Türkische Truppen fahren in einem Konvoi auf einer Hauptverkehrsstraße zwischen Damaskus und Aleppo | Bildquelle: AFP

Syrien Ankaras Dilemma in Idlib

Stand: 05.09.2018 11:44 Uhr

Bei einer Offensive der syrischen Armee auf Idlib könnte eine Massenflucht in die Türkei drohen. Doch Ankara steckt noch in einem anderen Dilemma.

Von Reinhard Baumgarten, SWR

Neunmal haben sich der Iran, Russland und die Türkei zu den Astana-Gesprächen getroffen, um Friedensregelungen für Syrien zu finden. Dabei wurden sogenannte Deeskalationszonen vereinbart. In diesen Zonen sollten Beobachter dafür sorgen, dass sich Rebellengruppen und syrische Armee nicht bekämpfen. Die Türkei ist für die Provinz Idlib im Nordwesten Syriens verantwortlich.

Türkei verstärkt Luftabwehrsysteme

Ankara hat in den vergangenen eineinhalb Jahren in Idlib zwölf Beobachtungsposten errichtet und 1300 Soldaten stationiert. Das türkische Militär befestigt diese Posten seit geraumer Zeit massiv und bestückt sie mit Luftabwehrsystemen. Einer der Gründe dafür ist die Ankündigung von Syriens Präsident Baschar al-Assad, dass die Rebellenhochburg Idlib in absehbarer Zeit angegriffen werden soll. Die militärischen Vorbereitungen laufen Beobachtern zufolge auf Hochtouren. Offenbar will Assad die Gunst der Stunde nutzen und nach Homs, Ost-Ghouta nahe Damaskus und Dara’a im Süden des Landes nun auch Idlib unter seine Kontrolle bringen.

Guido Steinberg, Stiftung Wissenschaft und Politik, zur Möglichkeit die Kämpfe in Idlib zu verhindern
tagesthemen 22:15 Uhr, 04.09.2018

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Kein Ausweichgebiet um Idlib

In Idlib leben rund 2,5 Millionen Menschen, darunter sind unterschiedlichen Angaben zufolge bis zu 100.000 bewaffnete Rebellen. Viele dieser Rebellen sind aus anderen Deeskalationszonen in Syrien geflohen, vertrieben oder nach Idlib transferiert worden. Für diese Zonen waren Russland und der Iran verantwortlich. Nach und nach wurde der Widerstand gegen das Assad-Regime dort mit schweren Bombardements, Aushungern und überlegener Feuerkraft gebrochen. Wer das Inferno überstand und nicht unter Assads Herrschaft leben wollte, durfte in die von der Türkei verantwortete Provinz Idlib ausweichen. Nun gibt es kein Ausweichgebiet mehr.

Grenze zwischen der Türkei und Syrien | Bildquelle: REUTERS
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Die Provinz Idlib liegt nicht weit von der Türkei entfernt.

Neue Flüchtlingswelle droht

Wird Idlib von Assad-Truppen und seinen russischen und iranischen Helfern angegriffen, droht eine neue Flüchtlingswelle, warnt Jan Eggeland. Der Syrienbeauftragte der Vereinten Nationen appelliert eindringlich an die Türkei, gegebenenfalls ihre Grenze für neue syrische Flüchtlinge zu öffnen. Doch Ankara hat die Grenze zu Syrien längst mit einer mehrere Hundert Kilometer langen Betonmauer, mit tiefen Gräben und Sperrzäunen dicht gemacht. Kommt es zur Massenflucht aufgrund eines massiven Angriffs, dann droht eine neue humanitäre Katastrophe.

Das Regime in Damaskus weiß sehr wohl, erlangt es Kontrolle über Idlib, dann ist der Krieg zu seinen Gunsten entschieden. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan scheint sich damit abgefunden zu haben, dass es in Syrien nicht zu einem Regime-Wechsel nach seinen Vorstellungen kommen wird. Jahrelang hat Ankara islamistische Rebellen gegen das Assad-Regime unterstützt. Gleichwohl ist Erdogan nicht willens, türkische Truppen aus Syrien abzuziehen.

Karte: Syrien
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Droht eine baldige Offensive in Idlib?

Idlib: Sammelbecken islamistischer Extremisten

Unter türkischer Schirmherrschaft ist Idlib zu einem Sammelbecken islamistischer und dschihadistischer Extremisten geworden. Damit soll Schluss sein, befinden Damaskus und Moskau. Russland drängt die Türkei, das Problem rasch zu lösen. Ankara steckt in einem Dilemma. Etwa 60 Prozent der rund 6100 km² großen Provinz werden von der Terrorgruppe Hayat Tahrir ash-Sham kontrolliert, die sich von Ankara nichts sagen lässt. Mehr als ein Dutzend anderer zumeist islamistische Rebellengruppen hat sich jüngst unter Vermittlung Ankaras zur so genannten Nationalen Befreiungsfront NLF zusammengeschlossen. Darunter sind unter anderem die beiden Al Kaida-Ableger Ahrar ash-Sham und die Nour ad-Din az-Zenki Brigade.

Kämpfer unterschiedlicher Nationen

Viele NLF-Gruppen hören nur sehr bedingt auf Ankara, weil sie Geld, Waffen und Direktiven von arabischen Golfstaaten bekommen. Unter den extremistischen Rebellen in Idlib befinden sich auch viele Kämpfer aus Usbekistan, Kirgistan, dem Kaukasus und Westchina. Deren genaue Zahl ist schwer zu ermitteln. Peking geht von 1000 bis 5000 radikalen Uiguren aus, weshalb die chinesische Führung Damaskus sogar Hilfe bei einem militärischen Vorgehen gegen Idlib in Aussicht gestellt hat. Moskau möchte verhindern, dass Extremisten aus dem Kaukasus von Idlib nach Russland zurückkehren. Ankara verweist darauf, man müsse zwischen extremistischen und moderaten Rebellen unterscheiden.

Wie will Ankara mit den Extremisten verfahren?

Es waren vorwiegend islamistische Kämpfer, die als Ankaras "Kettenhunde" gemeinsam mit der türkischen Armee die kurdische Provinz Afrin angegriffen und besetzt haben. Menschenrechtsorganisationen registrieren seitdem die zahlreichen von ihnen begangenen Menschenrechtsverletzungen in Afrin. Das Assad-Regime ist auf Dauer nicht bereit, Widerstand in der nordwestlichen Provinz Idlib zu dulden. Wie die Türkei mit den vielen Extremisten dort verfahren wird, um einen Angriff Assads und eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, ist bislang ein ungelöstes Rätsel.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 04. September 2018 um 22:15 Uhr.

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