Idlib | Bildquelle: AFP

Waffenruhe in Idlib Gefangen in der Hölle

Stand: 05.08.2019 05:30 Uhr

Trotz des vereinbarten Waffenstillstands für die syrische Region schwindet bei den Bewohnern die Hoffnung. Die Gewalt der vergangenen Jahre hat viele zermürbt.

Von Tina Fuchs, ARD-Studio Kairo

Die Hölle wird weiter gehen, glaubt Nabil. Nabil erlebt sie fast jeden Tag in dem Krankenhaus, in dem er als Pfleger arbeitet. Verletzte, die einen Bombenangriff überlebt haben, werden schnell her transportiert. Und dann sind nicht genug Ärzte da, um alle zu behandeln.

Waffenstillstand? Der junge Mann, mit dem wir über Skype sprechen, zuckt mit den Schultern: "Wir haben schon oft von einem Waffenstillstand gehört. Das Regime wird die Waffenruhe nicht einhalten. Es hat ihr nur zugestimmt, weil seine Armee geschwächt ist und Zeit braucht, um sich neu zu formieren. Es wird die Waffenruhe brechen, das haben wir in Syrien mehrfach erlebt."

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Zerstörte Gebäude in der Stadt Chan Scheichun. Ohne russische Unterstützung wären die Angriffe der syrischen Armee nicht möglich.

 Hilfsorganisationen abgezogen

Nabil, den Namen haben wir geändert, lebt in Idlib. Drei Millionen Menschen, so Schätzungen, sind in der Region, die Hälfte Flüchtlinge. Im jahrelangen Krieg vertrieben aus Homs, Daraa, Aleppo. Von dort waren damals viele evakuiert und in Bussen nach Idlib gebracht worden. Die Region ist die letzte, die die Aufständischen kontrollieren. Es ist der letzte Zufluchtsort. Im Nordwesten Syriens, an der Grenze zur Türkei.

Hilfsorganisationen hatten Zugang und konnten die Menschen mit dem Nötigsten versorgen. Doch 2017 übernahmen Dschihadisten, der al-Qaida-Ableger Hai’at Tahrir al-Scham (HTS), in weiten Teilen Idlibs die Kontrolle. Hilfsorganisationen zogen ab, die zivile Bevölkerung aber kann nirgendwo mehr hin: Seitdem ist sie eingeschlossen in Idlib.

Das Regime hatte nie einen Zweifel gelassen, alle Regionen zurück erobern zu wollen, die HTS-Dschihadisten lieferten jetzt den willkommenen Vorwand als Krieg gegen den Terror. Dabei werden Krankenhäuser zur Zielscheibe: "Für das Regime und die Russen ist es zur Routine geworden, Krankenhäuser zu bombardieren. Sie haben viele angegriffen, zuletzt das im Chan Scheichun - da wurde Krankenhauspersonal getroffen, Patienten, Besucher, die gerade dort waren", sagt Nabil.

 Geschwächte Armee

24 Krankenhäuser, 35 Schulen wurden seit Beginn der April-Offensive in Idlib bombardiert, besagen Zahlen der Vereinten Nationen. Der Schulbetrieb ist eingestellt, Kranke müssen in Kliniken weit außerhalb gebracht werden, erzählt Nabil. Die Menschen sollen sagen: Lieber das Regime, als die Furcht vor dem nächsten Luftangriff. Das nennt man Zermürbungstaktik.

Ohne russische Unterstützung wären die Angriffe nicht möglich. Assads Armee ist geschwächt. Gleichzeitig rüstet die Türkei die extremistischen Milizen der HTS auf. Ihr Anführer hat nach der Waffenstillstandsvereinbarung bereits erklärt, dass seine Miliz die militärisch eroberten Gebiete nicht durch politische Verhandlungen aufgeben werde. 

 Dokumentar des Todes

Der Bürgerjournalist Wassim al-Khalaf dokumentiert in Idlib die Menschen, die bei den Angriffen verletzt und getötet werden. Er geht dann dort hin, wo die Bomben eingeschlagen sind und die Menschen aus den Trümmern geborgen werden. Die Schlachten in Syrien werden von außen geführt, sagt er.

Den Glauben, dass die Internationale Gemeinschaft dem ein Ende setzt, hat er verloren: "Menschenrechte sind eine Lüge. Denn wir sterben vor den Augen der ganzen Welt. Niemand hilft uns. Unsere Kinder sterben. Alte Leute. Sie tragen doch keine Waffen. Täglich kommt jemand ums Leben, wir bergen Kinderleichen aus den Trümmern, das ist unbeschreiblich. Aber die Angriffe werden nicht gestoppt, solange die internationale Staatengemeinschaft sich nicht gegen das Töten Hunderttausender Syrer einsetzt."

Wassim ist Anfang dreißig,  hat BWL studiert - und wird - trotz Waffenruhe - wohl das weiter machen, was er nie wollte: Dokumentar des Todes in Idlib sein. 

Waffenruhe in Idlib?
Tina Fuchs, ARD Kairo
05.08.2019 08:35 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 05. August 2019 um 06:09 Uhr in der Sendung "Studio 9".

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