Kanülen mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca in einem Labor in Indien. | REUTERS

Impfstoff-Engpässe EU erhöht den Druck auf Hersteller

Stand: 24.01.2021 15:48 Uhr

Erst BioNtech/Pfizer, dann auch AstraZeneca: Beide Hersteller liefern vorerst weniger Dosen der von ihnen entwickelten Corona-Impfstoffe an die EU als ursprünglich vereinbart. In Brüssel wächst der Unmut.

Die EU hat die Hersteller von Corona-Impfstoffen angesichts von Lieferverzögerungen vor möglichen Konsequenzen gewarnt. "Wir erwarten, dass die von den Pharmaunternehmen bestätigten Verträge eingehalten werden", sagte EU-Ratspräsident Charles Michel dem französischen Sender Europe 1. Um die Einhaltung der Verträge zu gewährleisten, könne die EU auch "juristische Mittel" nutzen.

Conte droht mit Klage

Damit stellte Michel sich hinter Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte. Dieser hatte den säumigen Herstellern zuvor eine Klage angedroht. Auf Facebook schrieb er, die Verlangsamungen der Lieferungen stellten schwere Vertragsverletzungen dar, die in Italien und anderen europäischen Ländern "enorme Schäden" verursachten. Es gebe "direkte Auswirkungen auf das Leben und die Gesundheit der Bürger" sowie auf Italiens von der Pandemie stark angegriffene Wirtschaft.

Nach Contes Angaben würde Italien nur 3,4 Millionen statt acht Millionen Dosen erhalten, wenn sich die Reduzierung der im ersten Quartal zu verteilenden Dosen um 60 Prozent bestätigt.

Lieferschwierigkeiten bei mehreren Herstellern

Nach den Lieferproblemen bei BioNtech/Pfizer hatte am Freitag auch der britisch-schwedische Konzern AstraZeneca angekündigt, zunächst weniger Dosen an die EU abzugeben als geplant. Grund sei eine geringere Produktion an einem Standort in der europäischen Lieferkette, hieß es.

Die Zulassung des AstraZeneca-Impfstoffs für die EU wird in Kürze erwartet - am 29. Januar könnte die EU-Arzneimittelbehörde EMA grünes Licht geben. In Großbritannien wird das Vakzin bereits genutzt. Ob es auch dort zu Verzögerungen bei der Auslieferung kommt, ist bislang nicht bekannt.

Michel fordert Begründung

EU-Ratspräsident Michel erklärte, man verstehe, dass es Probleme geben könne. Es brauche aber Klarheit über die Gründe. So habe Pfizer anfangs Verzögerungen von Impfstofflieferungen von mehreren Wochen angekündigt. Nachdem man mit der Faust auf den Tisch gehauen habe, sei es dann aber nur noch um eine Woche gegangen.

EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides hatte zuvor mitgeteilt, es gebe in der Kommission und in Mitgliedstaaten große Unzufriedenheit über die von AstraZeneca angekündigten Lieferverzögerungen im ersten Quartal.

Man habe bei der Sitzung des Lenkungsausschusses zur EU-Impfstrategie am Freitag darauf bestanden, dass es einen genauen Lieferplan gebe, auf dessen Grundlage die Mitgliedstaaten ihre Impfprogramme planen könnten. Die EU-Kommission werde weiter auf mehr Zuverlässigkeit bei den Lieferungen dringen und auf eine beschleunigte Verteilung der Dosen. Nach Angaben aus der EU-Kommission soll es schon am Montag ein weiteres Treffen des Lenkungsausschusses zu den Verzögerungen geben.

Impfziel nur schwer zu realisieren

Ursprünglich war die EU-Kommission davon ausgegangen, dass die Mitgliedstaaten mit den von ihr eingekauften Impfstoffen bis Ende des Sommers mindestens 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung impfen können. EU-Ratspräsident Michel räumte nun ein, dass dieses Ziel nur schwer zu realisieren sein dürfte.

Der EU-Kommission wird seit längerem vorgeworfen, sich nicht rechtzeitig genug ausreichend Impfstoff gesichert zu haben. Die Brüsseler Kommission argumentiert hingegen, dass zum Zeitpunkt der Vertragsverhandlungen noch gar nicht klar gewesen sei, welche Impfstoffe am Ende überhaupt zugelassen werden können. Deswegen sei es richtig gewesen, auf unterschiedliche Anbieter und Konzepte zu setzen.

Nach eigenen Angaben hat die Kommission bislang sechs Verträge über 2,3 Milliarden Dosen künftiger Impfstoffe genehmigt. So gibt es beispielsweise mit BioNtech/Pfizer Abmachungen über 600 Millionen Dosen und mit Astrazeneca über bis zu 400 Millionen Dosen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 23. Januar 2021 um 15:00 Uhr.