Christen bei Idlib | Bildquelle: SWR

Syrien-Konflikt Die Angst vor der Offensive auf Idlib

Stand: 16.10.2018 14:44 Uhr

Kommt es zur Schlacht um die syrische Provinz Idlib, könnten darunter auch Christen in der Nachbarprovinz leiden. Sie werden seit Jahren aus Idlib beschossen und fürchten nun neue Angriffe.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo, zzt. Mhardeh

Sie beten um Frieden und Vergebung. Trotz allem, was war. Etwa 150 orthodoxe Christen sind zum Gottesdienst zusammengekommen. Kein Platz ist frei geblieben. In der kleinen Kirche herrscht feierliche Stimmung mit reichlich Weihrauch und vielen Kerzen. 23.000 Christen leben in Mhardeh, einem beschaulichen Ort wenige Kilometer südlich der Provinz Idlib Idlib. Sie eint der Wille, überleben zu wollen. "Der Frieden muss eine Chance bekommen in Idlib", sagt Majed Naser nach dem Gottesdienst. "Wir sind doch freundschaftlich verbunden, in Liebe." Erstaunliche Worte nach traumatischen Erlebnissen.

Christen bei Idlib: Blick in die Kirche | Bildquelle: SWR
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Beten um Frieden: Eine Kirche wenige Kilometer südlich von Idlib

Die Angst vor einem möglichen Einmarsch

Die Nachbarprovinz ist die letzte verbliebene Rebellenhochburg Syriens. Islamistische Gruppierungen haben in der Provinz die Kontrolle. Noch. Syriens Präsident Baschar al-Assad will Idlib lieber heute als morgen zurückerobern. Nach bewährtem Muster. Bombardement, Blockade, Einmarsch. Die Vereinten Nationen befürchten ein Blutbad, ja die schlimmste Schlacht des syrischen Bürgerkriegs.

In Idlib leben drei Millionen Menschen, die meisten Zivilisten. In andere Landesteile können sie nicht mehr fliehen. Eine Vereinbarung zwischen der Türkei und Russland vor einem Monat hat ihnen Zeit verschafft. Um die Provinz soll eine Puffzerone geschaffen werden. Schwere Waffen sollen abgezogen werden. Extremistische Kämpfer müssen sich zurückziehen. "Die Vereinbarung ist in Ordnung. Hoffentlich wird alles gut", sagt Yousif al-Masaihi aus Mhardeh. Eine vage Hoffnung.

9000 Raketen seit 2011

9000 Raketen haben islamistische Kämpfer aus Idlib seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 auf die pittoreske Kleinstadt abgefeuert, wie sie hier sagen. 7000 sind in Wohngebäuden eingeschlagen. Knapp 100 Menschen starben. Sie beeilen sich stets, die Trümmer schnell zu beseitigen, Häuser zu renovieren, das hübsche Stadtbild zu erhalten. Wunden aber bleiben. "Wir haben sehr gelitten in den vergangenen Jahren“, sagt Moufid Pammoaa. Er betreibt mit seiner Frau ein Geschäft für Haushaltswaren. In der Nachbarschaft schlug vor einigen Jahren eine Rakete ein, zerstörte viele Gebäude. Die beiden hatten Glück, kamen unverletzt davon. "Die islamistischen Kämpfer haben schon so viele Raketen auf uns abgefeuert, so viele Menschen getötet, Anlagen, Häuser getroffen", sagt er.

Christen bei Idlib | Bildquelle: SWR
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160 Christen stehen nahe Idlib unter Waffen, um sich notfalls zu verteidigen.

Der Wunsch nach einer politischen Lösung

160 Familien haben Mhardeh in den vergangenen Jahren verlassen, um in Sicherheit leben zu können. Die meisten aber wollen bleiben, ihre Heimat nicht aufgeben, sich nicht kleinkriegen lassen. Auch Moufid wünscht sich eine politische Lösung für Idlib: "Das wäre das Beste. Friede wäre das Beste für uns."

Und doch sind sie bereit, sich notfalls zu verteidigen. 160 Christen stehen unter Waffen, haben in der Nähe zur Front drei Stellungen ausgebaut, auch mit schwerem Geschütz. Sie sind zwischen 24 und 62 Jahren. Studenten, Geschäftsleute, Rentner, die Assads Oberbefehl unterstehen. Auch wenn seit der Vereinbarung zwischen Russland und der Türkei eine Feuerpause gilt, bleiben sie wachsam.

Zweifel am Rückzug schwerer Waffen

Ihr Anführer, Simon al-Wakeel, bezweifelt, ob sich die islamistischen Rebellen tatsächlich mitsamt ihren schweren Waffen von der Front zurückziehen. "Sie sind noch immer da“, meint er. "Ganz im Gegenteil bauen sie noch mehr Bunker und Befestigungsanlagen. Wir sehen Planierraupen, Bagger, Bunker." Er zeigt uns Videos unterirdischer Tunnelsysteme. Sie sollen vor zwei Wochen von Informanten in den gegnerischen Reihen gedreht worden sein und belegen, dass sie ihre Waffen dort verstecken würden. Überprüfen lässt sich das nicht. Dass die Türkei und Russland schon einen Teilabzug von schwerem Geschütz und Kämpfern aus der Pufferzone verkündet haben, hält er für unglaubwürdig: "Die Fakten am Boden sind genauer als Presseverlautbarungen."

Christen bei Idlib | Bildquelle: SWR
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Christliche Miliz: Stellungen mit schwerem Geschütz ausgebaut

Hält ein Waffenstillstand?

Tatsächlich hat eine der wichtigsten bewaffneten Gruppierungen in Idlib, Hajat Tharir al-Sham, am Montag erklärt, den Kampf fortsetzen, ihre Waffen behalten zu wollen. Vereinzelt sollen auch wieder Mörsergranaten aus Idlib abgefeuert worden sein. Das nähert Zweifel, ob der Waffenstillstand hält, eine politische Lösung auf Dauer eine Chance hat.

Für Majed Naser aus Mhardeh steht jedenfalls fest: "Die islamistischen Kämpfer müssen sich zurückziehen. Sonst werden sie getötet. Das wollen wir nicht. Gott möge ihnen vergeben." Ein frommer Wunsch. Nach den vergangenen Tagen ist eine militärische Lösung wieder wahrscheinlicher geworden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Oktober 2018 um 07:45 Uhr.

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