Indische Kinder sitzen in einer Schulklasse in Aurangabad. | Bildquelle: REUTERS

Indiens Zwei-Kind-Politik Mehr als zwei Kinder? Entlassung!

Stand: 13.11.2019 13:20 Uhr

Um das Bevölkerungswachstum einzudämmen, geht ein indischer Bundesstaat rigorose Wege: Wer mehr als zwei Kinder hat, wird künftig aus dem Staatsdienst ausgeschlossen. Indien ist bald das bevölkerungsreichste Land der Welt.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Im indischen Bundesstaat Assam werden Väter und Mütter von mehr als zwei Kindern künftig vom Staatsdienst ausgeschlossen. In der Region, im östlichsten Zipfel Indiens, südlich von Bhutan, ist die Geburtenrate höher als im Durchschnitt des ganzen Landes.

Gesundheitsminister Himanta Biswa Sharma sagte im Fernsehen, die Maßnahme sei nötig, um das Bevölkerungswachstum zu bremsen: "Jeder Staatsbedienstete muss sich während seiner gesamten Dienstzeit an die Begrenzung auf zwei Kinder halten. Andernfalls wird das als Verstoß gegen die Vorschriften betrachtet. Und wir rufen dazu auf, dass die Zwei-Kind-Politik auch in anderen Bereichen, etwa von den Abgeordneten im Parlament eingehalten wird."

Menschen auf einem Markt in Kalkutta | Bildquelle: picture alliance / robertharding
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Indiens Bevölkerung wächst rasant - jedes Jahr um 25 Millionen. Jeder vierte Jugendliche ist arbeitslos.

Indien überholt bald China

Varianten der Zwei-Kind-Politik gelten bereits in anderen indischen Bundesstaaten, unter anderem in Rajasthan, Maharashtra und Andhra Pradesh. Indien wird nach Schätzungen der Vereinten Nationen bereits im Jahr 2024 eine Bevölkerungszahl von mehr als 1,4 Milliarden Menschen erreichen und damit die Volksrepublik China als das bevölkerungsreichste Land der Welt überholt haben.

In einigen Regionen des Landes sei die Geburtenrate in den vergangenen Jahren zwar auf 1,6 Kinder pro Familie zurückgegangen, so Nandita Saikia von der Nehru-Universität in Delhi. Es gebe aber auch Regionen, da liege der Zuwachs bei mehr als drei Kindern pro Familie: "Die indische Bevölkerung wächst im Durchschnitt um 25 Millionen pro Jahr. Das sind 120 Millionen mehr Menschen in fünf Jahren und nach Einschätzung der Vereinten Nationen wird diese Zuwachsrate in naher Zukunft nicht sinken."

Premier: Zwei-Kind-Politik ist Patriotismus

Selbst Premierminister Narandra Modi warnte in seiner letzten Rede zum Nationalfeiertag vor einer Bevölkerungsexplosion und vor den damit verbundenen Problemen für künftige Generationen. Die Begrenzung auf zwei Kinder pro Familie, sagte er, sei ein Zeichen von Patriotismus: "Bevor man ein weiteres Kind in die Welt setzt, sollte man sich fragen, ob man die Bedürfnisse dieses Kindes erfüllen kann", erläutert Modi. "In einigen Teilen der Bevölkerung passiert das schon, und sie tragen auf diese Weise zum Wohl des Landes bei. Von diesen Leuten sollen wir lernen und unser Bewusstsein für das Problem der Bevölkerungsexplosion schärfen."

Der indische Premierminister Narendra Modi. | Bildquelle: AP
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Indiens Premier Modi verteidigt die Zwei-Kind-Politik.

Die wirkungsvollste Maßnahme gegen eine zu schnell wachsende Bevölkerung sei jedoch nicht die Zwei-Kind-Politik mit ihren Verboten und Strafmaßnahmen, sondern Bildung für Mädchen, meint Nandita Saikia, die auch am Max-Planck-Institut in Rostock zum Thema Bevölkerungsentwicklung geforscht hat: "Wenn man die Bildungsmöglichkeiten für Frauen verbessert, senkt man automatisch die Geburtenrate. Das hat sich auch im Süden Indiens gezeigt. In Kerala und Tamil Nadu haben mehr Frauen eine Schulbildung und die Geburtenrate ist dort deutlich niedriger als in Bihar oder Uttar Pradesh im Norden", sagt Saikia. "Und der Zugang zu Verhütungsmitteln muss verbessert werden. Aber junge Frauen, die gebildet sind, finden da schon einen Weg."

Karte Indien mit Neu Delhi und der Region Assam
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Im indischen Bundesstaat Assam ist die Geburtenrate höher als im Durchschnitt des Landes.

Die Hälfte der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt

Religion und Tradition spielen eine besondere Rolle beim Problem Bevölkerungswachstum. Die Muslime in Assam haben bereits gegen die Zwei-Kind-Politik protestiert. Muslime kriegen sowieso keinen Job im Staatsdienst, sagte Moulana Badruddin Ajmal, von der United Democratic Front: "Wir werden unseren Leuten sagen, sie sollen so viele Kinder in die Welt setzen, wie nur möglich. Sie sollen sie ausbilden, auch die Mädchen. Und dann sollen sie Arbeitsplätze für sie schaffen und alle werden glücklich sein."

Arbeitsplätze sind das größte Problem für die wachsende Bevölkerung Indiens. Rund 600 Millionen Inder, etwa die Hälfte der Bevölkerung, sind unter 25 Jahre alt. Und jeder vierte Jugendliche ist arbeitslos.

Indiens Bevölkerungswachstum: Zwei-Kind-Politik soll helfen
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
13.11.2019 11:50 Uhr

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