Vor einer Barrikade in Hongkong, die von Demonstranten errichtet wurde, sind Ziegelsteine verstreut. | Bildquelle: AP

Eskalation in Hongkong Weiteres Todesopfer bei Protesten

Stand: 15.11.2019 09:12 Uhr

Die Proteste in Hongkong werden immer gewalttätiger: Ein weiterer Demonstrant kam ums Leben. Zugleich wurde die Justizministerin in London angegriffen und verletzt. Es war die erste direkte Attacke gegen ein Regierungsmitglied.

Bei der Eskalation der Anti-Regierungsproteste in Hongkong hat es ein weiteres Todesopfer gegeben. Wie die Behörden mitteilten, erlag ein 70-jähriger Mann seiner schweren Verletzung. Er war tags zuvor in einer Auseinandersetzung zwischen Anti-Regierungsdemonstranten und Anwohnern von einem Pflasterstein am Kopf getroffen worden. 

Die Gewalt in Hongkong hat in den vergangenen Tagen deutlich zugenommen. Vergangene Woche bestätigten die Behörden den Tod eines Studenten, der am Rande von Ausschreitungen von einem Parkhaus gestürzt war.

Ultimatum an die Regierung

Am Montag hatte ein Polizist einem jungen Demonstranten in den Bauch geschossen. Außerdem zündete ein radikaler Demonstrant einen Sympathisanten der Regierung an. Sein Zustand ist kritisch. Gleiches gilt für einen 15-Jährigen, der laut Berichten von einem Tränengas-Kanister am Kopf getroffen worden war.

Die Demonstranten stellten der Regierung nun ein Ultimatum. Sie solle sich dazu verpflichten, an den für den 24. November geplanten Bezirksratswahlen festzuhalten, forderte ein vermummter Aktivist vor versammelter Presse an der chinesischen Universität. Dort haben sich Protestierende verschanzt. Als Geste des guten Willens räumten die Aktivisten eine Spur der sogenannten Tolo-Autobahn, die sie blockiert halten. Komme die Hongkonger Regierung ihrer Forderung binnen 24 Stunden aber nicht nach, werde die Fahrbahn erneut gesperrt, hieß es.

Die Bezirksratswahlen gelten als öffentlicher Stimmungstest in der halbautonomen Sonderverwaltungszone. Aktivisten befürchten, dass die Regierung die eskalierende Gewalt als Vorwand für eine Absage des Urnengangs nutzen könnte.

Ein Demonstrant schlägt die Scheiben von einem Zug ein, der im Inneren der MTR-Station der chinesischen Universität geparkt ist. | Bildquelle: dpa
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In den vergangenen Tagen hat die Gewalt in Hongkong deutlich zugenommen.

Angriff auf Justizministerin in London

Parallel zu den Protesten in Hongkong wurde nach Regierungsangaben Justizministerin Teresa Cheng in London von Demonstranten angegriffen und verletzt. Es war die erste direkte Auseinandersetzung zwischen einem Hongkonger Regierungsmitglied und den Demonstranten - noch dazu im Ausland. Cheng war in der britischen Hauptstadt, um für Hongkong unter anderem als Geschäftsmetropole zu werben.

Der Hongkonger Regierung zufolge erlitt Cheng "schwere körperliche Schäden". Die chinesische Botschaft in London teilte mit, Cheng sei zu Boden gedrückt und an der Hand verletzt worden. China legte offiziell Beschwerde in Großbritannien ein und forderte, dass die mutmaßlichen Täter zur Rechenschaft gezogen werden.

Hongkongs Justizministerin Teresa Cheng stürzt in London zu Boden, nachdem sie von Demonstranten umgeben war. | Bildquelle: CHLOE LEUNG VIA REUTERS
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In London stürzte Hongkongs Justizministerin Teresa Cheng zu Boden, nachdem sie von Demonstranten umgeben war.

Barrikaden und Benzinbomben

Die seit mehr als fünf Monaten anhaltenden Proteste richten sich gegen die Regierung: Die Hongkonger kritisieren unter anderem den wachsenden Einfluss Chinas auf die ehemalige Kronkolonie. Seit der Rückgabe an China 1997 wird Hongkong nach dem dem Grundsatz "ein Land, zwei Systeme" autonom regiert.

Studenten und andere Demonstranten haben Campusse von Universitäten besetzt, Barrikaden errichtet und Benzinbomben sowie andere Waffen gehortet. Sie fordern freie Wahlen, eine unabhängige Untersuchung von Polizeibrutalität sowie Straffreiheit für die bereits weit mehr als 4000 Festgenommenen. Auch der Rücktritt von Regierungschefin Carrie Lam gehört zu ihren Forderungen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. November 2019 um 04:00 Uhr in den Nachrichten.

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