Soldaten in Honduras | AP

Wahl in Honduras Letzte Chance für einen Wandel?

Stand: 28.11.2021 00:33 Uhr

Bandengewalt und Perspektivlosigkeit treiben vor allem junge Menschen aus dem Land. Doch viele in Honduras hoffen auch auf einen Wandel - und eine Niederlage der Partei von Präsident Hernández bei der heutigen Wahl.

Von Markus Plate, ARD-Studio Mexiko

Es geht um viel bei den Wahlen im mittelamerikanischen Honduras an diesem Sonntag. Vom wirtschaftsliberalen Kurs unter Präsident Juan Orlando Hernández hat eine kleine Elite enorm profitiert, aber rund 70 Prozent der Menschen leben unter der Armutsschwelle. Vor Bandengewalt und Perspektivlosigkeit fliehen vor allem junge Menschen in Scharen aus dem Land.

Olivia Paz aus der Stadt Progreso im heißen, industrialisierten Nordosten des Landes, hat von hohen Preisen, Korruption und Kriminalität genug: "Die Situation ist sehr hart, die Preise der Grundlebensmittel sind in der letzten Zeit enorm gestiegen. Viele Leute können das einfach nicht mehr zahlen. Einer meiner Söhne will fortgehen, in die USA oder nach Spanien, weil er hier keine Arbeit findet. Und dann die Überfälle. Vor Kurzem haben sie hier meine Tochter überfallen, am Tor zu unserem Haus. Die Situation ist total verkorkst und ich befürchte, dass es noch schlimmer wird", sagt Paz.

Präsident Hernández ist autoritär und skandalumwittert. Seit sein Bruder im März dieses Jahres in den USA wegen Drogenschmuggels zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, ist klar geworden, wie weit Politik und alle Institutionen in das organisierten Verbrechen verstrickt sind.

"Die Staatsgewalten sind nicht mehr unabhängig"

Martha Dubón von der NGO Jueces por la democrácia (Richter*innen für die Demokratie) zeichnet ein düsteres Bild von Honduras: "Die Staatsgewalten sind nicht mehr unabhängig, alle Macht ist de facto beim Präsidenten konzentriert. Die einfache Bevölkerung hat fast keinen Zugang mehr zur Justiz, die Menschenrechtsverletzungen haben zugenommen", sagt sie. Durch das neue Strafrecht werde ziviler Widerstand schärfer verfolgt als die Korruption von Politikern und Staatsbeamten. "Die Menschen müssen wieder Vertrauen in ihre Institutionen haben können. Wir müssen diese Narcodiktatur, die Honduras regiert, besiegen."

Hernández darf nach zwei jeweils vier Jahre langen Amtszeiten in Folge nicht erneut kandidieren. Seine konservative Partei schickt den Bürgermeister der Hauptstadt Tegucigalpa, Nasry Asfura, ins Rennen. Doch die regierende Partei könnte eine Niederlage einfahren. Für Präsident Hernández dürfte es dann ungemütlich werden, auch er steht in den USA wegen möglicher Drogengeschäfte im Visier der Staatsanwaltschaft. Gegen seinen designierten Nachfolger, Asfura, wurde auch schon wegen Veruntreuung von Millionenbeträgen ermittelt. Als Alternative stellt sich, wie schon vor vier Jahren, Xiomara Castro zur Wahl, Ehefrau des 2009 weggeputschten Ex-Präsidenten Manuel Zelaya. Die Kandidatin für die Linkspartei "Libre" hat es kurz vor der Wahl geschafft, den zweiten aussichtsreichen Oppositionskandidaten mit ins Boot zu holen.

So könnte es zum Sieg reichen, auch wenn die Regierungspartei dagegen alle Register zieht. "Xiomara bedeute Kommunismus und Abtreibungen", dröhnt es in sozialen Medien und aus den Fernsehern. Längst nicht nur bei Juana Rodríguez verfängt diese Kampagne: "Für mich ist Xiomara eine Bedrohung. Wer möchte denn, dass der Kommunismus nach Honduras kommt? Die Bibel warnt doch in der Apokalypse vor dem Antichristen - und das ist der Kommunismus."

61 politisch motivierte Morde

Beide Lager versammeln Tausende zu ihren Kundgebungen, aber: Die Stimmung ist aufgeheizt.  61 politisch motivierte Morde hat es in den letzten 12 Monaten gegeben, in Dörfern und Stadtvierteln ist es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen. Nataly Ventura hofft auf den Machtwechsel. Die 23-Jährige engagiert sich in ihrem Gemeindezentrum in der Jugendarbeit. "Ich glaube, wir sind in einem für das Land entscheidendem Moment. Wir stecken in einer sozialen, ökologischen und politischen Krise. Wir werden von ausländischen Konzernen ausgebeutet, die Regierung kungelt mit ihnen und dem organisierten Verbrechen", sagt Ventura. Es sei ganz wichtig, dass die Menschen wählen gehen. "Vor allem wir Jungen spielen hier eine wichtige Rolle, wir haben viel Kraft und Kreativität, wir müssen uns und allen klar machen, was wir für Honduras wollen."

Die Opposition will im Falle des Wahlsiegs den Rechtsstaat wiederherstellen, zur Not mit internationalen Ermittlern gegen Korruption und organisiertes Verbrechen vorgehen, Sozialprogramme aktivieren. Möglicherweise wird sie eine verfassungsgebende Versammlung einberufen. Honduras stehen angespannte Tage ins Haus.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. November 2021 um 08:00 Uhr in den Nachrichten.