Dr. Kumar Gaurav | Bildquelle: REUTERS

Viele Neuinfektionen in indischen Provinzen Mit Bodyguard zur Visite

Stand: 24.08.2020 00:54 Uhr

In den indischen Provinzen steigt die Zahl der Neuinfektionen rasant. Auch immer mehr Ärzte werden positiv getestet. Andere werden in den Krankenhäusern von Angehörigen der Patienten attackiert.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Südostasien

Wenn Dr. Kumar Gaurav zur Visite in seiner Klinik die Runde dreht, wird er von einem bewaffneten Bodyguard begleitet, wie auf Filmmaterial der Nachrichtenagentur Reuters zu sehen war. Der Leiter des Nehru-Krankenhauses in Bhagalpur im indischen Bundesstaat Bihar ist schon häufig von Angehörigen der Patienten bedrängt und attackiert worden. Wegen zahlreicher Corona-Fälle ist die Klinik eigentlich für Besucher geschlossen.

"Die werden einfach wütend, wenn wir sie rausschicken wollen. Sie wollen ihre kranken Angehörigen sehen und kommen sogar bis in die Intensivstation rein. Vor allem, wenn ihnen klar wird, dass die Patienten es nicht schaffen werden, dann kommen alle Familienmitglieder, um den Kranken ein letztes Mal zu sehen", sagt Gaurav.

Auch Rajesh Kumar, der Sohn eines älteren Patienten, ließ sich nicht vom Krankenbett seines Vaters fernhalten: "Das ist mein Vater, ich kann ihn doch nicht hier alleine lassen. Die Ärzte sind nicht immer da. Die machen ihre Runde und danach sind die Kranken sich selbst überlassen."

Jawahar Lal Nehru Medical College | Bildquelle: REUTERS
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Die Patienten sitzen in Bhagalpur auf Krankenhausbetten in der Notaufnahme des Jawahar Lal Nehru Medical College und des Krankenhauses.

Nachdem sich auch Ärzte und Krankenschwestern mit dem Corona-Virus infiziert hatten, sind zahlreiche Kollegen nicht mehr zur Arbeit gekommen.

In der Provinz-Klinik in Ismailpur, einem kleinen Ort auf der anderen Uferseite des Ganges, ist Doktor Roshan inzwischen der einzige Arzt, der noch im Dienst ist: "Hier sollten eigentlich vier Ärzte sein. Aber wir waren schon lange nur zu dritt. Einer wurde in eine andere Klinik versetzt, ein anderer wurde positiv getestet und so bin ich jetzt noch der einzige hier."

Medizinische Versorgung auf dem Land schlecht

Der rasante Anstieg der Corona-Zahlen in Indien macht sich jetzt vor allem in der Provinz bemerkbar, wo die medizinische Versorgung deutlich schlechter ist, als etwa in der Hauptstadt Delhi und anderen Millionenstädten auf dem indischen Subkontinent.

Dies könnte die Sterberate von Covid-19-Patienten in Indien deutlich steigern, warnte Mike Ryan von der Weltgesundheitsorganisation WHO bei einem Pressebriefing in Genf: "Die Gefahr ist groß, dass sich die Krankheit in den dicht bevölkerten Städten und in den medizinisch schlecht versorgten ländlichen Regionen ausbreitet und Indien muss deshalb seine Anstrengungen verstärken, die Ausbreitung zu stoppen und die bereits Erkrankten zu versorgen."

Corona-Test in Indien | Bildquelle: AFP
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Corona-Test in Indien

Hälfte der Neuinfektionen in ländlichen Gebieten

Bis zu 60.000 Neuinfektionen täglich wurden in den vergangenen Wochen in Indien registriert. Indischen Medienberichten zufolge entfielen die Hälfte davon auf die ländlichen Gebiete und die kleineren Städte, wo die Zahl neuer Corona-Fälle vor einem Monat noch deutlich niedriger gewesen sei. In den Großstädten sei der Anteil der Neuinfektionen hingegen gesunken.

Zu Beginn der Corona-Pandemie hatte die indische Regierung einen vollständigen landesweiten Lockdown verhängt. Hunderttausende Wanderarbeiter hatten dadurch ihren Job verloren und waren aus den großen Städten, wo sie in engen Behausungen lebten, nach Hause in ihre Dörfer zurückgekehrt. Manche zu Fuß über Hunderte Kilometer. Jetzt kehren die ersten wieder zurück, um wieder Geld zu verdienen, damit die Familien zuhause leben können. Am Busbahnhof in Delhi kommen täglich Tausende Arbeiter aus den umliegenden Bundesstaaten an.

Wanderarbeiter-Familien in Indien warten auf eine Messung ihrer Körpertemperatur, bevor sie mit dem Zug zurück in ihre Heimatdörfer fahren dürfen. | Bildquelle: dpa
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Wanderarbeiter-Familien in Indien warten auf eine Messung ihrer Körpertemperatur, bevor sie mit dem Zug zurück in ihre Heimatdörfer fahren dürfen.

"Wir sind von hier weggegangen, aus Angst vor Corona und dachten zuhause sind wir sicher. Aber jetzt kommen wir zurück. Es gibt dort keine Arbeit, nichts. Aber wir müssen doch Geld verdienen", sagt ein Wanderarbeiter.

Doch längst nicht alle haben einen Job gefunden. Der 20-jährige Ashish Kumar hat vor der Corona-Pandemie in einer Schokoladenfabrik in Delhi Pralinen verpackt und mit dem Geld seine Familie unterstützt. Jetzt liegt er seinen Eltern in Dutta Nagar Gonda, im Bundesstaat Uttar Pradesh, wieder auf der Tasche: "Meine Eltern haben so viel für mich getan und sich aufgeopfert, als ich noch ein Kind war. Jetzt wollte ich ihnen etwas zurückgeben und dann kam dieser Lockdown. Ich wollte Geld für eine eigene Firma sparen und hoffte, dieses Ziel so in 2022-23 zu erreichen. Corona hat mich jetzt um mindestens fünf Jahre zurückgeworfen."

Rutschen 400 Millionen Menschen in die Armut?

Im Juni hatte der Internationale Währungsfonds IWF für Indien einen wirtschaftlichen Rückgang um 4,5 Prozent für dieses Jahr prognostiziert. Nach Einschätzung der Internationalen Arbeitsorganisation ILO könnte dies bedeuten, dass bis zu 400 Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter in den Bereich der Armut absinken.

Besonders betroffen sei vor allem die junge Generation, meint Radhicka Kapoor, vom indischen Rat für internationale Wirtschaftsbeziehungen: "Die Jugendarbeitslosigkeit war schon vor der Krise bei 17 Prozent. Deshalb sieht die Zukunft gerade für die jungen Leute sehr schlecht aus. Viele von ihnen haben in den Städten gearbeitet und sind in unterschiedlichen Bereichen qualifiziert. Und jetzt sind die zurück in ihren Dörfern, wo es keine Arbeit für sie gibt. Das kann schwerwiegende Folgen haben. Die Internationale Arbeitsorganisation sprach schon von einer Lockdown Generation."

Investitionen in Höhe von 1,5 Billionen Dollar

Die indische Regierung will unter anderem mit Infrastruktur-Projekten die Wirtschaft ankurbeln, um die durch die Corona-Pandemie ausgelöste Wirtschaftskrise zu überwinden. Premierminister Modi kündigte Investitionen in Höhe von umgerechnet knapp 1,5 Billionen US-Dollar an.

Corona in den ländlichen Gebieten Indiens
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
23.08.2020 18:31 Uhr

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Über dieses Thema berichtete BR24 am 24. August 2020 um 12:20 Uhr.

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