Hundebesitzer Petros sitzt mit seinem Mischling auf einer Bank im Athener Stadtteil Neos Kosmos.

Griechenland Begleiter durch die Krise

Stand: 08.09.2018 04:44 Uhr

Der jahrelange Sparzwang hat die Griechen Geld und Kraft gekostet. Doch während Konsumgeschäfte in Athen schließen mussten, boomen Tierhandlungen: Viele schafften sich einen Hund an.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen

Es sind etwa zehn Hunde, die sich im Athener Stadtteil Neos Kosmos mit ihren Besitzern in einem Park treffen. In der Abenddämmerung biegt Frixos mit seinem Frauchen Elli Zaharogianni um die Ecke.

Frixos, sagt seine Besitzerin, sei ihr ganz persönlicher Partner auf dem Weg durch die Krise: "Natürlich ist das ein Weg, den viele Leute gewählt haben. Sie teilen ihre Gefühle, ihre Trauer, ihre Wut während der Krise mit einem Tier." Nach Hause zu kommen und von dem Tier sofort eine positive Reaktion zu bekommen, sei ihr eine Stütze: "Das gibt dir schon Kraft… das ist angenehm", sagt sie.

Elli hat keinen sicheren Job mehr und auch Petro, der vor 20 Jahren aus Albanien in den Stadtteil südlich der Athener City gezogen ist, muss jeden Tag extrem rechnen, damit das Geld reicht.

Trotzdem verzichtet er manchmal lieber auf gutes Essen, um seinen Hund Sulai gut versorgen zu können. "Ja, auf jeden Fall gibt es jetzt viel mehr Tierhandlungen als noch vor ein paar Jahren. Das ist echt auffällig", stellt er fest. "Und diese Pet Shops sind da, damit alle Leute, die neu ein Tier gekauft haben, ihre neuen Freunde jetzt auch mit Futter und anderen Sachen versorgen können."

Tierhandlung und Wettbüros: Ausgleich in der Krise

Klamottenläden, Buchhandlungen und Geschenkeshops mussten zu Hunderten in Athen während der Krise schließen. Aber das Wort Pet Shop ist jetzt an fast jeder Straßenecke zu sehen.

Tierhandlungen und Wettbüros: Im Stadtteil Neos Kosmos ist zu sehen, womit sich Menschen in Krisenzeiten Ausgleich verschaffen. Maria und ihr stämmiger Mischlingshund Max kommen wie zum Beweis sehr selbstbewusst in den Park.

"Die Ernährung von Max kostet schon einiges für uns. Aber ich gleiche das aus – es geht nicht anders", sagt Maria. "Ich kann uns als Familie das eine oder andere eben nicht kaufen. So kommt das Geld zusammen, das ich für Max verwende."

Erst gekauft, dann ausgesetzt

Es ist nicht klar, wie sehr die Zahl der Hunde in Athen tatsächlich in den vergangenen Jahren gestiegen ist, denn es gibt keine Hundesteuer und damit auch keine offizielle Erfassung.

Aber weil mehr Hunde gehalten werden, mussten Gesetze und Vorschriften verschärft werden. Balkonhaltung bei längerer Abwesenheit des Hundebesitzers kann jetzt in Griechenland bestraft werden, ebenso Kettenhaltung.

Leider, sagt Eleni, eine Athener Tierschützerin, werden Hunde und andere Tiere auch zu Krisenopfern: "Ich habe festgestellt, dass für Griechen im Moment das Haustier das Erste ist, was sie nicht mehr wollen und einfach aussetzen."

Viele Griechen hätten ihrer Meinung nach nie einen wirklich guten Umgang mit Haustieren gelernt, wie er in anderen Ländern üblich sei: "Und deshalb sehen wir hier in Neos Kosmos wie auch Tierschützer in anderen Stadtteilen im Moment, dass selbst Rassehunde wie Rottweiler, Golden Retriever und Schäferhunde ausgesetzt werden. Diesen Sommer etwa dreimal so viele wie in den vergangenen Jahren."

Nicht alle Hunde in Griechenland können so entspannt leben: Viele werden so schnell wieder ausgesetzt, wie sie angeschafft wurden.
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Nicht alle Hunde in Griechenland können so entspannt leben: Viele werden so schnell wieder ausgesetzt, wie sie angeschafft wurden.

"Trost und Kraft durch meinen Hund"

Tierquälerei und Tiere als Statussymbole, die auch schnell wieder aus dem Haus fliegen - sowas gebe es doch auch in Deutschland, meint Elli, und ihr kleiner Hund Frixos tänzelt um sie herum.

Er ist der beste Beweis, dass ein Hund zwar keinen guten Job ersetzen kann, emotional aber für viele Griechen viel mehr ist als nur ein kleines Trostpflaster:  

"Bevor die Krise in Griechenland ausgebrochen ist, hatte ich auch einen Hund. Ich musste viel arbeiten, durfte den Hund zwar mitnehmen - aber da musste Füttern und Gassigehen und das alles ganz schnell gehen", erinnert sie sich. "Ich war im Stress. Jetzt habe ich eine ganz andere Beziehung zu meinem Hund. Ich nehme Flixos in den Arm und finde da Trost und Kraft durch meinen Hund."

Griechenland: Tiere als allerbeste Freunde in Krisenzeiten?
Michael Lehmann, ARD Istanbul
06.09.2018 09:35 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 08. September 2018 um 16:21 Uhr.

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