Ein Mann entfernt an der Hauswand des Büros für Familienplanung in Hongkong ein Graffiti, das lautet: "Niemand wird in dieser Stadt mehr Kinder haben!"  | Bildquelle: FAZRY ISMAIL/EPA-EFE/REX

Wirtschaftsmetropole Hongkong Abstiegskandidat oder Stehaufmännchen?

Stand: 02.10.2019 07:46 Uhr

Die Proteste in Hongkong bekommt auch die Wirtschaft zu spüren. Während manche Beobachter das Ende der Metropole voraussagen, verweisen andere auf Hongkongs konkurrenzlose Stellung.

Von Alfred Schmit, ARD-Studio Schanghai

Die Zahlen zum dritten Quartal zeigen es deutlich: Die Werte sind eingebrochen am Hongkonger Aktienmarkt, einem der wichtigsten Handelsplätze weltweit. Der Abwärtstrend hat sich verstärkt und zeigt keine Anzeichen auf Besserung, so schreibt es der Finanzmanager Hong Hao in der "South China Morning Post".

Stärker noch als der Handelsstreit zwischen China und den USA belasten die wochenlangen Proteste in Hongkong den Aktienindex Hang Seng. Minus achteinhalb Prozent verzeichnete er für die Zeit von Juni bis September. Das macht ihn zum Schlusslicht der Weltbörsen in diesem Quartal.

Wendepunkt am 21. Juni

Der Finanz-Analyst Francis Lun sieht neben den Negativ-Effekten an der Börse auch, dass Hongkongs Wirtschaft unmittelbar und sehr lokal unter den Protesten leidet. Während der ersten Wochen der Proteste seien die Auswirkungen zwar nur gering gewesen. "Der Wendepunkt kam am 21. Juli. Da wurden Demonstranten von einer Bande von Kriminellen zusammengeschlagen, und die Polizei hat sie nicht beschützt", erinnert sich Lun. "Die Polizei stand praktisch auf der Seite der Mafia gegen die Demonstranten. Von da an wurden die Proteste viel heftiger und es gab mehr Gewalt. Und die Touristen blieben weg."

Neben Handel und Logistik ist der Tourismus ein wichtiger Teil von Hongkongs Wirtschaft. Hotels, Gastronomie und Einzelhandel bekommen den Rückgang zu spüren. Viele Sport-Turniere, Konzerte oder Tagungen wurden bereits verschoben oder abgesagt. Fluggesellschaften haben mehr leere Plätze auf Hongkong-Flügen.

Ein bei den Protesten in Hongkong zerstörtes Schaufenster einer staatlichen chinesischen Reiseagentur. | Bildquelle: REUTERS
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Ein bei den Protesten in Hongkong zerstörtes Schaufenster einer staatlichen chinesischen Reiseagentur.

Deutsche Firmen noch entspannt

Deutsche Firmen haben bislang berichtet, dass sie kaum oder gar nicht betroffen seien vom Negativtrend, den die Proteste bewirkt haben. Aber insgesamt ist die Entwicklung schlecht für das Image des Wirtschaftsstandorts Hongkong, beobachtet Lun: "Nach und nach werden die Leute sich von Hongkong abwenden. Der Status der Stadt als Finanz- und Wirtschaftsstandort wird verloren gehen. Wir sehen hier gerade den Anfang vom Ende der Stadt Hongkong wie wir sie kennen."

Die gegenteilige Meinung vertritt der Immobilien-Tycoon Allan Zeman. Er sieht zwar die Negativeffekte, weil er an viele Bars und Restaurants vermietet. Aber er ist überzeugt, dass die Stadt ihren Rang als Wirtschaftsmetropole auch langfristig halten kann.

"Die Proteste betreffen schon alle, die in Hongkong Geschäfte machen", räumt er ein. "Die Neuzugänge an der Börse allerdings scheinen mir unverändert stark zu sein. Die Stadt wird diese Krise überwinden. Die Leute werden merken, dass es hier sicher ist." Hongkong werde immer Hongkong bleiben, allein schon deshalb weil China die Stadt nicht fallen lassen werde. "Die siebeneinhalb Millionen Hongkonger sind ja Teil der anderthalb Milliarden Chinesen - das ist einfach eine Stärke an sich. Und für alle, die die Stadt verlassen, kommen dann eben Neue."

Zwei Haupt-Faktoren sorgen dafür, dass Hongkong attraktiver bleibt, als irgendeine Stadt in China: Es gibt hier eine konvertierbare Währung. Und ein System der Rechtssicherheit. Das hat China in dieser Form sonst nicht zu bieten. Beides ist für Firmen sogar wichtiger - als Demokratie und freie Wahlen.

Hongkongs Wirtschaft: Welchen Effekt haben die Dauerproteste?
Alfred Schmit, ARD Berlin, zzt. Hongkong
02.10.2019 07:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 02. Oktober 2019 um 12:40 Uhr.

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