Ekrem Imamoglu | Bildquelle: AP

Weltspiegel-Reportage Imamoglu - eine Bedrohung für Erdogans AKP

Stand: 12.05.2019 00:27 Uhr

Die Wahl von Istanbuls Oberbürgermeister wird wiederholt. Den bisherigen Sieger Imamoglu beobachtet Erdogans AKP scharf, denn für das eigene Lager scheint der eine echte Alternative zu sein.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Wie religiös und konservativ ist Ekrem Imamoglu? Zumindest kommt der Oppositionspolitiker der Mitte-Links-Partei CHP und erneute Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters von Istanbul bei islamisch-konservativen Wählern besser an als anderen bisherigen Kandidaten der CHP. Bei einem Besuch Imamoglus auf dem ägyptischen Basar der 16-Millionen-Metropole am Bosporus wollen immer wieder auch ältere Frauen mit Kopftuch ein Selfie-Foto mit dem 48-Jährigen. Er küsst zum Dank deren Hände.

Imamoglu weiß um die Macht solcher Szenen und Bilder, die Journalisten im Fernsehen und sein Presseteam in den sozialen Medien verbreiten. So lässt er sich auch beim Gebet zum Fastenbrechen oder beim Singen von Suren in einer Moschee kurz nach dem Attentat im neuseeländischen Christchurch filmen. Bei seinen Reden hütet er sich vor allzu scharfen Attacken gegen den politischen Wettbewerber. Wenn Erdogan die gesamte Opposition als Unterstützer der als Terrororganisation eingestuften PKK stigmatisiert, lässt sich Imamoglu nicht provozieren, sondern reagiert stattdessen immer wieder mit positiven Botschaften.

So schafft es Imamoglu zu den Stimmen aus dem Mitte-Links-Lager und den Stimmen vieler Kurden auch Stimmen konservativer Wähler zu gewinnen, die in den vergangenen Jahren AKP gewählt haben.

Oppositionspolitiker Imamoglu verbindet die moderne westliche Türkei mit den Werten konservativer Familien
Weltspiegel, 11.05.2019, Oliver Mayer-Rüth, ARD Istanbul

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"Alles wird gut"

Die Reaktion auf seinen wenn auch knappen Sieg Ende März bei der Kommunalwahl in Istanbul kam prompt. Wochenlang moniert die Erdogan-Partei AKP, es habe bei der Auszählung Unregelmäßigkeiten, ja Betrug gegeben. Vergangenen Montag entscheiden sieben Richter des elfköpfigen Hohen Wahlrats, die Kommunalwahl müsste in diesem Sinne annulliert werden. Imamoglu spricht zwar von einem Verrat an der Demokratie, macht jedoch den Satz "her şey çok güzel olacak", "Alles wird gut", zum Slogan seines Wahlkampfes für die Neuwahl.

Auf die Frage, wie religiös und konservativ er also tatsächlich ist, sagt er, sein Lebensstil sei dem religiöser Familien sehr ähnlich. Zwar trägt seine Frau kein Kopftuch, dennoch glaubt er zu wissen, was die Konservativen fühlen. Er sei eben so wie sie, erklärt er im ARD-Interview.

"Für Konservative ist er keine Bedrohung"

Akif Beki schreibt für die konservative Zeitung "Karar" und war mehrere Jahre Erdogans Medienberater. Bisher, so Beki, habe es der AKP-Chef immer wieder geschafft, Mitte-Links-Konkurrenten als Gegner des konservativen, religiösen Lagers zu stigmatisieren. Das sei bei Imamoglu jedoch nicht mehr möglich. "Seine Sprache, seine Aussagen, seine Familie, das soziale Umfeld aus dem er kommt - für Konservative ist er keine Bedrohung", sagt Beki.

Recep Tayyip Erdogan | Bildquelle: dpa
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Erdogan wird es bei der bevorstehenden Wahl schwer haben, denn Imamoglu spricht die Sprache seiner Klientel.

Imamoglu spricht die Sprache der Erdogan-Klientel. Bei einem Interview im Sender "Fox" kritisiert er die Annullierung der Wahl mit der Aussage "Ramazan ayında kul hakki yediler". Minutenlang steht der von religiöser Symbolik geprägte Satz als Schriftzug am unteren Bildrand. Frei übersetzt bezichtigt Imamoglu die Richter des Hohen Wahlrats, sie hätten während des Fastenmonats Ramadan ein Menschenrecht verspeist. Mehr Frevel ist kaum möglich und jeder zwischen Istanbul und der iranischen Grenze hat den Oppositionspolitiker sofort verstanden.

Dabei steht die Mitte-Links Partei seit Jahrzehnten für einen streng säkularen Kurs. Viele religiöse Türken geben der CHP die Verantwortung für antiislamische Zeiten, in der Kopftuch tragende Frauen nicht in die Universität durften und keine öffentlichen Ämter bekleiden konnten.

Dennoch hat es Imamoglu überraschend geschafft, die AKP bzw. deren Vorgängerpartei nach mehr als 20 Jahren aus dem Istanbuler Rathaus zu drängen. Allerdings ist die Metropole der Wirtschaftsstandort Nummer eins der Türkei. Milliarden von Steuern und Einnahmen fließen durch Istanbul und in die Staatskasse. Auch das könnte ein Grund dafür sein, warum sich die AKP das Rathaus nicht so ohne weiteres nehmen lassen will und Imamoglu in die zweite Runde muss.

AKP fürchtet Imamoglus "Magdur"-Image

Viele Beobachter meinen, dass ihm das gar nicht unbedingt schade. Tatsächlich habe Imamoglu bereits jetzt den Status eines "Magdur", hört man in Istanbuls Kaffeehäusern. "Magdur“ steht für Benachteiligter, für jemanden, dem großes Unrecht geschehen ist. Erdogan selbst war einst ein "Magdur", als er aufgrund seiner politischen Positionen 1999 kurzzeitig ins Gefängnis musste. Nach der Haft war der Zuspruch für den heutigen Staatspräsidenten noch größer.

Die AKP fürchtet Imamoglus "Magdur"-Image. Wohl auch deshalb hat Binali Yildirim, Imamoglus Wettbewerber um das Amt des Oberbürgermeisters von Istanbul, am Freitag deutlich gemacht, dass eigentlich er der "Magdur" sei. Denn aufgrund des Betrugs beim Auszählen hätte man ja ihm die Stimmen und das Amt gestohlen.

Aktionen wie die Annullierung der Wahl helfen Imamoglu nur, sagt Akif Beki. Erdogan und die AKP-Regierung haben durch ihre Fehler und Angriffe auf den CHP-Kandidaten mindestens genauso viel zu dessen Erfolg beigetragen wie er selbst, denkt Beki.

Nicht nur Istanbul, sondern die ganze Türkei blickt nun gespannt auf den Wahlkampf in den nächsten Wochen und auf den Termin der Neuwahl am 23. Juni. Sicherlich haben auch die Rezession und Erdogans harte Politik gegen die Opposition zum Wahlergebnis Ende März beigetragen, doch das reicht längst nicht aus, um eine signifikante Zahl an loyalen AKP-Wählern zur Abkehr von der Erdogan-Partei zu bewegen. Es braucht einen alternativen Kandidaten, mit dem sich die konservative Klientel identifizieren kann. Imamoglu, so meinen viele Beobachter, könnte so ein Kandidat sein.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 12. Mai 2019 um 19:20 Uhr.

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