Kaianlagen des Hafens in Berdjansk | Bildquelle: dpa

Chronik der Krimkrise Die Wurzel des Schwarzmeer-Konflikts

Stand: 28.11.2018 06:29 Uhr

Die Ursache für die jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine liegt vier Jahre zurück. Kai Küstner blickt auf die Anfänge des Konfliktes am Schwarzen Meer und die Rolle des Westens.

Von Kai Küstner, NDR

Alles begann mit einem verweigerten Namenszug: Nachdem der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch es im November 2013 auf russischen Druck hin ablehnte, seine Unterschrift unter ein Partnerschaftsabkommen mit der EU zu setzen, trieb das die Menschen in Kiew auf die Straße.

Gewalt auf dem Maidan

Als die ukrainische Regierung dann versuchte, die pro-europäischen Proteste auf dem Maidan in der Hauptstadt niederzuschlagen, setzten auch die Demonstrierenden zunehmend auf Gewalt. Schließlich floh Janukowitsch nach Russland.

Der Machtkampf mit Moskau schien einen Sieger hervorgebracht zu haben: die EU. Doch dann geschah etwas, was im Westen niemand hat kommen sehen - selbst Militärs und Geheimdienste nicht.

Viktor Janukowitsch
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Viktor Janukowitsch setzte sich wegen der Maidan-Proteste nach Russland ab.

Annexion der Krim

Nach und nach, Stützpunkt für Stützpunkt, brachte Russland im Frühjahr 2014 die zur Ukraine gehörende Krim-Halbinsel unter seine Kontrolle - und verleibte sie sich schließlich endgültig ein. Was EU, NATO und die USA seitdem beständig als "erste gewaltsame Grenzverschiebung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg" brandmarken, betrachtet Russlands Präsident Wladimir Putin als Umsetzung des "Volkswillens" auf der Krim.

Auch in der Ostukraine griff Moskau ein, sicherte sich somit langfristig Einfluss auf die Geschicke des ukrainischen Nachbarn. Zum Preis allerdings einer Schockfrostung der Beziehungen zum Westen. Die EU reagierte im Sommer 2014 mit schmerzhaften Wirtschaftssanktionen, die zum Leidwesen Moskaus noch heute in Kraft sind.

NATO rüstet auf

Die NATO greift militärisch zwar in den Konflikt nicht direkt ein - die Ukraine ist schließlich kein Mitgliedsstaat - verordnet sich selbst aber einen radikalen Kurswechsel: weg von der Konzentration auf überschaubar erfolgreiche Auslandseinsätze wie dem in Afghanistan und hin zur Verteidigung des eigenen Bündnisgebiets.

Das soll die Nervosität bei Alliierten wie Polen oder den baltischen Staaten eindämmen. "Wir haben die stärkste Aufstockung unserer kollektiven Verteidigung in Europa seit Ende des Kalten Krieges vollzogen", erklärte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg.

Das Bündnis legt sich eine sogenannte "superschnelle Eingreiftruppe" zu. Die Alliierten versprechen sich gegenseitig, nach jahrelangen Kürzungen wieder mehr Geld in ihre Armeen zu stecken. Alles wegen Russland.

"Die NATO versucht, das Klima des Kalten Krieges wieder herzustellen", schimpfte Russlands Außenminister Sergei Lawrow. In Brüssel sieht man das natürlich anders. Fest steht: Die Beziehungen von NATO und EU zu Moskau rutschen auf Gefrierfachtemperatur.

Eine Frau schwenkt eine Russland-Fahne, während im Hintergrund zwei Männer den Schriftzug der autonomen Republik Krim vom Parlament in Simferopol, Ukraine, demontieren.
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Nachdem Russland die Krim unter seine Kontrolle brachte, verhängte der Westen Sanktionen.

Verschiebung der Machtbalance

Selbstverständlich geht es bei dem Streit um die strategisch wichtige Krim auch um Einfluss im Schwarzen Meer, an das auch drei NATO-Staaten - die Türkei, Rumänien und Bulgarien - direkt angrenzen.

"Die andauernde Militarisierung der Krim, des Schwarzen Meeres und des Asowschen Meeres durch Russland stellt eine weitere Bedrohung der ukrainischen Unabhängigkeit dar und untergräbt die Stabilität der Region", erklärten die NATO-Staats- und Regierungschefs auf ihrem Brüsseler Gipfel im Juli.

Wenige Wochen zuvor hatte Putin sich öffentlichkeitswirksam ans Lenkrad eines LKW gesetzt und jene Brücke eingeweiht, die Russland nun mit der annektierten Krim-Halbinsel verbindet - und die über die nun zur Krisenregion gewordene Meerenge am Zugang zum Asowschen Meer führt.

Das Problem: Nicht nur zu Land, auch zu Wasser ist zwischen Russland und der Ukraine umstritten, wem welches Territorium gehört. Dass der Konflikt zwischen den beiden nun mit Macht zurück auf die Tagesordnung drängt, berührt unweigerlich auch Interessen der NATO und der EU.

Wurzel des Schwarzmeer-Konflikts - Krim, EU und NATO
Kai Küstner, ARD
28.11.2018 01:21 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. November 2018 um 06:00 Uhr.

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