Flüchtlingscamp bei Atimah in der syrischen Provinz Idlib | Bildquelle: REUTERS

Drohende Großoffensive auf Idlib Sorge vor "humanitärem Albtraum"

Stand: 12.09.2018 08:12 Uhr

Im Kampf um die syrische Rebellenhochburg Idlib warnt UN-Generalsekretär Guterres vor einem "Blutbad". Die Türkei wirbt für eine Waffenruhe. Außenminister Maas hofft auf eine diplomatische Lösung.

Im UN-Sicherheitsrat wächst die Sorge vor einer weiteren Eskalation im syrischen Idlib. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, warnte vor einer Großoffensive in der Provinz. "Es muss verhindert werden, dass die Region in ein Blutbad verwandelt wird", sagte er in New York. Ein groß angelegter Angriff auf die Rebellenhochburg würde einen "humanitären Albtraum" zur Folge haben.

Guterres erinnert an internationales Recht

Der UN-Generalsekretär forderte die Türkei, Russland und den Iran auf, Terroristen in der Rebellenhochburg zu isolieren und gleichzeitig die Zivilisten zu schützen. "Der Kampf gegen Terrorismus entbindet die Kriegsparteien nicht von ihren grundlegenden Verpflichtungen nach internationalem Recht", erklärte Guterres.

Idlib ist der letzte große Rückzugsort für Rebellen in Syrien, unter ihnen zahlreiche islamistische Kämpfer. Machthaber Baschar al-Assad will mit Unterstützung seiner russischen und iranischen Verbündeten die ländlich geprägte Provinz an der Grenze zur Türkei zurückerobern. In den vergangenen Tagen hatte die Luftwaffe zusammen mit Kampfjets der verbündeten Russen Angriffe auf Idlib geflogen. Nach Angaben der Vereinten Nationen könnte eine Großoffensive rund 800.000 Menschen in die Flucht treiben.

Antonio Guterres | Bildquelle: AFP
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UN-Generalsekretär António Guterres befürchtet ein "Blutbad", sollte es zur Großoffensive in Idlib kommen.

Forderungen nach Waffenruhe

Die Türkei will eine Großoffensive auf Idlib verhindern - nicht zuletzt wegen der erwarteten Flüchtlinge. Sie forderte die internationale Gemeinschaft auf, sie bei der Forderung nach einer Waffenruhe in Idlib zu unterstützen. "Assad versucht, eine geplante Militäroffensive vor Ort mit dem Kampf gegen Terrorismus zu legitimieren", beklagte der türkische UN-Botschafter Feridun Sinirlioglu im UN-Sicherheitsrat. Dabei schaffe nur eine Feuerpause ein Umfeld, in dem Terroristen wirksam bekämpft werden könnten.

Der türkische UN-Botschafter forderte Sicherheitsgarantien für Zivilisten und moderate Oppositionsgruppen. Eine syrische Offensive dagegen würde bloß weiteres Leiden schaffen und mehr Syrer entfremden und radikalisieren. "Eine flächendeckende Militäroperation würde in einer großen humanitären Katastrophe enden, eine massive Welle von Flüchtlingen auslösen und enorme Sicherheitsrisiken bereithalten."

Zerstörungen in der Stadt Al Habit, Provinz Idlib, Syrien | Bildquelle: AFP
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Zerstörungen in der Stadt Al Habit, Idlib. In der Provinz leben mehr als drei Millionen Menschen.

"Konsequenzen werden schrecklich sein"

Die amerikanische UN-Botschafterin Nikki Haley warnte ebenfalls vor einem Angriff auf Idlib. "Die USA betrachten eine mögliche Attacke als rücksichtslos, und die Konsequenzen werden schrecklich sein." Sie warf Assad und seinen Verbündeten vor, Idlib zerstören und das dann Frieden nennen zu wollen, in dem der Westen Wiederaufbauhilfe leisten könne.

Dabei habe Russland die Macht und den Einfluss, "die in Idlib drohende Katastrophe zu stoppen", sagte Haley. Die US-Regierung habe bisher aber weder Zeichen von Russland, Iran noch Assad gesehen, dass sie an einer politischen Lösung interessiert seien.

Der russische UN-Botschafter Wassili Nebensja sagte dagegen, es dürfe Terroristen nicht erlaubt werden, Hunderttausende Menschen als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen. "Zehntausende der Rebellen sind mit Al-Kaida, der Terrormiliz "Islamischer Staat" und anderen extremistischen Gruppen verbunden."

Ärzte und Einwohner in tiefer Sorge

Auch der Leiter der örtlichen Gesundheitsdienste in Idlib war nach New York gereist, um die Vereinten Nationen zum Handeln aufzurufen. Er befürchtet eine Katastrophe, sollte es zu der großangelegten Offensive kommen. "Unter den Einwohnern und Ärzten ist die Angst riesig, weil gezielte Attacken auf Gesundheitseinrichtungen drohen", sagte der Arzt Munser al-Chalil der Nachrichtenagentur AFP. "Ich fürchte, wir stehen davor, die schlimmste Katastrophe unseres Krieges zu erleben."

Beteiligung der Bundeswehr?

In Deutschland wird weiter darüber diskutiert, ob die Bundeswehr an einem militärischen Vergeltungsschlag beteiligt werden sollte - falls es zu einem Giftgasangriff in Syrien kommt. Eine formelle Anfrage der USA gebe es dazu noch nicht, sagte Außenminister Heiko Maas der Nachrichtenagentur dpa. Er bezeichnete diplomatische Lösungen als absolute Priorität. "Es gilt alles zu tun, um zu verhindern, dass es zu einem Militärschlag mit chemischen Waffen kommt."

Nach einem mutmaßlichen Giftgaseinsatz im vergangenen Frühjahr hatten die USA, Großbritannien und Frankreich Stellungen syrischer Regierungstruppen bombardiert. Deutschland war an der Militäraktion nicht beteiligt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. September 2018 um 20:00 Uhr.

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