Heuschrecken fliegen über ein Feld in Kenia | Bildquelle: dpa

Heuschrecken in Kenia "Vergesst auch diese Plage nicht"

Stand: 26.03.2020 10:11 Uhr

Während weltweit die Corona-Pandemie bekämpft wird, hält in Ostafrika eine andere Plage an: die Heuschrecken-Invasion. Aber ausgerechnet das Coronavirus behindert die Maßnahmen gegen die Insekten.

Von Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi

Knapp 40 Heuschrecken flattern in einem Kasten aus Plexiglas herum. Eingefangen auf einem Feld in Kenia sollen sie jetzt der Wissenschaft neue Erkenntnisse bringen.

"Wir haben hier einige Weibchen", erklärt Professor Jacques Kaburu von der Universität Nairobi. Er ist der Heuschrecken-Experte in Kenia. "Wir wollen vergleichen, wie viele Eier diese wilden Heuschrecken legen - verglichen mit den Insekten, die wir schon seit Jahren hier im Labor haben."

Schlimmste Plage seit Jahrzehnten

Jahrelang forschte Kaburu eher unbeachtet in seinem Labor. Doch seit das Land die schlimmste Heuschreckenplage seit Jahrzehnten erlebt, ist er mit seinem Wissen ein gefragter Mann. Die Insekten fielen Ende vergangenen Jahres in Ostafrika ein. "Sie kommen ursprünglich aus dem Süden Saudi-Arabiens, aus dem Oman und Jemen", erklärt Kaburu. "Die Heuschrecken sind von dort bis hierher geflogen. Der Wind hat sie bis nach Kenia getragen."

UN: Zahl könnte um das 500-fache steigen

Auch die Nachbarländer sind von der Plage betroffen. Ein Schwarm kann sich über eine Fläche erstrecken, die so groß ist wie das Saarland. Er vernichtet die tägliche Nahrungsgrundlage von mehreren 100.000 Menschen. In Kenia sind schon viele Felder kahl gefressen. Die weiblichen Heuschrecken haben Millionen von Eiern in den Boden gelegt, aus denen jetzt die nächste Generation hervorkommt, sagt Kaburu.

"Die Bedingungen sind gut, die Temperaturen und auch die Feuchtigkeit. Das bedeutet, dass mehr als 90 Prozent der Heuschrecken tatsächlich schlüpfen."

Heuschrecken sitzen auf einem Busch in Kenia | Bildquelle: dpa
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Die weiblichen Heuschrecken haben Millionen Eier gelegt, aus denen die nächste Generation kommt. Und die Bedingungen für die Heuschrecke sind gut in Kenia.

In den vergangenen Monaten hat es in Ostafrika ungewöhnlich viel geregnet. Das Klima trägt dazu bei, dass die Heuschrecken sich mehr als sonst vermehren können. Die Vereinten Nationen warnten schon vor Wochen, dass die Zahl der Insekten bis Mitte des Jahres um das 500-fache steigen könnte. Kenia will das verhindern.

Pestizide gegen die Insekten

In den vergangenen Wochen sind Freiwillige ausgebildet worden, um am Boden Pestizide zu versprühen. Vor allem auf die frisch geschlüpften Heuschrecken, die noch keine Flügel haben und sich deshalb nicht so schnell bewegen. Aber auch aus der Luft werden die Insekten bekämpft.

Kleinmaschinen sind über den Regionen unterwegs, in denen besonders viele Heuschrecken ausgemacht wurden. So wie in dem Gebiet, in dem die Samburu leben, die vor allem Viehhirten sind.

William Lerosion, eine Art Ortsvorsteher, beschreibt, wie sein Land jetzt aussieht, nachdem ein Heuschrecken-Schwarm durchgezogen ist: "Sie haben alles Gras abgefressen und auch die Blätter von den Bäumen. Das ist für uns ein großes Problem, denn wir wissen jetzt nicht mehr, wo wir unsere Kühe und Ziegen grasen lassen sollen."

Ein Kind läuft über ein Feld mit Heuschrecken | Bildquelle: dpa
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Der Einsatz von Pestiziden gegen die Heuschrecken verursacht gesundheitliche Probleme bei den Menschen.


Gesundheitliche Beschwerden

Die Samburu leben in Hütten, die aus Kuhdung und Zweigen gebaut werden. Viele klagten nach dem Versprühen der Pestizide über gesundheitliche Beschwerden, erzählt ein Dorfältester: "Das Problem ist, dass sie auch dort gesprüht haben, wo die Leute leben. Direkt über den Hütten. Einige Kinder haben sich danach übergeben."

Ob die Sprühaktionen wenigstens ihr Ziel erreichen, lässt sich noch nicht abschätzen. Der Ortsvorsteher ist eher skeptisch. "Als sie gesprüht haben, sind einige Heuschrecken gestorben, aber viele nicht. Sie haben sich in neue Schwärme aufgeteilt und sind weiter gezogen. Einige kleine Gruppen sind noch hier."

Ein Pilz gegen die Plage?

Die Erkenntnisse der Forscher an der Universität von Nairobi könnten helfen, die Insekten mit neuen Methoden zu bekämpfen. Kaburu hält die von der UN-Landwirtschaftsorganisation empfohlenen Pestizide zwar auch für wirksam. Aber um Menschen und Umwelt zu schützen, plädiert er zusätzlich für ein anderes Mittel: einen Pilz.

"Selbst Insekten wie die Heuschrecken haben ihre eigenen Krankheiten", erklärt Kaburu. "Wissenschaftler haben einen Pilz isoliert, der nur die Heuschrecken infiziert, wenn die Sporen auf Feldern versprüht werden. Leider dauert es dann noch ein bisschen, bis die Heuschrecken sterben - etwa zwei bis drei Wochen."

Nachschub fehlt - wegen Corona

Aber langfristig schätzt er die Erfolgsraten gut ein. Besonders wenn außerdem in kontrolliertem Rahmen noch Pestizide eingesetzt würden. Doch das könnte jetzt schwierig werden. Der Nachschub fehlt, denn die Mittel müssen importiert werden. Wegen der Corona-Pandemie funktioniert das nur noch schleppend, teilte das kenianische Landwirtschaftsministerium mit. Viele Grenzen sind geschlossen und Flüge abgesagt. Kaburu fürchtet die Auswirkungen.

"Ich glaube, die Situation wird nicht besser. Es ist am wichtigsten, dass wir Sprüh-Teams im Einsatz haben. Wir haben jetzt erfahrene Kräfte, aber die müssen unterstützt werden. Vor allem brauchen sie Flugzeuge, Chemikalien und die nötige Ausrüstung."

Das Coronavirus könnte den Kampf gegen die Heuschrecken lahm legen. Viele Kenianer aus den betroffenen Regionen fordern die Regierung auf Twitter auf: Vergesst auch diese Plage nicht.

Kampf gegen Heuschrecken - Unterstützung aus der Wissenschaft
Antje Diekhans, ARD Nairobi
26.03.2020 09:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. März 2020 um 05:45 Uhr.

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