Ein Mitglied der Samba-Schule "Ipanema Band", die vor allem schwule und lesbische Paaren zu ihren Mitgliedern zählt. (Archivbild) | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Homophobie in Brasilien Kostüm über dem Kostüm - als Tarnung

Stand: 28.02.2019 13:50 Uhr

Bunt, offen, tolerant - so präsentiert sich der Karneval in Rio gerne. Doch dieses Image bekommt Kratzer: Schwule und Lesben haben Angst, so offen zu feiern wie früher. Hauptgrund: der neue Präsident.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires

Seit Jahren gehört auch das zum lebendigen Karneval in Brasilien: schwul-lesbischer Straßenkarneval an der Praça Quinze im Stadtzentrum von Rio. Viel Glitzer auf sonnengebräunter Haut, Männer, die mit Männern tanzen und Frauen, die hier auch in der Öffentlichkeit eine Frau küssen können.

Für Tamires ist das ein Stück Freiheit. "Ich könnte nicht zum Karnevalsumzug für Heteros gehen", erzählt sie. "Mit meinem Kostüm würde man mich sofort begrapschen. Hier fühle ich mich frei, Schwule und Lesben respektieren einander."

"Sexuelle Übergriffe - das ist leider normal hier"

Denn so bunt und freizügig der Karneval in Brasilien auch ist - die Toleranz hat Grenzen. Homosexuelle müssen genau aufpassen, wo man sie erkennen darf. Brasilien erlaubt die gleichgeschlechtliche Ehe und präsentiert sich gerne offen und tolerant. Doch in der Bevölkerung gibt es noch viele Vorurteile und dementsprechend gibt es immer wieder Übergriffe. Gegen Schwule, gegen Lesben und vor allem gegen Transsexuelle. Immer wieder gibt es dabei auch Tote

"Heute zum Beispiel habe ich mir extra noch etwas über das Kostüm drübergezogen, um hierher zu kommen - als Tarnung sozusagen", erzählt Tamires. "Aber trotzdem kommt es immer wieder zu sexuellen Übergriffen - das ist leider normal hier."

Zwei Männer der brasilianischen Samba-Schule "Ipanema Band", die vor allem schwule und lesbische Paaren zu ihren Mitgliedern zählt, posieren während der Vorbereitung für den Karneval in Rio. (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance / dpa
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In Rio gibt es sogar eine Samba-Schule, die vor allem schwule und lesbische Paare zu ihren Mitgliedern zählt. Doch viele Schwule und Lesben trauen sich nicht mehr, so offen zu feiern, wie früher. (Archivbild von 2007)

Präsident hetzt gegen Schwule und Lesben

Und das Pendel schwingt gerade wieder zurück: Statt mehr Akzeptanz erleben Homosexuelle Gegenwind. Vor allem seit dem Wahlkampf des heutigen Präsidenten Jair Bolsonaro im vergangenen Jahr. Der hatte geradezu besessen gegen Schwule und Lesben gehetzt. Die wollten die traditionelle Familie zerstören und versuchten sogar, kleine Kinder umzupolen, sie homosexuell zu machen - solche Behauptungen waren eine der wichtigsten Säulen seines Wahlkampfs.

Noch hat Bolsonaro wenige Gesetze auf den Weg gebracht. Aber das Klima hat sich geändert, sagen hier viele. In der Konsequenz sind Homophobie und Vorurteile wieder salonfähig geworden.

"Es gibt sowohl verbale wie auch körperliche Übergriffe", erzählt Leandra. "Ich bin eine schwarze, lesbische Frau. Ich wurde schon mit Gewalt bedroht." Man schlage sie, wenn sie eine andere Frau küssen sollte, drohte man ihr etwa. "Das verletzt mich, ich weiß nicht, ob ich das Haus verlassen kann und man mich draußen gut behandelt. Und dass wir diese Regierung haben schmerzt noch mehr."

Jair Bolsonaro | Bildquelle: AFP
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Bolsonaro hat im Wahlkampf offen auf Homophobie gesetzt.

"Sehr stark auf Machos ausgerichtet"

Dabei könnte sich die rechtliche Stellung Homosexueller in Brasilien sogar verbessern. Der Oberste Gerichtshof muss bald über zwei Klagen entscheiden. Im Ergebnis könnte Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung verboten werden. Manche hoffen, dass das das Leben für Schwule und Lesben verbessert.

"Wenn das erst einmal Gesetz ist, wird es sicherer für uns. Denn dann beschützt uns endlich der Gesetzgeber", meint etwa Uriel. Aber nicht alle glauben, dass ein Diskriminierungsverbot etwas verbessert. "Da geht es ja nicht allein um Gesetze", meint Tamires. "Man muss auch die Polizei dazu bringen, uns zu respektieren. Denn in Brasilien nutzt es leider nichts, wenn man ein Gesetz gegen irgendwas erlässt."

Und Taise fügt hinzu: "Selbst wenn wir ein Gesetz hätten, was uns schützt, bleibt unsere Kultur eine Machokultur. Sehr stark auf Machos ausgerichtet."

Brasilien – Neue Angst vor Homophobie auch im Karneval
Ivo Marusczyk, ARD Buenos Aires
28.02.2019 11:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 28. Februar 2019 um 15:50 Uhr.

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