Mehrere Besatzungsmitglieder der "MS Roald Amundsen"  haben sich mit dem Coronavirus infiziert | Bildquelle: RUNE STOLTZ BERTINUSSEN/EPA-EFE/

Infektionen auf Hurtigruten-Schiff Rückkehr der Sorgen

Stand: 02.08.2020 01:47 Uhr

Nach dem Corona-Ausbruch auf einem Hurtigruten-Schiff wächst in Norwegen die Unruhe. War das nur der Anfang? Der Gesundheitsminister warnt vor einem neuen Phänomen: der "Testscham"

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm

Der Vorfall selbst ist ernst genug, aber Norwegens Gesundheitsverantwortliche fürchten offenbar, dass die Corona-Infektionen an Bord des Hurtigruten-Schiffs "Roald Amundsen" nur der Anfang sein könnten. Es war nach zwei aufeinander folgenden Fahrten von Spitzbergen kommend in den nordnorwegischen Hafen Tromsø eingelaufen. Aber erst, nachdem etwa 180 Passagiere von Bord gegangen waren, wurden vier Besatzungsmitglieder positiv auf Corona getestet. 

Rune Tomas Ege, Sprecher der Reederei, wies die Vorwürfe zurück, Hurtigruten habe fahrlässig gehandelt. "Es hat an Bord keinen Corona-Verdachtsfall gegeben", sagte er. "Nicht einmal die kleinsten Anzeichen für irgendwelche Symptome. Deshalb durften alle Passagiere an Land."

Suche nach Hunderten Passagieren

Inzwischen sind weitere 32 Mitglieder der Crew positiv getestet worden. Die "Roald Amundsen" liegt in Tromsø fest, die nächste Reise wurde abgesagt, während die Gesundheitsbehörden versuchen, mit allen Passagieren Kontakt aufzunehmen.

Aber nur 60 von ihnen sind noch in der Stadt und für zehn Tage unter Quarantäne gestellt. Nach mehr als 300 Passagieren wird gesucht. Sie dürften inzwischen aber über die Medien von ihrem Infektionsrisiko erfahren haben und sind von den Behörden aufgerufen, sich in häusliche Quarantäne zu begeben.

Gesundheitsminister warnt vor "Testscham"

Der Fall macht in Norwegen auch deshalb Schlagzeilen, weil er am Ende der Sommerferien passiert ist und Gesundheitsminister Bent Høie ein Neuaufflammen der Pandemie nicht länger ausschließt. Er warnt vor einem neuen Phänomen und nennt das Zögern, sich testen zu lassen, "Testscham". Denn wer jetzt positiv getestet wird, steht schnell im Verdacht, aus Leichtsinn oder sogar rücksichtslos andere zu gefährden. "Ich fürchte, dass die 'Testscham' den Umgang mit der Pandemie schwerer macht", sagt er. "Das dürfen wir uns nicht antun."

"Die Freiheit, die wir in diesem Sommer hatten, war teuer erkauft"

Auch Bjørn Guldvog, Direktor des norwegischen Gesundheitsamtes, fürchtet, dass sich die Lage im Land in den kommenden Tagen und Wochen wieder verschlimmert. Und das offenbar aus gutem Grund: Denn viele anfängliche Einschränkungen sind gelockert worden, die Leute waren in sommerlicher Urlaubslaune.

"Die Zahl der Menschen, die in Quarantäne sind, ist deutlich gestiegen, die Zahl der Infizierten in den vergangenen Wochen ebenso", sagt Guldvog. "Das macht mir Sorgen. Die Freiheit, die wir in diesem Sommer hatten, war teuer erkauft." Sie könnte auch dank der mutmaßlichen "Testscham" vieler Norwegen schnell wieder beschnitten werden.

Corona auf Hurtigruten-Schiff: Spitze eines Eisberges?
Carsten Schmiester, ARD Stockholm
02.08.2020 06:32 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. August 2020 um 08:43 Uhr.

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