Syrischer Truppen in Idlib | Bildquelle: REUTERS

Syrische Provinz Idlib Angriffe trotz Waffenruhe

Stand: 16.09.2019 04:04 Uhr

In Ankara beraten die Präsidenten Erdogan, Putin und Rouhani über die Lage in Syrien. Der umkämpfte Nordwesten dürfte im Fokus stehen. Die syrische Armee will Idlib weiter unter ihre Kontrolle bringen.

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Kampfjets am Himmel, eine gewaltige Explosion: Rauchwolken steigen über den Häusern auf. Videoaufnahmen aus den vergangenen Wochen zeigen, wie Menschen durch die Straßen laufen, nach Schutz suchen. Alltag in Idlib - in dem letzten großen Gebiet in Syrien, das sich in der Hand von Aufständischen befindet.

Etwa drei Millionen Menschen leben hier. Jeder Zweite ist aus anderen Teilen des Landes hierhergekommen, auf der Flucht vor den Kämpfen zwischen Aufständischen und den Einheiten der syrischen Armee.

Kinder in Idlib | Bildquelle: dpa
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Kinder in Idlib.

"Das Leben im Lager ist sehr hart"

Die hat weite Teile des Landes wieder unter ihrer Kontrolle - und ist in den vergangenen Monaten mithilfe von russischen Kampfjets bis in die Provinz Idlib vorgerückt. "Nachdem das Regime und seine verbündeten Milizen Khan Scheichun eingenommen haben, sind wir in Richtung der syrischen-türkischen Grenze geflohen, in die Lager", erzählt Abdel Hamid Al-Yousef.

Der 31-Jährige stammt aus dem Süden der Provinz Idlib. "Das Leben hier im Lager ist sehr hart und schwer, wir leiden enorm. Ich lebe in einem Zelt. Wir haben nichts. Es ist sehr schwer, das eigene Haus zu verlassen und in einem Zelt zu leben, das weder im Sommer noch im Winter Schutz bietet."

In Idlib dominiert die Dschihadisten-Miliz Hayat Tahrir Al-Scham. Die Extremisten herrschen dort mit harter Hand. Im April startete die Regierung von Präsident Assad eine Offensive, um die Provinz zurückzuerobern. Syrische und russische Jets fliegen regelmäßig Luftangriffe. Bodentruppen durchkämmen das Gebiet und rücken immer weiter nach Nordwesten vor, sagt Brigadegeneral Ali Mai-hub, ein Sprecher der syrischen Armee.

Hunderttausende auf der Flucht

"Nach heftigen Angriffen in den vergangenen Tagen und einer Belagerung der ländlichen Gebiete nördlich von Hama haben unsere mutigen Soldaten die folgenden Städte und Dörfer komplett unter ihre Kontrolle gebracht: Khan Scheichun, Mourek, Al-Latamina, Kafr Seita, Litmin, Ma’ar Kibba, Lahaya Ost und West, Tel Fas, Tel Litmin, die Dörfer Wismin und Qismin, Ka'bul-Faras. Der Vorstoß geht schnell voran." Seit Beginn der Offensive sind nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 1100 Zivilisten getötet worden.

Mehrere hunderttausend Menschen haben versucht, vor der Gewalt zu fliehen. Sie sind nach Norden gezogen, zur türkischen Grenze - und hoffen, dass die Regierung in Ankara einen Übergang für sie öffnen wird. Doch genau das will der türkische Präsident Erdogan vermeiden. Vor zwei Wochen hatte die Führung in Damaskus eine einseitige Waffenruhe für Idlib erklärt.

Angriffe wieder aufgenommen

Die Angriffe hörten zunächst auf, wurden aber wieder aufgenommen. Die Menschen in Idlib harren weiter zwischen den Fronten aus - unter erbärmlichen Bedingungen. Abdel Hamid Al-Yousef hofft auf eine internationale Einigung: "Als Zivilist und als einer von Tausenden, die ihre Kinder oder Familien verloren haben, rufe ich die internationale Gemeinschaft, andere Länder, den Sicherheitsrat, arabische Führer und alle Menschen mit einem Gewissen dazu auf, dieses Problem ernst zu nehmen und Baschar Al-Assad und seine Milizen so bald wie möglich verantwortlich zu machen für die Verbrechen, die sie begangenen haben, um die überlebenden Menschen zu beschützen und Assads Terror gegen Zivilisten zu beenden."

Das erklärte Ziel von Präsident Assad und seinen Verbündeten ist es, ganz Syrien unter ihre Kontrolle zu bringen und die Aufständischen zu besiegen. Von einer dauerhaften Waffenruhe scheint Idlib weit entfernt zu sein.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 16. September 2019 um 06:38 Uhr.

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