Ein Mann kühlt sich mit einem Wasserschlauch ab - das Bild wurde in extremer Untersicht aufgenommen. | AFP

Extremwetter in Südasien Wie Indien der heftigen Hitzewelle trotzt

Stand: 02.06.2022 17:10 Uhr

Indien und Pakistan leiden seit Monaten unter einer Hitzewelle - laut Experten eine Folge des Klimawandels. Schon Mitte Mai knackten die Temperaturen die 50-Grad-Marke. Wie gehen die Menschen mit der Hitze um?

Bettina Weiz, ARD-Studio Neu Delhi

Ram Singh schwört auf sie als Mittel gegen die Hitze: die Beel-Früchte an seinem Straßenstand in Indiens Hauptstadt Neu Delhi. Sie haben eine raue, graugrüne Schale - innen sind sie gelb-orange. Ram Singh gibt einige davon in seinen Mixer mit der Handkurbel. Beel kühle den Magen, beteuert er.

Kunde Devinder Negi kauft ihm ein Glas frischen Saft ab. Ein Glas Beel-Saft koste umgerechnet nur wenige Cent, er kühle und sei gesund, sagt er. Außerdem schätzt er den Schatten des Baums, unter dem der Saftstand aufgebaut ist. Aber, sagt er, er sei von Beruf Fahrer und müsse gleich wieder los und arbeiten.

Wer kann, bleibt drinnen

Mit Mitteln wie diesen versuchen viele Menschen in Nordindien und Pakistan, sich durch die Hitzewelle zu retten. Wer es sich leisten kann, bleibt zu Hause, dreht die Klimaanlage auf und nimmt kühle Bäder. Aber der Strom fällt immer wieder aus, gerade bei der hohen Nachfrage, und das Wasser ist knapp. Vielerorts kommt es schon längst nicht mehr aus der Leitung, sondern nur ab und zu in Tankwagen.

Auch an technischen Lösungen wird gearbeitet. Die Firma Modroof zum Beispiel verkauft Haus- und Hütten-Dächer, die Wärme abprallen lassen, erklärt der Chef Hasit Ganatore. "Wir haben ein Material aus Altpapier entwickelt, das besonders gut isoliert. Das wird mit einer wasserfesten Schicht beklebt und mit Metall verstärkt, denn die Leute wollen auf das Dach gehen, dort sitzen und essen, sogar mit mehreren Personen. Wir haben festgestellt, dass die Temperatur in den Hütten im Vergleich mit den üblichen Dächern zwischen sechs und zehn Grad Celsius niedriger ist."

Hitze-Aktionsplan veraltet

Die Firma hat ihren Sitz im Bundesstaat Gujarat. Dessen Regierung hat nach einer extremen Hitze vor zwölf Jahren als erste einen Hitze-Aktionsplan geschmiedet. Der empfiehlt Hausbesitzern unter anderem, ihre Dächer zu begrünen, sie zu fliesen oder mit weißer Farbe zu bestreichen, die die Sonne reflektiert. Traditionell sind viele Häuser in Indien sowieso weiß.

Das Land hat im Prinzip viel Übung mit Hitze. Bis vor wenigen Jahrzehnten waren selbst in großen Städten die meisten Gebäude niedriger als Bäume. Sie standen von vornherein in deren Schatten und blieben kühler. Doch Indiens Städte wachsen rasant - in die Fläche wie in die Höhe. Da ist immer weniger Platz für Bäume und immer weniger natürlicher Schatten. Dazu kommen die neuen Wetterlagen.

Ungewöhnlich frühe Hitzewelle

Sie hätten 47 Grad, sagt Sukhdeep Sidhu aus dem Punjab, der Kornkammer Indiens. Für Mitte Juni seien solche Temperaturen nicht ungewöhnlich. Aber dieses Jahr habe die große Hitze schon Monate früher begonnen und sie halte viel länger an als sonst. Das sei es, was die Probleme bereite, auch für die Landwirtschaft.

Seit 1901 hat es in Indien keinen so heißen März und in Pakistan keinen so heißen April gegeben. Klimaforscher etwa am Indian Institute of Technology in Mumbai oder dem meteorologischen Dienst Großbritanniens halten die frühe und lang anhaltende Hitzewelle nicht für eine Ausnahme. Sie betrachten sie als Vorboten des Klimawandels. Für die Zukunft rechnen sie deutlich häufiger mit solchen Extremwetterlagen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Mai 2022 um 16:45 Uhr.