Blick auf das Matterhorn | null

Wegen des Klimawandels Die Alpen tauen auf

Stand: 29.10.2019 14:35 Uhr

Den Alpen stehen offenbar gravierende Veränderungen bevor - mit erheblichen Gefahren für die Menschen. Der Grund: Weil der Permafrostboden taut, geht den Alpen ihr Kitt verloren.

Das Idyll der Alpen bröckelt. Die Berge sind in Bewegung. Oberhalb von Kandersteg im Berner Oberland in der Schweiz etwa droht ein gewaltiger Felssturz. Denn die Felsmassen bewegen sich immer schneller talwärts. Der Grund dafür an genau diesem Ort ist noch unklar. Die Bevölkerung und Touristen werden durch ein Frühwarnsystem geschützt.

Andernorts ist die Ursache klarer: Durch die steigenden Temperaturen taut überall im Hochgebirge Permafrost auf. Das ist der Kitt, der die Berge im Innersten zusammenhält. Vermehrte Felsstürze und Steinschläge sind die Folge. "Menschen und Eigentum werden verstärkt Naturgefahren ausgesetzt", sagt Carolina Adler von der Mountain Research Initiative, "das heißt, dass wir nicht nur eine Zunahme von materiellen Schäden beobachten, sondern dass auch vermehrt Menschen ums Leben kommen.“

"Der Fels bewegt sich, weil der Permafrost zurückgeht", sagt Prof. Konrad Steffen von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft. "Und weil die Gletscher zurückgehen. Dadurch wird der Fels entlastet - es kommt zu großen Steinlawinen."

500 Gletscher verschwunden, 4000 bedroht

Den Gletschern kommt also eine zentrale Rolle auch bei der Stabilität der Berge zu. Doch den Gletschern geht es immer schlechter. In der Schweiz etwa haben die Gletscher in den vergangenen zwölf Monaten rund zwei Prozent ihres Volumens verloren. Das berichtete Innenminister Alain Berset zum Auftakt einer Konferenz über Hochgebirge und Klimawandel in Genf. In den vergangenen fünf Jahren liege der Verlust bei mehr als zehn Prozent. "Ein Phänomen, dass wir seit mehr als 100 Jahren nicht gesehen haben", sagte Berset. In der Schweiz sei die Durchschnittstemperatur in den vergangenen 150 Jahren um zwei Grad gestiegen, etwa doppelt so stark wie im weltweiten Durchschnitt, sagte Berset. 500 Schweizer Gletscher seien seit Beginn des 20. Jahrhunderts völlig verschwunden. Die rund 4.000 verbliebenen Gletscher könnten bis Ende dieses Jahrhunderts zu 90 Prozent schmelzen.

Dabei sei das Problem gar nicht der fehlende Niederschlag, sagt der Eisforscher Olaf Eisen vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung auf tagesschau24:

Ein Gletscher ist immer dann im Gleichgewicht, wenn der Schnee, der im Winter auf den Gletscher schneit, der Schmelze im Sommer entspricht. Was wir in den letzten Jahrzehnten in den europäischen Alpen beobachten, ist, dass die Niederschlagsmenge in Form von Schnee im Winter ungefähr gleich bleibt, aber gleichzeitig sich die Länge der Schmelze periodisch verlängert hat und auch die Sommer wärmer geworden sind. Das heißt, es wird im Sommer immer mehr Masse schmelzen als im Winter wieder als Eis und Schnee auf die Gletscher niedergehen. Und das führt dazu, dass der Gletscher dann im Sommer nicht den Schnee vom letzten Winter verliert, sondern im Ganzen in seiner Substanz angegriffen wird und so zurückgeht.

Zuletzt hatte ein Gletscher am Mont Blanc-Massiv für Schlagzeilen gesorgt. Wegen steigender Temperaturen drohten auf der italienischen Seite des Mont-Blanc-Massivs Teile eines Gletschers einzustürzen - die Gemeinde Courmayeur verhängte eine nächtliche Sperre für eine Zugangsstraße am Planpincieux-Gletscher. Besucher durften sich vorerst nicht mehr direkt unterhalb des Gletschers aufhalten. 

Nach den Angaben eines Sprechers des Bürgermeisters könnten bis zu 250.000 Tonnen Gletschermasse herunterbrechen. Medienberichte, nach denen Courmayeur selbst betroffen sein könnte, wies er aber als "apokalyptisch" zurück. An dem Gletscher soll nun ein Radar zur Überwachung angebracht werden. Dabei soll mit Fotos die Bewegung der Eismassen beobachtet werden.

Gebiete müssen gesperrt werden

In Genf diskutieren noch bis Donnerstag mehr als 150 Experten darüber, welche Schutzmaßnahmen getroffen werden müssen. Ein Beispiel seien Frühwarnsysteme, wie sie in der Schweiz bereits eingesetzt werden. "Wir haben bestimmte Radaranlagen, die messen den Fels", sagt Prof. Steffen von der Eidgenössischen Forschungsanstalt. Drohe Gefahr, helfe nur noch eines: "Wir müssen Gebiete absperren, schließlich geht es um die Sicherheit."

Gletscherschmelze und das Auftauen des Permafrost - sie werden das Bild der Alpen langfristig verändern.

Mit Informationen von Wolfgang Wanner, ARD-Studio Genf.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Oktober 2019 um 12:00 Uhr.