Bürgerkriegsopfer in Syrien Eingeschlossen und ausgehungert

Stand: 01.02.2014 11:32 Uhr

Die syrische Flüchtlingskatastrophe ist nach der Einschätzung der UN die schlimmste seit dem Völkermord in Ruanda vor 20 Jahren. Von "einer kolossalen Tragödie", sprach UN-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres auf der Münchener Sicherheitskonferenz: 2,4 Millionen Flüchtlinge hätten Syrien bereits verlassen, weitere 6,5 Millionen seien innerhalb des Landes auf der Flucht. 250.000 Syrer sind von jeglicher Hilfe abgeschnitten - so wie in Homs.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Die Frau spricht im Dunkeln, im Schein einer Taschenlampe. Von einer Stimme aus dem Off wird sie auf dem Amateurvideo gefragt, was ihr wichtiger ist: Lebensmittelhilfe oder ein Ende der Belagerung? "Dass die Belagerung aufhört", antwortet die Frau. Hilfsgüter würden nach einer bestimmten Zeit zuneige gehen. "Wir wollen unsere Familien wiedersehen, unsere Brüder und Schwestern. Wir haben keine Ahnung, was außerhalb des abgeriegelten Teils von Homs vor sich geht. Wir leben hier wie die Tiere - wir essen, trinken, schlafen. Wir wollen die Welt draußen sehen."

Kinder im belagerten und zerstörten Homs
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Tausende Menschen harren immer noch in den umkämpften Vierteln von Homs aus. Unter ihnen sind viele Kinder.

Homs, die drittgrößte Stadt Syriens, ist in der Hand der Regierung - bis auf wenige Viertel, in denen Aufständische das Sagen haben. Etwa 5000 Menschen leben dort noch. Seit anderthalb Jahren sind sie eingeschlossen. Das Leben in den weitgehend zerstörten Vierteln ist hart, zu essen gibt es nur das, was reingeschmuggelt wird. Zahlreiche Kranke und Verletzte müssen dringend versorgt werden.

Die Vereinten Nationen schätzen, dass im ganzen Land etwa 250.000 Menschen unter ähnlichen Bedingungen leben müssen. An einigen Orten sind es Aufständische, von denen sie belagert werden. Aber meistens geht die Belagerung von den Regierungstruppen aus, einige Armeeoffiziere nennen es die Kampagne "Aushungern bis zur Aufgabe".

Karte: Syrien mit Damaskus und Homs
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Homs ist mit 700.000 Einwohnern nach Damaskus und Aleppo die drittgrößte Stadt Syriens.

Der Hunger als Waffe im Krieg

Wohl noch schlimmer als in Homs ist die Lage in Yarmouk, einem palästinensischen Flüchtlingslager unweit des Zentrums von Damaskus. Etwa 25.000 Menschen sitzen dort fest. Videos, die vor kurzem öffentlich wurden, zeigten Kinder, die nur noch aus Haut und Knochen bestanden, und Menschen, die Grasbüschel ausrupften zum Essen. Bis jetzt sind in Yarmouk etwa 85 Menschen verhungert. Vergangene Woche konnten die UN 900 Kartons mit Grundnahrungsmitteln in den Ort bringen, gerade mal genug, um genauso viele Familien für zehn Tage zu ernähren.  

Ein weiterer Ort, dessen Bewohner ganz besonders leiden, ist Mouadamiya, ebenfalls ein Vorort der Hauptstadt. Dort sitzen etwa 7000 Menschen fest, belagert von der Regierungsarmee. Im Oktober verfassten einige Bewohner einen Offenen Brief, unter der Überschrift "Rettet uns vor dem Tod". Hunderte seien bereits gestorben. Zu essen, so berichtet ein Aktivist in Mouadamiya, gebe es häufig nur Laub, dass man zusammenrolle und dann mit Olivenöl beträufele - "dann tun wir so, als seien das gefüllte Weinblätter", sagt der Mann.

Homs ist Testfall für Gespräche

Bei den Verhandlungen in Genf war Homs zum Testfall geworden, ob diese Gespräche die Situation der Menschen in Syrien verbessern können. Die Vertreter der Opposition sind grundsätzlich bereit, Dörfer zu öffnen, die von ihren Kämpfern belagert werden, wenn die Regierung das auch macht.

Doch was im Herbst in Mouadamiya passierte, macht die Opposition skeptisch: Ende Oktober durften 1800 Zivilisten den Ort verlassen, im Rahmen einer Übereinkunft mit der Regierung. Doch am Ortsausgang ließ die Regierung sofort jeden Mann zwischen 14 und 45 Jahren festnehmen. Die meisten kamen kurz darauf wieder frei. Doch mindestens 230, so die Opposition, seien danach in Bussen weggefahren worden. Ihr Schicksal ist ungewiss.

Dieser Beitrag lief am 31. Januar 2014 um 23:22 Uhr im Deutschlandfunk.

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