Die libanesische Hisbollah Mehr als eine Miliz mit vielen Waffen

Stand: 21.05.2013 18:23 Uhr

Die USA haben die libanesische Hisbollah-Miliz schon länger auf der Liste der Terrororganisationen gesetzt. Nun erwägt auch die EU diesen Schritt. Doch die Hisbollah ist auch eine Art Staat im Staat - und das macht die Sache überaus kompliziert.

Von Björn Blaschke, ARD-Hörfunkstudio Kairo, zurzeit Beirut

Die Gasse in Süd-Beirut ist unscheinbar, das Schild an der Tür klein: Es ist gelb, in der Mitte prangen ein grünes Schnellfeuergewehr und ein ebenso grüner Schriftzug: "Hisbollah" steht da - zu Deutsch: "Partei Gottes".

Die Mitarbeiter des "Büros für Öffentlichkeitsarbeit" üben sich in Zurückhaltung - in jeder Hinsicht. Nicht nur, dass das PR-Büro der schiitisch-libanesischen Organisation unauffällig ist. Die Mitarbeiter stellen auch von vornherein klar, dass sie keine Termine zu den Mitgliedern der Hisbollah vermitteln können.

Scheich Nasrallah ist der einzige, der für die Hisbollah spricht

Rana - eine junge Frau mit Kopftuch und weiter, züchtiger Kleidung - erklärt, dass niemand aus der Organisation Interviews gebe; seit mehr als einem Jahr. In Hintergrundgesprächen wiederholen auch die Verbündeten der Hisbollah nur das, was deren Chef sagt. Scheich Hassan Nasrallah, der Generalsekretär der Hisbollah, ist der einzige, der für seine Organisation in der Öffentlichkeit spricht - mindestens einmal im Monat, meistens aus einem Versteck heraus und per Video-Schaltung über eine Großleinwand. Jedes mal werden seine Auftritte von jubelnden Menschen begrüßt.

TV-Ansprache von Hisbollah-Chef Nasrallah
galerie

Der einzige, der für die Hisbollah spricht, ist Scheich Nasrallah - hier in einer TV-Ansprache am 9. Mai.

So hatte sich Nasrallah auch vor den Kämpfen um Al Kussair, im Westen Syriens, gemeldet - und angekündigt, dass die Hisbollah dem Regime von Baschar al Assad zur Seite stehen werde. "Es gibt wahre Freunde Syriens in der ganzen Welt", so Nasrallah. Sie würden es nicht zulassen, dass Syrien in die Hände der Amerikaner, Israelis oder sunnitischer Extremisten falle. "Und wir sagen es deutlich: Wir lassen es nicht zu, dass die Libanesen in der Gegend von Al Kussair den Angriffen bewaffneter Gruppen ausgeliefert sind. Wer immer Hilfe braucht - wir werden nicht zögern, sie zu geben."

Hisbollah ist Parteigängerin im syrischen Bürgerkrieg

Mittlerweile wurden mehrere Hisbollah-Kämpfer, die in Al Kussair starben, in öffentlichen Zeremonien bestattet. Damit ist offiziell, was schon seit längerem in der Region bekannt war: Hisbollah ist Parteigängerin im syrischen Bürgerkrieg. Aus Sicht der Hisbollah ist das konsequent: Seit jeher leben libanesische Schiiten in Dörfern bei Al Kussair - nur wenige Kilometer von der Grenze zu Libanon entfernt - auf syrischem Territorium. Aus Nasrallahs Sicht sind diese Menschen in Gefahr und müssen vor sunnitischen Fanatikern geschützt werden.

Für Kritiker der Hisbollah sieht es anders aus: Wie ein Eingreifen zu Gunsten eines Diktators, eines Terrorregimes - und das in einer Zeit, da in der EU immer wieder die Forderung laut wird, die Hisbollah auf die EU-Terrorliste zu setzen. Zuletzt nachdem die bulgarische Regierung erklärt hatte, die Hisbollah sei an einem Attentat in Bulgarien beteiligt gewesen. Dabei waren in Burgas im vergangenen Sommer fünf israelische Touristen, der bulgarische Fahrer und ein mutmaßlicher Attentäter getötet wurden.

"Die Hisbollah hat ihr Waffenarsenal behalten"

Hilal Khashan, Politikwissenschaftler an der renommierten American University of Beirut, arbeitet seit zehn Jahren zur Hisbollah - und ist einer ihrer schärfsten Kritiker. "Wenn ich eine Empfehlung abgeben sollte, oder wenn es an mir wäre, Einfluss zu nehmen, dann würde ich den Politikern sicherlich sagen, dass die Hisbollah eine Terror-Organisation ist."

Denn, so Khashan weiter, die Hisbollah habe seit ihrer Gründung Mitte der 80er-Jahre als Terrororganisation gehandelt: "In den 80er-Jahren haben sie Geiseln genommen, was leicht damit zu rechtfertigen war, dass sie auf diese Weise gegen die Besatzungsmacht gekämpft haben." Nachdem sich die Israelis im Jahr 2000 aus Libanon zurückgezogen hatten, habe die Hisbollah ihr Waffenarsenal behalten und im Libanon gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt, so Khashan. Als Beispiele nennt er das Jahr 2008, als die Hisbollah sich gegen die damalige Regierung wandte, die sie entwaffnen wollte, und die Zeit seit 2011: Seit zwei Jahren sei die Hisbollah auf Seiten Assads aktiv im Bürgerkrieg in Syrien.

Doch die Hisbollah ist weit mehr als eine Miliz, die ein größeres Waffenarsenal besitzt als die libanesische Armee. Für manche Libanesen - überwiegend schiitische Muslime - ist die Hisbollah der Staat. Denn: Sie ist eine Sozial-Bewegung, die Waisenhäuser, Kindergärten, Schulen und Krankenhäuser unterhält; sie ist Spenderin - im Notfall oder bei Arbeitslosigkeit.

Ein islamischer Libanon - nach dem Vorbild Iran

Unterstützerinnen der Hisbollah bei einer Kundgebung in Beirut | Bildquelle: picture alliance / dpa
galerie

In Teilen der Bevölkerung genießt die Hisbollah hohes Ansehen: Unterstützerinnen bei einer Kundgebung in Beirut.

"Die Hisbollah ist eine Bewegung, die ihre eigenen Leute bedient; eben die Hisbollah-Gemeinschaft", sagt Politikwissenschftler Khashan. Sie habe ihre eigene Kultur und ihre eigenen Mechanismen. "Die öffentlichen Angelegenheiten sind ein Teil davon; aber die Mission der Hisbollah geht darüber weit hinaus." Die Hisbollah ist obendrein auch noch politische Partei. Und deren Ziel sei es, sagt Khashan, aus dem Libanon einen islamistischen Staat zu machen nach dem Vorbild Irans.

In den 80er-Jahren hatte die Hisbollah das verkündet; später rückte sie offiziell von diesem Programm ab. Hilal Khashan hält das jedoch lediglich für ein Lippenbekenntnis. Das solle die politischen Verbündeten beruhigen - neben einer weiteren schiitischen Partei auch eine Gruppe Christen. Zusammen mit diesen Verbündeten dominiert der politische Zweig der Hisbollah die komplizierten politischen Verflechtungen des Libanon; unter anderem das Parlament, aber auch die Regierung.

"Unterscheidet sich nicht vom Dialog mit dem Teufel"

Sollte also die EU die Hisbollah tatsächlich demnächst auf ihre Terrorliste setzen, könnte es soweit kommen, dass europäische Politiker dereinst mit libanesischen Regierungsvertretern reden müssen, deren Hintermänner sie zu Terroristen erklärt haben. Vielleicht würde die Hisbollah sogar Gespräche mit den Europäern verhindern.

Wäre es da nicht klüger - auch angesichts des Bürgerkriegs in Libanons großem Nachbarland Syrien - Dialog-Möglichkeiten aufrecht zu halten? "Dialog mit der Hisbollah unterscheidet sich nicht vom Dialog mit dem Teufel", antwortet Politikwissenschaftler Khashan auf diese Frage. "Die Libanesen haben den Dialog Jahre lang gesucht. Aber die Hisbollah geht nur auf Gespräche zu ihren Bedingungen ein. Und eine Bedingung ist, dass sie ihre Waffen behält, mit denen sie ihre Herrschaft über den Libanon sichert. In einem Dialog gibt es das Gleichgewicht von Geben und Nehmen; im Umgang mit der Hisbollah ist dieses Gleichgewicht verloren."

"Und warum sollte die EU den Dialog mit der Hisbollah suchen?", fragt Khashan. Scheich Nasrallah, der Kopf der Organisation, habe einst erklärt, dass er ein treuer Soldat des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Khomeini sei. "Da schlage ich doch vor, dass die EU lieber direkt mit den Iranern verhandelt."

"Besänftigende Worte helfen nicht - das lehrt die Geschichte"

Politikwissenschaftler Hilal Khashan sieht die EU in der Pflicht, die Hisbollah auf die Liste der Terror-Organisationen zu setzen - so wie es auch die USA oder Israel getan haben. "Wenn ich eine Entscheidung fällen sollte, als Mitglied des EU-Parlaments oder was auch immer, würde ich die Hisbollah zur Terrororganisation erklären. Denn, wenn ich das nicht machen würde, würde ich die Übermacht der Bewegung unterstützen. Dabei müsste man daran arbeiten, diese Macht zu brechen."

Jemand müsse den sicherlich schmerzhaften Prozess beginnen, die Hisbollah vom libanesischen System abzuspalten. "Souveräne Staaten müssen harte Entscheidungen treffen. Besänftigende Worte helfen nicht - das lehrt die Geschichte", so Khashan.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. Juli 2013 um 15:00 Uhr.

Darstellung: