."

Davon ist Indien aber noch weit entfernt. Zwar haben hier bereits mehr als 100 Millionen Menschen die Corona-App runtergeladen, aber das macht nicht einmal zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Und nicht alle von ihnen haben das ganz freiwillig getan. Denn wer bei einer privaten Firma oder im Staatsdienst angestellt ist, ist verpflichtet, die App auf sein Smartphone zu laden. Den Firmenchefs könnten sonst Strafen drohen, Geldbußen oder sogar Freiheitsentzug.

Regierung betont Nutzen bei Hotspot-Erkennung

Passagiere, die den langsam wieder anrollenden Zugverkehr nutzen wollen, müssen die Corona-App ebenfalls auf ihrem Handy haben. Auch Inderinnen und Inder, die aus anderen Ländern nun in einer Rückholaktion nach Hause gebracht werden, müssen sie installieren. Denn die indische Regierung ist von ihr überzeugt. "Die App hilft unserem Land, die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen", sagt Premierminister Narendra Modi. Nur aufgrund dieser neuen Technologie sei es gelungen, potentielle Hotspots im Land ausfindig zu machen und Menschen zu warnen, die mit Corona-Infizierten in Kontakt gekommen waren.

Laut Forschern von der Universität Oxford allerdings müssten rund 60 Prozent einer Bevölkerung eine solche App nutzen, damit die Epidemie wirksam bekämpft werden kann. Und einige Datenschützer befürchten, dass die Corona-App in Indien eher schadet, als dass sie nützlich sein könne. Der Anwalt Aayush Rathi, der derzeit für das Zentrum für Internet und Gesellschaft in Indien forscht, sagt: "Die Corona-App in Indien erfüllt weder den globalen Standard von Datenschutz noch vom Schutz der Privatsphäre."

Denn sie registriert nicht nur lokal auf dem Handy die Nähe zu anderen Smartphones via Bluetooth, sondern wertet auch per GPS aus, wo sich ein Nutzer aufgehalten hat. Um die App zu nutzen, müssen die Nutzer persönliche Angaben machen: Alter, Geschlecht, wohin sie in den letzten Wochen verreist sind. In einem freiwilligen Test geben sie außerdem an, ob sie Fieber oder Atembeschwerden haben, Vorerkrankungen, Kontakt mit Covid-19-Patienten hatten oder im Krankenhaus arbeiten.

Ein Mann hat die App "Aarogya Setu" auf seinem Smartphone geöffnet, für deren Nutzung Bollywoodstars werben. | Bildquelle: AP
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Ein Mann hat die App "Aarogya Setu" auf seinem Smartphone geöffnet, für deren Nutzung Bollywoodstars werben.

Quellcode der App ist geheim

Dennoch betont Lalitesh Katragadda, der die indische Regierung bei der Programmierung und Ausführung der App berät, dass es keinen Grund zur Sorge gebe: "Die Daten der User sind absolut sicher. Die Bewegungsprotokolle bleiben lokal auf dem Smartphone."

Nur einen "ganz geringen Teil" von bislang rund 7000 Bewegungsprofilen hätten die Behörden auf einen Server geladen: "Sie hatten sich alle mit Coronavirus infiziert, und wir analysieren, mit wem diese User in Kontakt gekommen sind, um mögliche Hotspots ausfindig machen zu können." 700 solcher Hotspots habe die Regierung auf diesem Weg ausfindig gemacht und etwa 140.000 Nutzer warnen können.

Auf Schwachstellen, die Datenschützer im Betriebssystem der App vermuten, kann niemand die Regierung aufmerksam machen: Denn der Quellcode der App ist geheim. Das unterscheidet Indien von vielen anderen Demokratien, die eine Corona-App einsetzen. Auch Deutschland will bei der zukünftigen App transparent vorgehen und sie als Open Source veröffentlichen.

Indiens Fernmeldegesetz stammt von 1885

In Indien sei nicht einmal klar, wer in der Regierung Zugriff auf die Daten habe, sagt der Anwalt Rati: "Wir haben kein Gesetz in unserem Land, dass stützen würde, dass Menschen verpflichtend diese App herunterladen müssen. Das ist schlichtweg illegal."

Aber in Indien gibt es bis heute kein nationales Datenschutzgesetz. Noch ist die Telegraphen-Verordnung aus dem Jahr 1885 hier im Einsatz. Für Millionen von Menschen in der größten Demokratie der Welt bedeutet dies nun: Sie müssen die Corona-App herunterladen, wenn sie sich per Bahn und wohl bald auch per Flieger im Land bewegen und ihren Job nicht verlieren wollen.

Indien - Weltgrößte Demokratie zwingt Menschen zur Corona-App
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
15.05.2020 20:24 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Mai 2020 um 06:16 Uhr.

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