Die weltweit größte Meeresbrücke zwischen Hongkong und dem Festland Chinas | Bildquelle: REUTERS

Verbindung Hongkong-China Brückenschlag oder Tabubruch?

Stand: 27.10.2018 13:42 Uhr

Ein Schnellzug und eine Meeresbrücke schließen Hongkong inzwischen an das chinesische Festland an. Die aus Pekinger Sicht längst überfällige Verbindung ist in Hongkong vielen nicht geheuer.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Wenige Wochen nach Eröffnung der neuen Schnellzug-Strecke nach Festlandchina herrscht in der Wartehalle des neuen Hongkonger Fernbahnhofs im Stadtteil Kowloon bereits Business as usual. Mehrmals pro Stunde fahren Hochgeschwindigkeitszüge, vergleichbar mit deutschen ICEs, von hier aus nach Shenzhen, Guangzhou und zum Teil sogar weiter bis Shanghai und Peking.

Bisher war das Reisen von und nach Hongkong deutlich komplizierter. Ein Rentner ist aus der rund 1000 Kilometer nördlich gelegenen chinesischen Provinz Anhui mit dem Zug nach Hongkong gekommen, um seinen Sohn zu besuchen. Das dauere zwar immer noch länger als mit dem Flugzeug, sei aber etwas billiger und vor allem deutlich bequemer, erzählt er.

Eine Zugbegleiterin steht neben dem Eingang eines Express-Rail-Link-Schnellzuges am Bahnhof West Kowloon. | Bildquelle: dpa
galerie

Eine Zugbegleiterin steht neben dem Eingang eines Express-Rail-Link-Schnellzuges Bahnhof am West Kowloon Bahnhof. Die chinesischen Großstädte Hongkong und Guangzhou sind neuerdings durch einen Schnellzug verbunden.

"Ein Land, zwei Systeme"

In Festlandchina ist kaum jemand zu finden, der die neue Schnellzugverbindung nach Hongkong nicht gut findet. Sie rücke die frühere britische Kolonie enger ans Vaterland, schreiben die staatlich kontrollierten Medien.

Anders in Hongkong. Dort sehen viele genau das - die engere Anbindung an den Rest Chinas - mit gemischten Gefühlen. "Wir reden hier nicht über eine Schnellzugverbindung zwischen Berlin und Frankfurt", sagt Alvin Yeung, Vorsitzender der Civic Party, einer der beiden großen Oppositionsparteien in Hongkong. Er und andere Kritiker der kommunistischen Staatsführung in Peking stören sich vor allem an einem Detail.

Die Endstation der neuen Schnellzugverbindung befindet sich im Herzen von Hongkong, erklärt Yeung. Ein Stockwerk dieses Hongkonger Bahnhofs aber ist nun juristisch gesehen Teil Festlandchinas, denn dort arbeiten festlandchinesische Grenzpolizisten und Zöllner. Eigentlich ein absolutes Tabu im autonom regierten Hongong. Deswegen sei das eine klare Verletzung des Prinzips "Ein Land, zwei Systeme", sagt Yeung.

Nach diesem Prinzip wird die frühere britische Kolonie seit der Übergabe an China regiert, seit gut 21 Jahren also. Für den Oppositionspolitiker ist die Schnellzugverbindung ein Symbol dafür, dass die Staatsführung in Peking das Prinzip "Ein Land, zwei Systeme" immer weiter aufweicht.

Eine Brücke für 15 Milliarden Euro

Ein weiteres Symbol dafür ist nach Ansicht von Kritikern die neue Meeresbrücke, die Staats- und Parteichef Xi Jinping Anfang der Woche eröffnet hat. Das rund 55 Kilometer lange Riesenbauwerk verbindet Hongkong mit dem ebenalls autonom regierten Macau und der Stadt Zhuhai in Festlandchina.

Wang Zhimin, oberster Repräsentant der chinesischen Zentralregierung in Hongkong zeigt sich begeistert:

"Die Brücke verbindet die Schlagadern der gesamten Perfluss-Delta-Region. Sie ist ein Motor für die wirtschaftliche Entwicklung in Hongkong und dem Rest des Deltas."

Die weltweit größte Meeresbrücke zwischen Hongkong und dem Festland Chinas | Bildquelle: AP
galerie

Die weltweit größte Meeresbrücke zwischen Hongkong und dem Festland Chinas.

Auch die Peking-freundlichen Stadtregierungen von Macau und Hongkong versprechen sich von der neuen Straßenbrücke vor allem Vorteile. Zum Beispiel für die Wirtschaft. Gekostet hat die Brücke mindestens 15 Milliarden Euro. Zu teuer, sagt Alvin Yeung: "Wir haben nichts dagegen, dass das Reisen zwischen Hongkong und dem Rest Chinas bequemer wird. Denn dass bringt die Menschen enger zusammen. Aber bei solch enorm hohen Kosten fragen wir uns schon: Brauchen wir solche Projekte wirklich?"

Projekt für die Wirtschaftselite

Eine Sorge vieler nationalistisch gesinnter Hongkonger dürfte hingegen unbegründet sein. Nämlich die, dass wegen der Brücke künftig noch mehr chinesische Touristen in die eng bebauten und chronisch verstopften Straßen Hongkongs kommen. Denn zwischen Festlandchina, Hongkong und Macau gibt es nach wie vor aufwendige Pass- und Zollkontrollen. Autos und LKW brauchen teure Spezialkennzeichen oder Sondergenehmigungen, um zwischen den Gebieten frei hin- und herfahren zu können.

Insofern ist die neue Brücke alles andere als ein Projekt für die breite Bevölkerung, sondern in erster Linie für die Wirtschaftselite.

"Die Zentralregierung in Peking hat die politische Ansage gemacht, dass Hongkong enger mit Festlandchina verknüpft wird," kritisiert der pro-demokratische Hongkonger Parlamentsabgeordnete und Umweltaktivist Eddie Chu. "Auch, wenn die Menschen in Hongkong sagen: Ja, wir gehören zu China - wir glauben nicht, dass es richtig ist, so viel Geld dafür auszugeben und dann noch die Natur damit zu zerstören."

Chinas Präsident Xi Jinping eröffnet die weltweit größte Meeresbrücke zwischen Hongkong und dem Festland Chinas | Bildquelle: REUTERS
galerie

Chinas Präsident Xi Jinping eröffnet die weltweit größte Meeresbrücke, die Hongkong mit dem Festland Chinas verbindet. Seine Eröffnungsrede dauerte nur wenige Sekunden.

Kosten, Umweltschutz und andere Probleme: In Festlandchina wird über solche Themen bei Bauprojekten fast nie öffentlich diskutiert. Anders in Hongkong: Dort herrscht im Gegensatz zum Rest der Volksrepublik Pressefreiheit und es gibt eine lebhafte Zivilgesellschaft. Entsprechend heiß wird die Debatte über die umstrittenen Riesenbauprojekte geführt.

Staatschef Xi Jinping ging auf die vielen Kritiker bei der Brücken-Einweihung am Dienstag nicht ein. Seine Mini-Eröffnungsrede dauerte weniger als sieben Sekunden.

Hongkongs Angst vor Chinas Riesenprojekten
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
27.10.2018 13:04 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Oktober 2018 um 13:52 Uhr.

Darstellung: